Was Journalisten motiviert

Und täglich grüßt die neue Chance
5 Ansichten dazu, was Journalisten motiviert

Das viele Geld kann es nicht sein. Auch Macht oder Ruhm scheiden in den meisten Fällen als Lockmittel aus. Aber trotzdem scheinen viele ihren Beruf zu lieben. Was also ist es, was jeden Tag aufs Neue Journalistinnen und Journalisten zu ihrer Arbeit motiviert?

Dass in unserer Branche viel gejammert wird, ist schon legendär. Und es gibt auch Unterstützung von prominenter Seite. Der US-amerikanische Professor für Psychologie und Erziehungswissenschaft Howard Gardner hat untersucht, welche Berufe am glücklichsten machen und dazu 1.200 Menschen aus neun verschiedenen Berufen interviewt. In seinem Buch „Good Work“ hebt er zwei Berufe als die beiden entgegengesetzten Pole seiner Untersuchung hervor: Die Genforscher sind enthusiastisch – die Journalisten sind mutlos. Eine zentrale Ursache dafür sei, dass beide Berufsgruppen diametral entgegengesetzte Erfahrungen mit dem Fortschritt machen. Während Genforscher technischen Fortschritt als eine Erweiterung ihres Horizonts und ihrer Möglichkeiten begrüßten, bedeuteten für Journalisten technische Neuerungen ständige Korrekturen davon, wie sie ihren Auftrag wahrnehmen und das heißt: Da sich die Öffentlichkeit im eigenen Informations- und Unterhaltung-Tsunami selbst ertränkt, wird es für Journalisten immer schwieriger, Pfade im Informationsdschungel zu weisen.

Richard Klug

Richard Klug, Foto: Gavyn Stevens, Quelle: swr

Aber man kann es auch positiv sehen, denn der Medien-Fortschritt vergrößert den Spielraum und die Informationsbasis der Journalisten, auch wenn für viele „posten“ und „twittern“ noch nicht zu den unverzichtbaren Kulturtechniken gehören. Richard Klug sieht das gelassen: „Man könnte auch sagen: Im Großen und Ganzen hat sich nichts geändert, denn nicht „was“, sondern „dass“ du es bringst, ist wichtig, und zwar schneller als die anderen. Nur ist inzwischen mit den sozialen Medien eben die Anzahl der Kanäle deutlich gewachsen.“ Der ehemalige ARD-Korrespondent ist beim SWR und hat in den vergangenen Jahren aus den unterschiedlichsten Auslandsstandorten berichtet, zuletzt aus Johannesburg, Südafrika. Inzwischen hat es das Nachrichtengeschäft verlassen und arbeitet viel mit jungen Kolleginnen und Kollegen: „Für die Jungen ist das mediale Multitasking überhaupt keine Last, wie selbstverständlich setzen sie während einer Reportage noch regelmäßig Informationen in den sozialen Medien ab.“

Auch der Karlsruher Unternehmensberater Frank Widmeyer relativiert das Unglück: „Viele Berufsgruppen reklamieren für sich, besonders frustriert zu sein. In den USA sind es angeblich die Anwälte. Man sagt, dass ihre ständige Suche nach dem Motto „Wo ist der Haken?“ die Sicht auf die Welt verstellt.“ Eine ähnliche Berufskrankheit könnte seiner Ansicht nach zwar auch die Journalisten befallen: Man suche nicht mehr nach dem Schönen und dem Guten in der Welt, sondern nur noch nach dem Sensationellen und dem Negativen. „Doch der Journalist sieht im Gegensatz zu vielen anderen ein Ergebnis seiner Arbeit. Das könnte ihn doch sehr zufrieden machen, denn warum sind die Gärtner so glücklich? Weil sie in der freien Natur arbeiten und die blühenden Ergebnisse ihrer Arbeit sehen.“

Doch Howard Gardner hat aus seinen Interviews außerdem angeführt, dass Journalisten häufig nicht das umsetzen können, wofür sie eigentlich angetreten waren. Auf Frank Widmayer könnte er antworten: „Natürlich sehen sie irgendein Ergebnis ihrer Arbeit, aber das ist nicht unbedingt das Ergebnis, welches sie auch angestrebt hatten.“

So ist das in vielen Berufen, in denen man nicht alleine entscheidet. Es wird nicht immer alles gesendet, was man gedreht hat: „Du stehst immer zur Verfügung“, sagt Klug über seine Vergangenheit als Auslandskorrespondent, „das gehört im Nachrichtengeschäfte dazu. Trotzdem dauert die reguläre Tagesschau immer genau 15 Minuten und die Redaktion entscheidet, ob dein Beitrag drin ist.“ Und es wird auch nicht immer alles gedruckt, was man geschrieben hat. Das kann die unterschiedlichsten Ursachen haben, im Nachrichtengeschäft wird die Prioritätenliste immer aktuell justiert. Lokaljournalisten dagegen beschreiben gerne, dass sie, statt über gesellschaftlich und politisch relevante Themen zu recherchieren und zu berichten, inhaltliche Rücksichten auf Anzeigenkunden nehmen und wertvollen redaktionellen Platz für Berichte über Skandale und Sensationen nutzen müssen.

Rüdiger Gramsch, Redaktionsleiter der Neuen Württembergischen Zeitung und mit einer langjährigen Erfahrung als Journalist antwortet auf die Frage, ob Journalisten besonders unzufrieden mit ihrem Beruf sind, gut gelaunt mit dem eigenen hohen Anspruch an die Exzellenz: „Wenn der Journalist seine Aufgabe wirklich wahrnimmt, dann kann er nicht zufrieden sein. Das geht mir auch so. Am nächsten Tag denkt man immer: das hätte ich besser machen können.“ –  Exzellenz und Ethik benennt der Psychologe Gardner die zentralen Pfeiler eines erfüllten Berufslebens, wobei Exzellenz bedeutet, kompetent zu sein im eigenen Beruf und sich Ethik auf die soziale Verantwortung der eigenen Aufgaben bezieht. Wir funktionieren in der Wechselwirkung mit der Gesellschaft. Wer das ernst nimmt, wie Rüdiger Gramsch, wird jeden Tag von neuem die Herausforderung annehmen.

Judith_Hammer

Judith Hammer, Foto: Kristof Lange

Judith_HammerIn den Tarifverhandlungen demonstriert der Verband der Deutschen Zeitungsverleger nur allzu deutlich, wie wenig er den Wert der journalistischen Arbeit anerkennen möchte. Aber käme man durch bessere Gehälter aus der Frustrationsfalle raus? So einfach ist das nicht. Die faire Entlohnung ist eine wesentliche Form der Wertschätzung. Sie kann nicht durch andere Maßnahmen ersetzt werden. Zu wenig Geld demotiviert. Doch umgekehrt funktioniert es nicht, Geld selber motiviert nicht: “Man sollte versuchen soviel zu zahlen, dass das Gehalt kein Thema ist“, sagte Widmeyer und präzisiert: „Faire Entlohnung heißt dabei nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel zu verdienen.“

Auch ohne die Verquickung mit Tarifverhandlungen ist die Frage nach der Anerkennung kompliziert. Regelmäßig tauchen in Deutschlands Zeitungen Überschriften auf die da lauten: „Deutschlands Chefs loben zu wenig! Management-Profis läuft es dabei eiskalt den Rücken hinunter: „Lob findet nicht auf Augenhöhe statt, ehrliche Anerkennung oder Dank fruchten viel mehr.“ sagt Widmeyer. Glaubt man den Aussagen der Kollegen, so droht hier in deutschen Redaktionen jedoch nur wenig Gefahr, gelobt wird selten oder wie manche im Südwesten gerne sagen: „Net geschumpfen isch globt gnug“. Wichtiger, aber auch schwieriger sind wahrhaftige menschliche Beziehungen, und diese haben mit dem schlichten Lob nichts zu tun. Daher hilft es nur, die beiden Ebenen klar voneinander zu trennen: eindeutige Leistungsvereinbarungen auf sachlicher Ebene, Respekt und Vertrauen auf der persönlichen Ebene. Dazu gehört auch ein seriöses Feedback als zentralen Pfeiler einer Anerkennungskultur.

Oft genug erleben auch gerade freie Journalisten, dass ihr Artikel kommentarlos verfälscht wird oder dass ein Zitat eines Interviewpartners gestrichen wird. Da erscheint dann unter ihrem Namen ein Text, mit dem sie sich kaum noch identifizieren können. Ob die Ursache dafür nun inhaltlicher oder formaler Natur war, wäre oft eine hilfreiche Information.

Wesentlich ausgeglichener können fest angestellte Redakteure nachhause gehen, die den Tag mit einer Blattkritik begonnen haben und mit einer lockeren Vor-Blattkritik am Abend beendet haben. So machen es zum Beispiel die Redakteure der Neuen Württembergischen Zeitung. Eingebunden in ein solches kommunikatives System ist dann auch wieder Lob möglich. „Auf der Weihnachtsfeier zeichnen wir immer die Spürnase des Jahres aus. Auch wenn die ehrlich gemeinte Absicht durchschaut wird, freuen sich natürlich diejenigen, die ausgelobt wurden“, berichtet der Redaktionsleiter Rüdiger Gramsch.

Richard Klug sagt über seine eigene Motivation, er wolle immer wieder etwas Neues erleben. „Mich motiviert an meinem Beruf auch, dass die Aufgaben so unterschiedlich sind. Denn früher oder später wird alles Routine, ob Du nun Pilot bist oder Arzt. Und auch als ich aus Johannesburg berichtet habe, war es irgendwann Routine, nach Kapstadt zu fahren – auch wenn sich das noch so aufregend anhört.“

Und viele Kollegen nennen auf die Frage, was sie denn bei ihrer Arbeit motiviert, spontan die Freude darüber, sich selber gedruckt zu sehen, den eigenen Beitrag zu hören, Reaktionen zu erleben. „Natürlich freue ich mich über Feedback der Leser, manchmal auch diebisch, wenn sich ein Politiker ärgert, aber nichts dagegen machen kann. Dass man als Lokaljournalist über Monate hinweg kein Feedback bekommt, gibt es so eigentlich nicht. Oder es sollte einem bezüglich der Relevanz der eigenen Arbeit schwer zu denken geben.“, sagt Christofer Menges, Redakteur der Eberbacher Zeitung. Mit seiner Arbeit ist er zufrieden, wenn er es schafft, einen Artikel zu schreiben, der handwerklich absolut sauber und fehlerfrei ist, spannend zu lesen, sprachlich zumindest an ein, zwei Stellen mit etwas Neuem, Erfrischendem oder Verblüffendem blitzt, und von dem er denkt, dass er von der Qualität her so auch mit den Großen der Branche mithalten kann. Denn das verlangen die Leser, seit sie die Vergleichsmöglichkeit im Internet haben, auch zunehmend im Lokalen. Damit geht seine Argumentation, woher Zufriedenheit kommt, eindeutig in Richtung Unabhängigkeit. In diese Richtung weist auch das Fazit der freien Fachjournalistin Judith Hammer. Die studierte Rechtsanwältin hat nach einer Tätigkeit im Wissenschaftsministerium eine Weiterbildung zur Fachjournalistin absolviert. Sie will mit ihrer Arbeit über mit ihrer Arbeit über Wirtschafts- und Verbraucherthemen informieren und sprödes Tatsachenwissen verständlich machen und sie freut sich, wenn es ihr gelungen ist, etwas präzise und einfach auszudrücken. „Natürlich sind auch Honorare eine Form der Anerkennung. Bei uns freien Journalisten ist das schwierig, da viele nebenberuflich arbeiten, und oft mit lächerlichen Honoraren einverstanden sind. Diese drücken dann die Preise.“ Nach einer ersten optimistischen Phase lernte sie so das Auf und Ab der Freiberufler kennen und hat in den Phasen von Motivation aber auch Frustration verstanden, dass sie die Motivation aus sich selber schöpfen muss, das heißt für sie: „Rückmeldungen erhält man nur sehr unzuverlässig. Ich habe daher gelernt, meine Motivation aus mir selber zu schöpfen, und mich zu lösen von dem, was von außen kommt.“

Leif Frenzel

Leif Frenzel, Foto: Michael M. Roth, MicialMedia

Damit ist Judith Hammer nah dran an den Idealen der Stoiker, denn „Wer seine Emotionen, sein Gefühlsleben von externen Gütern abhängig macht, der macht sich erpressbar“, erläutert Leif Frenzel. Der Karlsruher Philosoph arbeitete nach seinem Studium der Philosophie, Literatur, und Musik über ein Jahrzehnt in der Software-Industrie und hat sich nun als philosophischer Coach und Gründer von Eudaimonia Coaching selbstständig gemacht. „Ein Teil des philosophischen Ideals ist, heute wie damals, mehr Gelassenheit und Ruhe zu bekommen. Das mündet in die Aufgabe, die Verstrickung von Emotionalität und Rationalität aufzulösen.“ Frenzels Ansicht nach kommen Empfindungen wie etwa Langeweile oder Frustration daher, dass wir „die Welt“ für unser Wohlbefinden verantwortlich machen. „Wir fragen zu wenig „was kann ich machen“! Man kann nicht alles ändern. Aber was man ändern kann, das geht typischerweise von einem selbst aus, und nicht von anderen.“

Der Journalist als Wächter, als das Auge der Nation, das sei ein sehr hoher Anspruch. Zwangsläufig muss eine solche Ambition im Alltag revidiert werden, so Frenzel. Das ist der Stoff, aus dem Enttäuschungen gemacht werden. Was also soll man nach Ansicht der Philosophen tun? „Philosophen haben im Laufe der Jahrtausende kluge Konzepte und wirkungsvolle Techniken entwickelt, um Antworten auf die Fragen zu finden: wer bin ich und wie führe ich mein Leben am besten? Am besten beginnt man mit dem einzelnen Tag. Wer sich abends fragt: wie war mein Tag, was war gut, was war schlecht, was kann ich besser machen, kann mit der Zeit immer weitere Kreise ziehen. Und am Schluss die Frage beantworten: verbringe ich meine Lebenszeit optimal? Hier beginnt die Philosophie.“ Da gibt es Parallelen zum journalistischen Alltag, auch Journalisten fragen sich täglich: was war gut und was können wir besser machen? Das ist schon mal gar nicht so übel, schließlich bieten nicht alle Berufe jeden Tag eine neue Chance.

erschienen in Blickpunkt 1/2014: www.djv-bw.de

———————————————————————————————————————–Video: noch ne Meinung dazu: Michalis Pantelouris war mal Journalist. Er war Redakteur bei Max, Chefreporter und Textchef bei FHM, Ressortleiter und Textchef bei GQ. Für Burda entwickelte er das Magazin Ivy. Heute arbeitet er bei einem Direktvertrieb für hochwertiges Olivenöl. Beim jüngsten Reporterforum hielt er einen sehenswerten Kurzvortrag darüber, warum Menschen unglücklich in ihrem Beruf sind. Besonders Journalisten.