Wenn Maschinen für Maschinen schreiben

Weil es einfacher ist, Zeitungsmeldungen zu schreiben als Schach zu spielen, haben die ersten Roboterjournalisten den Turing-Test schnell bestanden: Bei einfachen Meldungen kann man nicht herausfinden, ob der Text von einem Menschen oder von einer Maschine geschrieben wurde. Denn eine einfache journalistische Meldung gibt Antwort auf die berühmten sieben journalistischen W-Fragen: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Woher/welche Quelle? Oft kann diese Fragen ein Computer genauso gut beantworten. Und, machen wir uns nichts vor, Menschen verwenden für diese Art von Text auch nur die immer gleichen Textbausteine.

Zentral ist die Geschwindigkeit: Die vom Computer verfassten Texte stehen ratzfatz bereit, da muss kein Journalist geweckt werden, kein Kaffee gekocht, kein Verb gesucht und keine Überschrift von Hand formatiert werden… und wer als Erster meldet, kriegt viele Klicks. In diesem Sinne muss „Verständlichkeit“ neu definiert werden, denn in erster Linie geht es ja darum, dass diese von Computern verfassten Texte von anderen Computern schnell gefunden werden.

Ursprünglich sind Zeitungen aus dem Bedarf nach genau dieser schnellen und nüchternen Information entstanden, nämlich weil die Wirtschaft Nachrichten über Schiffsuntergänge,
politische Krisen oder den Ausbruch von Kriegen brauchte. Im Mittelalter übernahmen von Hand abgeschriebene Kaufmannsbriefe diese Aufgabe. Die ersten gedruckten Zeitungen
erschienen dann zu Beginn des 17. Jahrhunderts, wie es hieß: „Zur befürderung unnd gewinnung der Zeit“, die sonst mit „Abschreiben“ verbracht worden war. Sukzessive kamen
dann zur Nachrichtenproduktion neue Formate wie Leitartikel, Reportagen, Kommentare, Portraits, Glossen und Interviews hinzu.

Mit Hilfe der schreibenden Algorithmen sollen Journalisten genau dafür wieder mehr Zeit gewinnen: vielschichtige Zusammenhänge recherchieren und beschreiben, statt schnöde Nachrichten produzieren. Das wäre schön. Theoretisch. Warum aber befürchte ich, dass ich nur immer noch mehr zugemüllt werde mit austauschbarem „Bliblablo“? Weil sich viele Verleger und Content-Manager über Algorithmen freuen, die weder Gehalt noch Krankenversicherung
brauchen und trotzdem viele irgendwie verständliche Sätze auf die Seiten bringen. Egal, soll mein Computer halt den langweiligen Unfug lesen.

Herzlich,
Ihre Susann Mathis