Am Ende nur Verlierer

Eine Stadt, eine Zeitung, ein Kaufhaus und ein Autor

In Freiburg fordert ein freier Autor aufgrund der „Arisierung“ eines Kaufhauses im Nationalsozialismus mehr Geschichtsbewusstsein bei der Generation im heutigen Freiburg ein. Sein Artikel dazu erscheint in der Badischen Zeitung, wird aber in der Online-Ausgabe sofort wieder gesperrt. Was ist da passiert?

Anlässlich ihres 80-jährigen Jubiläums lässt im Jahr 2017 das Freiburger Fachgeschäft Betten-Striebel der Badischen Zeitung (BZ) einen Jubiläumskatalog beilegen. Das daraus leicht zu errechnende Gründungsdatum 1937 weckt die Aufmerksamkeit des Journalisten Bernd Serger. Schließlich ist das Jahr 1937 kein beliebiges Datum in Deutschlands Geschichte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine Firmengründung zwischen 1933 und 1945, also nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und vor dem Ende des 2. Weltkriegs eine so genannte „Arisierung“ war: Dabei wurden jüdische Inhaber von den Nationalsozialisten gezwungen, ihr Unternehmen unter Wert an „Arier“ zu veräußern.

Sergers Recherchen zeigen, dass bis zum Jahr 1937 die jüdischen Familien Marx und Rothschild die Besitzer des Kaufhauses waren und von den Nazis zum Verkauf genötigt wurden. Ausführlich erforscht Serger im Staatsarchiv und in den New Yorker Holocaust-Archiven die Geschichte der Familie Rothschild nach ihrer Auswanderung nach Oakland und die Ermordung von Familienmitgliedern durch die Nazis. Er sieht den Briefwechsel Rothschilds mit Striebel ein und eruiert das tragische Scheitern des Antrags auf Restitution bzw. Entschädigung im Jahr 1947.

Serger bringt die umfangreiche Dokumentation seiner Rechercheergebnisse den aktuellen Inhabern, die das Geschäft in den 1980er Jahren gekauft haben, in ihre Geschäftsräume. Und dann geschieht – nichts. Er erhält, trotz mehrfacher Rückfragen, keine Reaktion. Serger sagt, er hätte die Inhaber zuletzt sehr deutlich darauf hingewiesen, dass ein Ignorieren ihrer eigenen Firmengeschichte sich schädlich auf das Image auswirken könnte. Aber er bekommt noch nicht einmal, trotz seiner Bitte, seine Dokumentation zurück.

Dass die heutigen Inhaber der Firma Striebel nicht reagieren, lässt ihn offensichtlich fassungslos zurück. Er wartet noch ab, doch schließlich schreibt er einen Artikel über das Nicht-Reagieren und über die ursprünglichen Gründer Rothschild / Marx, den die Badische Zeitung veröffentlicht. „Wie zum Trotz sind sie noch bis heute in den Schaufenstern zu sehen – die Werbefolien, die das 80jährige Jubiläum der Firma verkünden: „Bettenhaus Striebel 1937-2017“…“, lauten Sergers erste Zeilen seines Artikels mit dem Titel „Jubiläum aus dem Nichts“. Ausführlich schildert er im ersten Teil, wie er in der Firmengeschichte vergeblich nach einem Hinweis auf die Vorbesitzer Rothschild/Marx sucht und fährt dann fort mit einer ausführlichen Würdigung der jüdischen Gründer.

Der Artikel wird gesperrt

Bernd Serger war früher selbst Redakteur der Badischen Zeitung. Lange Jahre war er „Heimatchef“ und Mitglied der Chefredaktion. 2011 wechselt er in den Ruhestand und widmet sich seither verstärkt seinen Forschungen zur Geschichte der jüdischen Kauf- und Warenhäuser in Freiburg und Umgebung. 

Sein Artikel erscheint an einem Samstag im Magazin der BZ, aber als er am folgenden Montag einen Link dazu versenden will, ist sein Artikel gesperrt. Er selbst als Autor wird darüber nicht informiert. Es ist der 18. Oktober 2018. Außer einem wütenden Telefonanruf von Thomas Fricker, Chefredakteur der BZ, an jenem Tag gibt es danach kein weiteres Gespräch zwischen dem Chefredakteur und dem Autor. Serger sagt: „Fricker wollte nicht über die Sperrung reden, sondern darüber, was ich alles falsch gemacht hätte.“ „Das Angebot eines Gesprächs nahm der Autor nicht an.“, urteilt Thomas Fricker.

Die Chefredaktion der BZ lässt Serger wissen, sein Artikel enthalte journalistische Mängel. Nebenbei bemerkt: Wenn eine Zeitung jeden ihrer Artikel im Netz sperren ließe, der journalistische Mängel enthält, wäre das ein äußerst ungewöhnliches Vorgehen einer Redaktion und soweit sollte man es nicht kommen lassen. Tatsächlich handelt es sich hierbei auch um eine Ausnahme. Serger zitiert aus der Nachricht der BZ an ihn, sein Artikel hätte unter journalistischen Kriterien wie Umfang der Recherche,Relevanz, Wahl des Themenzugangs oder Trennung von Meinung und Nachricht nicht den Anforderungen der BZ entsprochen. Sergers Frage, ob er nun „zu viel oder zu wenig recherchiert“ habe, bleibt unbeantwortet. Mit dem „oder“ vor dem letzten Punktin der Aufzählung der Mängel klingt das sowieso wie ein Ablehnungs-Formbrief, bei dem jemand vergessen hat, den zutreffenden Punkt zu markieren. 

Sergers Fehler

„Mangelnde Recherche“ kann man dem Artikel des studierten Historikers bestimmt nicht vorwerfen, „Relevanz“ entscheidet eine Reaktion auch mit der Platzierung eines Artikels, beschäftigen wir uns also mit den letzten beiden Punkten, „Wahl des Themenzugangs“ und „Trennung von Meinung und Nachricht“. 
Serger hat sich entschieden, seinen Artikel damit zu beginnen, dass die heutigen Inhaber die Vorgeschichte ihres Hauses unkommentiert lassen, dass es keinen Hinweis auf die Besitzer vor 1937 gibt. In der Öffentlichkeitsarbeit des „Bettenhauses“ fehle jeglicher Hinweis darauf, dass Franz Striebel sen. diese Firma überhaupt gründen konnte, indem er – wie Tausende anderer Nutznießer der Judenverfolgung – für billiges Geld ein gut eingeführtes Geschäft übernehmen konnte. Serger hat sich also für einen Themenzugang entschieden, der die Forderung an die Generation von heute beinhaltet, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und nicht für einen Zugang, der — losgelöst von der Gegenwart — ein tragisches Kapitel aus der nationalsozialistischen Vergangenheit Freiburgs behandelt. 

Serger schreibt in seinem Artikel explizit: „Um nicht missverstanden zu werden: Die Familie Hamer hat mit der „Arisierung“ des Kaufhauses Julius Marx nichts zu tun. Das war allein die Angelegenheit der Familie Striebel: von Franz Striebel sen. und seinen Söhnen Franz jun. und Oskar, in deren Namen er 1936/37 tätig wurde.“ Umso merkwürdiger findet er den Umgang der heutigen Inhaber mit dem Thema. Serger: „BZ-Chefredakteur Fricker wirft mir vor, ich hätte das Ansehen unbescholtener Bürger verletzt. Mir geht es um das Ansehen unbescholtener Bürger, die 1937 alles aufgeben und außer Land fliehen mussten, um ihr Leben zu retten. Ich wollte ihnen in Freiburg wieder einen Namen geben.“ Und er entscheidet sich, seinem Anliegen dadurch mehr Kraft zu verleihen, dass er die Geschichte der Rothschilds und Marxens nicht nur als bedrückende Story aus der NS-Zeit behandelt, sondern den Imperativ formuliert, sich mit der eigenen Geschichte offensiv auseinanderzusetzen. 

Dennoch gibt es Menschen, die die heutigen Inhaber als Antisemiten beschimpfen. Der Seniorchef beschreibt: „Es gab zum Teil sehr unschöne Anfeindungen, meine Mitarbeiter und auch meine Familie mussten einiges hinnehmen und waren zum Teil sehr betroffen. Einige Kunden haben uns mitgeteilt, dass sie unser Haus nichtmehr betreten werden. Natürlich gab es auch Anfeindungen im Facebook und per E-Mail.“ 

Ein anderer Artikel

Das hätte man eventuell verhindern können, hätte man das Unbeteiligt-Sein der heutigen Inhaber an den Anfang des Artikels gestellt, denn nicht allen ist es gegeben, einen längeren Artikel zumindest mal bis zum Ende des ersten Drittels zu lesen. Aber dann wäre es ein anderer Artikel gewesen, nicht jener, den Bernd Serger schreiben wollte.

Und was ist mit dem Vorwurf des Vermischens von Meinung und Nachricht? In Sergers Artikel steht: „Man kann auch darüber diskutieren, auf welche Weise man nach 80 Jahren mit dem Thema „Arisierung“ und entsprechenden Firmenjubiläen umgeht. Nur: diese Vorgeschichte völlig verschweigen, aber mit großem Aufwand das Jubiläum feiern, das ist nicht zu akzeptieren. Schon gar nicht in der heutigen Zeit.“ Dieser Vorwurf ist also korrekt; Hier steht unbestreitbar eine Meinung im Artikel. Und unabhängig davon, dass die strikte Trennung von Meinung und Nachricht in vielen journalistischen Erzeugnissen immer öfter aufgeweicht wird, bleibt dieser Vorwurf relevant. Daraus ergibt sich zwangsläufig die Frage, wie mit Fehlern umgegangen wird? In diesem Zusammenhang ist auch unklar, warum sich die BZ nicht dazu entschieden hat, den Beitrag in einer kommentierten Form online zu stellen oder die angesprochenen Mängel zu beseitigen. 

Nicht mehr im Blatt

Das Jubiläum war 2017, der angeschuldigte Artikel erschien 2018 und im Juni 2019 wird die Auseinandersetzung wieder virulent, weil Bernd Serger feststellen muss, dass die BZ überhaupt keine Artikel mehr von ihm nehmen will: Sein Angebot, einen Beitrag zu den Verbindungen des jüdischen Kaufhauskönigs Max Emden mit Freiburg anlässlich eines neuen Dokumentarfilms über Max Emden zu liefern, wird gerne akzeptiert, diese Entscheidung wird allerdings wenige Stunden später wieder zurückgenommen. „Der Chefredakteur wollte mich nicht mehr im Blatt sehen,“ sagt Serger. Das war im April. Am 10. Maiempfiehlt Bernd Serger auf Facebook den Dokumentarfilm über Emden, verlinkt seinen Artikel am Ende seiner Empfehlung und fügt den Satz an: „Über den Film, die Geschichte dahinter und den skandalösen Umgang der deutschen und schweizerischen Behörden in der NS-Zeit wie auch in der Gegenwart mit Max Emden habe ich einen Beitrag verfasst, der eigentlich in der „Badischen Zeitung“ erscheinen sollte.“

Über den online gesperrten Artikel über das Betten-Striebel berichten in der Zwischenzeit unter anderen die TAZ, meedia, die Welt und die Kontextwochenzeitung. Da man einen nicht erschienenen Artikel online auch nicht kommentieren kann, äußern sich die Leserbriefschreiber*innen in Kommentaren zu einem kurzen Artikel, der schon 2016 in der BZ zu Betten-Striebel erschienen ist. Kurz darauf wird auch dieser Artikel für Kommentare gesperrt – nach einer ausführlichen Einlassung des Chefredakteurs Fricke, der unter anderem schreibt, dass Sergers Beitrag „aufgrund der Gedankenlosigkeit eines Redakteurs ins Blatt fand“. In der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung schreibt er in der Rubrik „ Wir über uns“ unter der Überschrift „Kesseltreiben statt Diskussionskultur — Wie die Badische Zeitung wegen einer Geschichte über die Ursprünge eines Freiburger Bettenhauses zur Zielscheibe einer Kampagne wurde / Internet als Pranger“. Dort stellt er seine Sicht der Dinge noch mal ausführlich dar und brüskiert zum wiederholten Male seine Redaktion: „Hätte die Redaktion vorher gründlicher gearbeitet, hätten wir den Beitrag nochmals mit dem Autor besprochen und mutmaßlich einvernehmlich in einigen Passagen anders formuliert.“ 

Verpasste Chancen

Das Unternehmen hat zunächst eine Chance verpasst, die eigene Geschichte selbst zu erzählen. Aus Sicht der Inhaber eines „Bettenhauses“ in einer Zeit, in der Kund*innen auch die Wahl haben, ihre Matratze in einem skandinavischen Möbelhaus oder Bettenlager zu kaufen,  ganz zu schweigen von den niederschwelligen Onlineangeboten inklusive Lieferung ins Haus, ist der Blick auf die eigene Geschichte vielleicht zunächst von untergeordneter Bedeutung. Der Inhaber hat seine Ansicht inzwischen geändert: „Leider haben wir keinerlei Unterlagen von vor 1980, deshalb konnte ich auch nicht zur Sache Stellung nehmen. Um die Angelegenheit zu deeskalieren, werden wir von einem anderen Autor unsere Geschichte recherchieren lassen.“ Und er hat in diesen Tagen einen Termin mit einer Vertreterin der jüdischen Gemeinde in Freiburg.

Der Chefredakteur Thomas Fricker hat eine Chance verpasst, die von ihm eingeforderte Diskussionskultur zu etablieren. Am Telefon möchte er über die Angelegenheit nicht mehr sprechen, er versendet eine Stellungnahme mit seinen (auch schon in seiner eigenen Zeitung veröffentlichten) Argumenten. Er sieht sich als Opfer, er scheibt: „Letztlich führte aber die anhaltende Kampagne des Autors dazu, dass von einem irgendwie gearteten Vertrauensverhältnis zu ihm keine Rede mehr sein konnte. Ohne ein solches ist aber eine weitere freie Mitarbeit undenkbar.“

Bernd Serger hat seine Zeitung als Auftraggeber verloren. Eine Kampagne habe er niemals gestartet, sagt er, im Gegenteil: „Ich habe mich dagegen gewehrt, als mir entsprechende Vorschläge gemacht wurden.“ Sein Ziel ist es nach wie vor, in der Badischen Zeitung zu schreiben und dabei aus seinem Wissen und seinem umfassenden Archiv über die jüdische Geschichte in der Region Südbaden zu schöpfen.