Neues aus dem Goldfischglas

Seit es die Cloud gibt, schließe ich mein Büro nicht mehr ab. Wozu auch, die Hardware altert sowieso schneller, als man sie aus dem Fenster werfen kann. Bleiben noch meine Dateien. Aber wer ist heute noch so verrückt, Informationen auf Datenträgern abzulegen, die andere Leute einfach in die Tasche stecken könnten? Die Cloud steckt niemand ein.

Darin steckt für mich persönlich eine große Sicherheit: Kein Problem, wenn Festplatten kaputt gehen, ich muss nicht sorgenvoll den CD Roms beim Altern zuschauen und mich fragen, wie lange es wohl dazu noch Lesegeräte gibt. Wasser- und Einbrüche stellen keine große Bedrohung dar, heissa, das sorglose Leben beginnt.

Darauf habe ich mich gefreut, seit ich vor über zehn Jahren von Jeremy Rifkin das Buch „The Age of Access“ gelesen habe. Eigentum ist so was von altmodisch! Freilich, in Rifkins Betrachtung steckte eine große Portion Kulturpessimismus, aber was ist das schon gegen die ganzen Apps, die mir mein Leben erleichtern: Bücher und Musik aus der großen weltweiten Bibliothek anzapfen,  statt sie ins Regal zu stellen und zu besitzen? Perfekt! Vor allem für Menschen, die gerne und oft umziehen.

Hypercapitalism nennt das Rifkin: Eine Gesellschaft, in der sich alles ständig „auf dem Markt“ befindet und man kein kleines  Stückchen mehr für sich selber auf die Seite räumen kann. Und da auch immer mehr persönliche Bedürfnisse als Ware  vermarktet werden, beschreibt er  zerstörerische Konsequenzen: Aus Menschen werden Konsumenten, die sich sogar ihren Zugang zu Kultur und Austausch erkaufen müssen.

Mehrfach bezieht sich Rifkin auf den 1980 verstorbenen, in letzter Zeit oft gescholtenen und fast entzauberten Altmeister Marshall McLuhan. Er soll ein elitärer, misogyner Reaktionär gewesen sein,  schreibt Frank Schäfer in der Zeit. Sei‘s drum. In McLuhans 1989 postum erschienen Buch „The Global Village“ liest man mit ehrfürchtigem Staunen die Prophezeiung: „In der Zukunft erwartet uns der vergesellschaftete Mensch, der das Goldfischglas als seine natürliche Heimat angenommen hat – nachdem er eingesehen hat, dass die elektronische Spionage bereits zu einer Kunstform geworden ist.“ Chapeau!

Apropos, jetzt bräuchte ich mal Hilfe von so einem Künstler. Ich habe das Passwort für meine Dropbox vergessen.