Medienprofis kommentieren Stuttgarter Redaktionsfusion

Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten werden fusionieren: Zwei Zeitungen in einer Landeshauptstadt teilen sich ab Mai 2016 nur noch eine Redaktion. Kritiker befürchten eine weitere Reduzierung der Pressevielfalt, motiviert durch eine rein betriebswirtschaftliche Entscheidung. Mit der Unterzeichnung eines Eckpunktepapiers endeten am 07. Juli die wochenlangen Verhandlungen zwischen Geschäftsleitung und Betriebsräten. Die Online-Redaktionen von Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung dagegen werden schon jetzt zusammengelegt, die Ankündigung im März erregte viel weniger Aufsehen.
Wie Medienprofis diese Fusion beurteilen, warum Print aufregt und Online unbemerkt fusioniert und welche neuen Anforderungen in einer solchen Mischredaktion entstehen habe ich mit mehreren Medienprofis besprochen:

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Prof. Dr. Gabriele Goderbauer-Marchner, Universität Bundeswehr lesen

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Joachim Braun, Chefred. Nordbayerischer Kurier, Bayreuth lesen

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Horst Röper, Geschäftsführer formatt-Institut, Dortmund lesen

SRM web

Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl, Universität Lugano lesen

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Professor Dr. Ralf Hohlfeld, Universität Passau lesen

Prof. Dr. Gabriele Goderbauer-Marchner, Universität der Bundeswehr München

Was denken Sie über die Fusion der Redaktionen der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Zei­tung?
Die Nachricht hat mich überrascht, weil ich der Meinung bin, dass die südwestdeutsche Medien Holding ein großes und gesundes Unternehmen ist, so dass in meiner Wahr­nehmung die jetzt realisierte Fusion ein fal­sches Zeichen setzen könnte: Die beiden Zeitungen haben durchaus unterschiedli­che Ausrichtungen und ein Medienhaus dieser Größenordnung müsste auch die mediale Vielfalt im Kopf haben. Wenn aber zwei unterschiedliche Blätter in der glei­chen Redaktion produziert werden und dann ein Dutzend Autoren dafür sorgen soll, dass die unterschiedlichen Tendenzen auch zum Tragen kommen, und wenn das dann auch noch Zukunftsprogramm ge­nannt wird, dann erscheint mir das für die Pluralität der Medienarbeit ein äußerst schwaches Signal . Das lässt eher befürch­ten, dass man in ein paar Jahren in Stutt­gart vielleicht gar keine zwei Zeitungen mehr benötigt. top
Viele sagen, die SWMH müsse vor allem sparen, da sie sich mit der Übernahme des Süddeutschen Verlages übernommen habe.
Das Engagement bei der Süddeutschen Zei­tung mit Sitz in München darf nicht den Ausschlag geben, dass man an einem ande­ren Standort, nämlich in Stuttgart, zwei unterschiedlich ausgerichtete Zeitungen/Kopfblätter fusioniert. Natürlich ist die wirtschaftliche Situation in der Me­dienlandschaft angespannt, insofern gibt es zwei Überlegungen: entweder man geht den Weg mancher amerikanischer Medien­häuser, die Print komplett einstellen und nur noch online unterwegs sind, oder man versucht, die Printausgabe mit Einschnit­ten zu halten. Ein besserer Weg wäre, Print- und Onlinestrategien zu kombinie­ren. top
Warum bringt die Fusion von den beiden Printtiteln die Kritiker in Position und gleichzeitig geht die Fusion der Onlinere­daktionen relativ unbemerkt vonstatten? Liegt hier nicht ein Fehler bei den Schwer­punkten?
Ich denke, dass bei etlichen Medienhäusern immer noch die Überlegung existiert, „Print First“. Das ist falsch. Ein Gegenbei­spiel ist der nordbayerische Kurier in Bay­reuth, sein Chefredakteur Joachim Braun fährt hier eine sehr mutige, pfiffige und in­novative Strategie. Wir müssen online stärken und Print und online müssen sehr viel enger verzahnt werden. Und wir müs­sen, wenn wir über Verlagsstrategien, über journalistische Strategien und über unsere Zielgruppen sprechen, noch sehr viel in­tensiver über Social Media Content nach­denken. Aktuell klatscht man in die sozialen Netzwerke irgendwelche Über­schriften und angeteaserte Texte von On­line oder Print rein. Ich bin der Meinung, dass den sozialen Netzwerken von journa­listischer Seite sehr viel höhere Aufmerk­samkeit und ein sehr viel höheres Qualitätsbewusstsein entgegengebracht werden sollte. top
Sie unterscheiden zwischen den Digital Immigrants und den Digital Natives. Brauchen wir eine vollkommen neue Ge­neration in den Redaktionen?
Ich bin der Meinung, dass wir einen Generationenmix brauchen, in welchem die Jüngeren von den Älteren lernen können und umgekehrt. Es ist definitiv ein Novum, dass man sich eingestehen muss:
Und ein Medienhaus muss auf eine kombinierte Strategie von Print und Online setzen, das wäre der rich­tige Weg in die Zukunft. top

Horst Röper, Geschäftsführer formatt-Institut Dortmund

Erstaunt Sie diese Redak­tionsfusion?
Nein, das ist ja nichts Neues, dass ein Haus zwei Zeitungen im selben Ver­breitungsgebiet unterhält und diese Zeitungen stramm durch Kooperationen miteinander verbindet: Der Zeitungsverlag Aachen gibt zwei Zeitungen heraus, die inhaltlich weit­gehend identisch sind. Der Weser-Kurier und die Bremer Nachrichten sind völlig identisch. Hier in Nordrhein-Westfalen fin­den wir innerhalb des WAZ-Konzerns immer mehr deckungsgleiche redaktionelle Seiten oder zumindest Berichte auf den Seiten. Das ist auch beim WAZ-Konzern in Thüringen ähnlich. – Also diese Form der redaktionellen Kooperation war nicht überraschend, zumal es ja auch in der Branche bekannt ist, dass die SWMH immer noch schwer zu tragen hat an der Übernahme des Süddeutschen Verlages. top
Sie haben nun einige schon vollzogene Kooperationen und Fusionen benannt – ich stelle mir nun die Arbeit in einer solch fusionierten Redaktion sehr schwierig vor, nicht zuletzt weil zwei Kulturen auf­einanderprallen, die sich nicht unbedingt immer gewogen sind. Was geschieht nach der Fusion in einer solchen Redaktion?
Das ist in der Tat schwierig, weil man es in aller Regel nicht mit einer Kooperation von Gleichen zu tun hat. In der Region rund um Köln zum Beispiel sind die Redaktio­nen vom Kölner Stadt-Anzeiger und der Kölnischen Rundschau zusammengelegt worden. Das über Jahrzehnte gewachsene Selbstverständnis der Stadt-Anzeiger Re­daktion lautete: wir sind die Großen und die anderen sind die kleinen Katholen, auch wenn das zum Teil aber in den Ver­breitungsgebieten gar nicht passte. Je weiter man von Köln weg geht, umso stärker wird die Kölnische Rundschau, etwa in der Eifel oder im Oberbergischen Land. Und aus der Redaktion von der Rundschau da gab es eben auch immer wieder viele Leute, die hätten lieber für den Stadt-Anzeiger gear­beitet. Solche Redaktionen zu verbinden ist von daher natürlich nicht einfach. Die Journalisten vor Ort haben sich eben oft als Wettbewerber, als Konkurrenten empfun­den, obwohl sie schon seit Jahren zum sel­ben Haus gehören, aber redaktionell bis dato eben getrennt waren. Und nun packt man diese Leute in eine Redaktion. Natür­lich ist das schwierig und dauert seine Zeit, bis die Leute sich als Team verstehen. top
Ist diese Fusion in Stuttgart denn viel­leicht langfristig eine kluge Entscheidung, da für die Zeitungen die Auflagen und die Werbeeinnahmen kontinuierlich sinken?
Klug ist das nie unter dem Aspekt, dass wir Vielfalt wollen und diese Vielfalt ja auch vom Grundgesetz eingefordert wird. Vielfalt heißt eben, unterschiedliche, originäre journalistische Quellen. Die werden so in und um Stuttgart herum allmählich verschwinden. Unter dem publizistischen As­pekt also ist das eine sehr traurige Angelegenheit, zumal wir es ja mit einem ökonomisch starken Gebiet zu tun haben. Wenn nun diese beide Zeitungen in der Lü­neburger Heide erscheinen würden, wären sie natürlich schon längst zusammengelegt worden. Aber in dem ökonomisch starken Umfeld hatte man ja eigentlich immer die Hoffnung haben können, dass sich auch zwei Zeitungen mit eigenständigen Redak­tionen, auch aus Sicht der Verleger, noch rechnen. Das ist jetzt eben nicht mehr der Fall, die SWMH will dringend sparen und unter publizistischen Aspekten ist das eine Katastrophe. Zumal davon noch viele an­dere Zeitungen abhängen: Die Stuttgarter Nachrichten sind ein gewichtiger Zuliefe­rer, auch über die Landesgrenzen hinaus, aber zum einen auch in Richtung Süden, zum Schwarzwälder Boten, aber auch nach Nordbayern, nach Thüringen und letztlich für die vielen kleinen Verlage die von den Stuttgarter Nachrichten den Mantel bezie­hen. top
Online wird schon ab sofort und nicht erst nächstes Jahr in einer Redaktion er­stellt, diese Fusion ging aber vergleichs­weise unbemerkt vonstatten. Was halten Sie davon?
Wir kennen solche Kooperationen im Printbereich schon seit langem, in der Regel sind sie früher anders aufgesetzt wor­den. Also zum Beispiel zunächst Koopera­tionen in der Sportredaktion, dann wurde vielleicht das Feuilleton fusioniert oder die bunten Seiten und dann irgendwann mal die Wirtschaft und letztlich dann auch die Politik. Will heißen: auch in Baden-Würt­temberg muss man davon ausgehen, dass das erst der Einstieg ist in ein Kooperati­onsverfahren, an dessen Ende ein einheitli­ches Produkt steht. Das ist natürlich die große Gefahr, basierend auf den Erfahrun­gen, die wir mit Pressekonzentration im Laufe der vergangenen Jahre gesammelt haben. Was Online anbelangt: Sie haben in Stuttgart die besondere Situation, dass sie eine eigenständige Onlineredaktion haben. Das gibt es ja in vielen Häusern so nicht, dort gibt es manchmal nur einen einzigen oder ein paar Kollegen, die dieses für Print erstellte Material für online aufbereiten. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum die Online-Fusion nicht so sehr ei­genständig wahrgenommen worden ist, sondern viele Kollegen von der Situation ausgehen, die Printredaktion arbeite bime-dial und bestücke auch den online-Kanal. top
Sie sagten, die Vielfalt werde weiter ver­schwinden, wie bildet sich ein solches Sze­nario denn dann weiter aus?
Wenn wir nun die Kooperation der Onlineredaktion als erste Stufe bezeichnen, so ist die Zusammenlegung der beiden Print-Redaktionen der Stuttgarter Nachrichten und der Stuttgarter Zeitung die zweite Stufe und ich fürchte, in der dritten Stufe werden wir dann weitgehend vereinheitlichte Produkte haben mit unterschiedlichen Bezeichnungen, aber mit identischen Inhalten. top

Joachim Braun, Chefredakteur Nordbayerischer Kurier Bayreuth

Hat Sie diese Fusion er­staunt?
Nein, überhaupt nicht, zwar ist Stuttgart eine Großstadt, aber dass dort auf Dauer zwei Redaktionen nebeneinander existieren und sich auch Konkurrenz machen, hat mich eher gewundert. Grundsätzlich ist eine solche Fusion auch kein Problem, denn bei vielen Inhalten lässt sich darüber diskutieren, inwieweit man diese wirklich zwei Mal von zwei Autoren braucht oder ob man nur einer Tradition Genüge tut. Hier kann man sehr viele Synergien finden und hat dann auch wieder genügend freie Ressourcen, um im Lokalen tatsächlich Vielfalt zu pro­duzieren.
Welches sind denn Ihrer Ansicht nach die wichtigen Themen, bei welchen die Plu­ralität der Quellen weiterhin aufrechter­halten und die Meinungsvielfalt unbedingt gehört werden muss?
Im Fall der Stuttgarter Zeitung und der Stuttgarter Nachrichten müssen sich, meine ich, die Titelseiten nicht nur op­tisch, sondern auch thematisch unterschei­den, auch die Kommentare müssen sich unterscheiden, aber Gemeinsamkeiten bei den Nachrichten, den Korrespondenten oder etwa der überregionalen Sportbe­richterstattung halte ich für unproblema­tisch. Beim Gros des Materials ist relativ egal, ob es nun von der Stuttgarter Nach­richten oder von der Stuttgarter Zeitung kommt. Ich bin überzeugt, man kann so eine Fusion intelligent lösen. Eine Zeitung darf ihre Emotionalität und ihre DNA nicht verlieren, aber wenn Synergien clever gemanagt werden, ist dagegen nichts ein­zuwenden. Ein Beispiel für eine solche Lö­sung ist Pegnitz, eine kleine Stadt zwischen Nürnberg und Bayreuth. Dort gab es bis vor drei Jahren zwei Lokalausgaben, eine von uns und eine von den Nürnberger Nachrichten. Die Inhalte waren damals schon einigermaßen identisch, weil es in einer solchen Kleinstadt nicht viele freie Mitarbeiter gibt, und so haben die Mitar­beiter von jeher für beide Zeitungen ge­schrieben. Seit drei Jahren arbeiten die beiden Zeitungen in einer Redaktion zu­sammen und machen trotzdem ihren eige­nen Aufmacher und schreiben unterschiedliche Kommentare. Das passt, weil die Leser der Nürnberger Nachrichten ihren privaten oder beruflichen Fokus nach Nürnberg richten und die vom Nordbaye­rischen Kurier eher nach Bayreuth, daher sage ich solche Modelle können funktionieren, wenn sie clever gemacht sind und wenn sie nicht missbraucht werden als reine Sparmodelle. Natürlich höre ich auch immer das Wort Pressevielfalt, das ist alles schön und gut, aber das muss eben auch fi­nanziert werden können. top
Wir haben bislang kein überzeugenden Erlösmodell für online und auf dem Weg dahin kann auch weiterhin noch ganz schön viel schief gehen, was ist denn Ihre Vorstellung von der Zukunft der Zeitung?
Ja, ich glaube die Zeitungsverlage in Deutschland haben nach wie vor ein Defi­zit bei der Anerkennung der Wichtigkeit von online. Und die Onlineredaktionen sind in der Wahrnehmung vieler printge-triebener Redakteure immer noch ein An­hängsel. Das ist ein ganz langer Prozess mit viel Überzeugungsarbeit, bis die Onliner die Anerkennung bekommen, die sie ei­gentlich haben. Ich bin der Meinung, dass das Geschäftsmodell Zeitung sterben wird. Noch lebt es, und wirft Gewinne ab, aber man kann das Ende absehen. Das mag von mir aus auch noch lange dauern, aber Verlage müssen jetzt darauf reagieren, da sie noch genügend Kraft haben, etwas zu verändern. Der Nordbayerische Kurier ist eine kleine Zeitung mit einer Vollredaktion und wir versuchen, die Digitalisierung in der Redaktion dadurch voranzutreiben, dass die Reporter alle für „digital“ arbeiten und die Blattmacher dann am Ende des Tages das Beste aus online holen und daraus die Zeitung machen. Davon profitiert auch die Qualität der Zeitung. Das entscheidende ist, dass die Redakteure sich darauf einlas­sen und nicht versuchen, sich bis zur Pen­sionierung mit dem alten Stiefel durch zu mogeln. top

Professor Dr. Stephan Russ-Mohl, Universität Lugano

Erstaunt Sie diese Redak­tionsfusion?
Ja und nein, es ist ja schließlich nicht die erste. Aber man hat bislang nicht durchwegs positive Erfahrungen mit solchen Fusionen ge­macht, insofern ist es schon ein wenig er­staunlich. Man spart halt Geld damit. top
Zwei Print-Zeitungen in einer Landes­hauptstadt teilen sich ab April 2016 nur noch eine Redaktion. Die Online-Redak­tionen von Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung dagegen werden schon jetzt zusammengelegt, doch diese Ankündigung im März erregte viel weni­ger Aufsehen. Diese war zwar auch nicht mit Stellenabbau verbunden, aber trotz­dem stellt sich die Frage: Setzen Kritiker die richtigen Schwerpunkte?
Wir haben es hier tatsächlich mit einem Problem der selektiven Wahrnehmung zu tun. Die Zukunft gehört ja nun eindeutig online und ist langfristig der wichtigere Part, damit ist diese Online-Fusion natürlich problematischer Gleichzeitig macht eine Online-Fusion aber auch mehr Sinn: Nach der Theorie des “long tail” müssen Sie in einem Markt, also in diesem Fall im Großraum Stuttgart, der erste oder der zweite sein, um Geld zu verdienen. Alle an­deren haben keine Chance, und da ist es selbst für große Player wichtig, die Res­sourcen zu bündeln. top
Gleichzeitig wissen wir, dass jüngere Me­diennutzer, die sich ihre Nachrichten on­line abholen, viel weniger Markentreue entwickeln als der Abonnent einer ge­druckten Tageszeitung — nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Haptik. Macht man sich hier zu wenig Mühe, sich einer dezidierten Markenbildung anzuneh­men?
Online macht es wahrscheinlich noch viel mehr Sinn als bei Printprodukten, sich – auf einen regionalen Markt bezogen — auf eine Marke zu konzentrieren. In der alten Medienwelt war die Arbeitsteilung zwi-schen den Stuttgarter Nachrichten und der Stuttgarter Zeitung sinnvoll — ich habe dort einige Jahre gelebt und kann mich ganz gut erinnern. Mit den beiden Marken konnte man den Markt noch besser abde­cken, als wenn mal alles unter einem Dach und von einer Redaktion hätte erstellen las­sen. Doch damals hat man noch so viel Geld mit Printwerbung verdient, dass man sich zwei Redaktionen auch leisten konnte. Jüngere Leute informieren sich vor allem über die sozialen Netzwerke. Da man aber mit Online-Werbung heute fast kein Geld verdient, außer man heißt Google oder Fa-cebook, bleibt wahrscheinlich betriebs­wirtschaftlich wirklich keine andere Wahl. top
Irgendjemand schrieb, Redakteure der Stuttgarter Zeitung würden sich lieber einen Finger abhacken, als für die Stutt­garter Nachrichten zu schreiben. Haben Sie Erfahrungen, wo eine solche Fusion zwischen sich kulturell doch so unter­schiedlich aufgestellten Partnern funk­tioniert hat?
Probiert wurde das von Springer in Berlin bei der Fusion von Welt und Morgenpost. Ich denke, da hat es auch leidlich funktioniert, bis Springer ein paar Jahre später entschieden hat, wir verkaufen jetzt die Regionalzeitungen. Gruner und Jahr hat es mit der Financial Times Deutschland und mehreren Wirtschaftsmagazinen probiert, das war noch heikler… Es bleibt schwierig, da jede Zeitung oder auch jede Zeitschrift eine eigene Identität hat. Auf den einzelnen Journalisten bezogen, stört mich eine solch arrogante Haltung allerdings. Er sollte die Herausforderung annehmen, nicht nur für Bildungseliten, sondern auch für den Mau­rermeister mit Volksschulabschluss schrei­ben zu wollen und zu können. top
Was müsste unbedingt – sofern sich diese Fusion nun nicht mehr aufhalten lässt – beachtet werden?
Nach den Berliner Erfahrungen mit der Morgenpost und der Welt muss man darauf achten, dass man – wenn man die beiden Titel erhalten will, aber die Redaktionen fusioniert – die Arbeitsteilung nicht zu krass zulasten des schwächeren Partners vollzieht. In meiner Beobachtung war es zeitweise in Berlin so, dass die Mor­genpost mehr oder minder dazu gezwun­gen wurde, einen zur weltpolitischen Lage passenden lokalen Aufmacher zu machen, wie etwa dass in Köpenick jemand gegen den G7-Gipfel demonstrierte. Man sollte daher, um die Identitäten der beiden Zei­tungen zu erhalten, die wichtigsten Blatt­macher beider Redaktionen weitermachen lassen — und so scheint das ja auch geplant zu sein.
Und wie beurteilen Sie die Fusion?
Dass die Journalisten in Stuttgart sauer sind und dass die Gewerkschaften auf die Barrikaden gehen, ist nur zu verständlich. Aber ökonomisch existieren wahrschein­lich wenig Alternativen zur Fusion der bei­den Redaktionen. Natürlich muss der Verlag außerdem die Süddeutsche Zeitung pflegen – das ist der Titel, der hoffentlich auf nationaler Ebene auch online weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird. Es ist stra­tegisch klug, da Geld rein zu stecken – auch wenn ich nicht die Details aus den Bü­chern kenne. top

Professor Dr. Ralf Hohlfeld, Universität Passau

Hat Sie die Nachricht von der Fusion von Stuttgar­ter Zeitung und Stuttgar­ter Nachrichten erstaunt?
Nein. In der aktuellen Si­tuation, in der sich die Tageszeitungen be­finden, werden solche Fusionen immer mehr zur Tagesordnung gehören, denn letztlich erleben wir einen Schrumpfungs­prozess im Journalismus, vielleicht sogar einen Gesundschrumpfungsprozess. top
Was waren Ihrer Ansicht nach die heraus­stechenden Merkmale bei den Redakti­onsfusionen der letzten Jahre?
Auch wenn die Transformationsprozesse unterschiedlich ablaufen, so steht dahinter doch immer das betriebswirtschaftliche Be­mühen, die Renditen halbwegs stabil zu halten. Letztlich geht es dabei immer um das Personal, denn das sind die flexiblen Kosten. span style=“background:#aabbcc“> Da aber die Journalisten die wichtigste Ressource im Pressewesen sind, ist es natürlich ein Fehler, wenn Verleger Stellen abbauen: Das Konvergieren von Medien¬plattformen um Ressourcen zu sparen, führt in der Regel zum Misserfolg. Ansatz­weise wird ja nun in Stuttgart an anderer Stelle wieder reinvestiert, zumindest teil­weise, das ist der richtige Schritt. top
Müssen wir perspektivisch davon ausge­hen, dass nun ein Prozess eingeleitet wird, der einen noch viel größeren Verlust an Meinungsvielfalt verursacht?
Das Meinungsspektrum in Stuttgart leidet, zumindest aus der Ferne betrachtet, nicht so sehr unter dieser Redaktionskoopera­tion. Es scheint, dass die beiden Tageszei­tungen weltanschaulich keine so großen Unterschiede aufweisen. Viel wichtiger ist daher die Frage, ob Themen auf der Strecke bleiben, wenn es zu einer Fusion oder zu einer Teilfusion kommt. Denn das ist die originäre Leistung einer journalistischen Redaktion und die genuine Leistung im Lo-kaljournalismus: Themen aufzuspüren, die bestimmte Nischen bedienen, die gesell¬schaftlich relevant sind, aber eben nicht nur den Vorgaben der Leitmedien folgen
Es wird immer weniger Quellen geben, die unabhängig voneinander recherchiert wer­den und da die Erlösmodelle so schwierig sind, werden wir einen weiteren Schrump­fungsprozess erleben. Da der Journalismus insgesamt seine Trägerfinanzierung verlo­ren hat, wird in den nächsten zwei bis drei Dekaden von den relevanten publizisti­schen Medien eben nur ein Drittel übrigen bleiben und diese werden nur noch einmal pro Woche erscheinen. Ich persönlich empfinde es als einen tragischen Verlust, doch es führt kein Weg vorbei, dass es in 20 Jah­ren nur noch wenige Printtitel geben wird. Wenn es nach mir ginge, würden diese Printtitel mit deutlich mehr Personal und damit in deutlich höherer Qualität erstellt. Doch dazu müssten die Menschen erst ein Mal lernen, wie hoch der Wert guter Infor­mationen ist und was auf dem Spiel steht. top
Erschienen in Blickpunkt 2-2015