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Die Zukunft ist schon da

Medienkonzentration in Baden-Württemberg

Die Frage nach der Zukunft der Zeitung ist so unwiderstehlich – aber auch so unsinnig – wie die Frage, wann man den Vertrag im Fitnesscenter wieder kündigen kann. Beide Fragen implizieren, dass man eine Phase überwinden müsse. Doch Muskeln bauen sich ganz schnell wieder ab und Medien werden sich auch „nach der Zukunft“ immer weiter verändern.

„Zukunftssicher aufstellen“ lautet eines der verwegenen Versprechen, mit denen Umstrukturierungen in den Verlagen etikettiert werden – verwegen deshalb, da niemand die Zukunft kennt. Es werden daher Rezepte wie Synergien & Co. angewendet, die die Konzerne schützen sollen. Wie man jedoch den Journalismus fit für die Zukunft machen soll, das interessiert nur wenige. 

Der Schock über die Entscheidung von DuMont, seine Regionalzeitungen verkaufen zu wollen, hat die Branche schwer erschüttert. Und die Zeiten sind vorbei, in denen man gerne glauben mochte, im das „Zeitungsland Baden-Württemberg“ liefe es anders. Auchhier im Südwesten hat die Pressekonzentration in den letzten Jahren gewaltig Schwung aufgenommen[i]. Zwar liegt in Baden-Württemberg der Auflagenschwund unter dem Bundesschnitt. Aber auch in Baden-Württemberg gibt es faktisch immer weniger unterschiedliche Zeitungen. Die für die Region typische mittelgroße Heimatzeitung aus einem familiengeführten Medienhaus bleibt als Marke zwar erhalten, um die Leser-Blatt-Bindung nicht zu destabilisieren, ihre Inhalte kann sie oft nicht mehr erstellen. Die „Mantelpartnerschaft“ war bei vielen Zeitungen die erste Sparmaßnahme. 

Eine neue Welle

In der Untersuchung Media-Perspektivenschreibt der Journalist und Medienforscher Horst Röper  im Januar 2019, von einer „neuen Welle“ der Pressekonzentration in der Zeitungsbranche: Die zehn führenden Verlagsgruppen haben ihren Anteil am Gesamtmarkt der Tagespresse auf 61,6 Prozent erhöht. „Gegenwärtig scheint dort „jeder mit jedem“ zu verhandeln, zum einen über Kooperationen – insbesondere im Bereich der Redaktion – zum anderen über Fusionen.“

Die Ursachen liegen auf der Hand: Werbeeinnahmen brechen weg, Verlage müssen die Preise erhöhen, dadurch verlieren sie auch wieder Käufer. Die sinkenden Druckauflagen führen wiederum zu steigenden Papierpreisen und erhöhen so wieder den Stückpreis. Nur auflagenstarke Verlagsgruppen können in dieser Situation Vorteile realisieren, nur sie können durch Zukäufe Synergiepotenziale nutzen und so auch in einer angespannten Situation die Stückkosten senken. Sachlich konstatiert Röper: „Nach den Erkenntnissen der Vergangenheit ist es als wahrscheinlich anzusehen, dass der ökonomischen Konzentration eine publizistische Konzentration folgt.“

Ohne gleich wie etwa Funke oder Madsack (und mit ihnen zusammen DuMont) die überregionale Berichterstattung jeweils von einer Zentrale in Berlin erstellen zu lassen, werden auch in Baden-Württemberg Sparkonzepte angewendet, als deren Konsequenz die Meinungsvielfalt stark abnimmt.  

Mit einer Stimme aus der Hauptstadt

So haben etwa im vergangenen September die Schwäbische Zeitung (Ravensburg) und die SÜDWEST PRESSE (Ulm) ihre Hauptstadtredaktionenzusammengelegt. Sabine Lennartz, die langjährige Korrespondentin der Schwäbischen Zeitung, ist in die Räume der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft (NBR) in der Friedrichstraße eingezogen. Die NBR erstellt bereits jetzt mit 14 Redakteuren vor Ort Inhalte für die SÜDWEST PRESSE, die Märkische Oderzeitung und die Lausitzer Rundschau. Hendrik Groth, Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung, begründet: „Wir wollen die Qualität der Berichterstattung erhöhen, ohne die Selbstständigkeit der einzelnen Titel aufzugeben.“ Auf die Inhalte haben beide Zeitungsredaktionen Zugriff. 

Geschichten billig einkaufen
Seit November 2016 hatte die „Heilbronner Stimme“ die Zahl der Ressorts und Ausgaben eingedampft, die Abläufe neu organisiert und das Blatt sowie den Digitalauftritt erneuert. Zu den grundlegenden Neuerungen gehörte die Trennung in Editoren und Autoren. Auf die Frage (in einem kress-pro-Interview), was sie sich von der Zweiteilung versprächen, antwortet Heer: „Ich meine, dass Synergien in Redaktionen ein Riesenthema sind. Es gibt ganz viele Doppelstrukturen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Bei uns haben schon die ersten Wochen gezeigt, dass wir durch die Trennung in Editoren und Autoren einen deutlichen Zuwachs an eigenen Geschichten haben.“  
Einen deutlichen Zuwachs an eigenen Geschichten? Da erstaunt es doch sehr, dass seit Mai vergangenen Jahres die Heilbronner Stimmeganze Seiten und Themenpakete vom Redaktionsnetzwerk Deutschland (Madsack) bezieht. Sie ist damit der erste baden-württembergische Kunde für den Verlag aus Norddeutschland, wie Madsack nicht versäumt, seine Zukunftsvisionen zu betonen. Günstiger sind die Geschichten ganz bestimmt: Das Redaktionsnetzwerk Deutschland von Madsack ist eine tariflose Firma. 

À propos Madsack… es soll ja hier um Baden-Württemberg gehen, aber ein kleiner Exkurssei erlaubt. Eine digitale Offensivesoll die MADSACK Mediengruppe künftig zu einem „führenden Verbund von regionalen Qualitätszeitungen“ machen, wie es in der eigenen Pressemitteilung heißt. Für DuMont war die Kooperation mit Madsack der Anfang vom Ende[ii]. Die sechs DuMont-Titel (neben der Berliner Zeitung der Kölner Stadtanzeiger, die Mitteldeutsche Zeitung sowie die Boulevardtitel Express in Köln, die Morgenpost in Hamburg und der Berliner Kurier) beziehen seit August 2018 ihre überregionalen Inhalte vom RND und haben ihre eigene Redaktionsgemeinschaft geschlossen – nun wollen sie ihre Zeitungen insgesamt verkaufen.

So weit weg ist das im Übrigen gar nicht. DuMont hatte seinen Auslandskorrespondenten gekündigt und sie an Madsack verwiesen. Madsack genehmigt aber nur in Ausnahmefällen Pauschalen, sondern verfährt nach „pay per publication“. „Das ist der Weg in die Verarmung, denn ohne feste Monatspauschale kann sich kein deutscher Korrespondent einen Auslandsaufenthalt leisten“, kritisierte Hendrik Zörner, Pressesprecher der DJV.  Da auch Zeitungen wie die „Südwestpresse“ oder die „Schwäbische Zeitung“ mit DuMont gemeinsam Auslandskorrespondent*innen beauftragt hatten, hat Madsacks Sparkurs direkte Auswirkungen auf Qualität und Umfang ihrer Auslandsberichterstattung.

Paradebeispiel SWMH

Das Paradebeispiel im Südwesten ist die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH). Sie hat 2017 ein Umsatzplusvon 6,8 Prozent auf rund 939,1 Mio. Euro erwirtschaftet. Dies geht aus dem jüngst veröffentlichten Geschäftsbericht hervor. Dabei profitierte sie vor allem von ihren neuen Beteiligungen: 2017 hatte die SWMH über die Stuttgarter Zeitung in die Kreiszeitung Böblinger Bote investiert, Oktober 2016 hatte sie die Mehrheit am Bechtle Verlag (Esslinger Zeitung) übernommen. Ein starkes Wachstum habe der Konzern im Bereich der digitalen Vertriebserlöse erzielt – genaue Zahlen werden dazu jedoch nicht genannt. 

Der neue Geschäftsführer der SWMH, Christian Wegner, ein ehemaliger Manager von ProSiebenSat1, hat schon mal angefangen, an den Rändern zu knabbern und hat damit – je nach Quelle und Fokus variieren die Zahlen– durch die berühmten „Synergieeffekte“, sprich die Beauftragung billiger externer Dienstleister, mehrere hundert Stellen abgebaut. Aber auch redaktionell hat die SWMH rund um Stuttgart die Verdichtung vorangetrieben:

Bietigheimer Zeitung 

Der jüngste Coup: Zum 1. Januar 2019 ist die zur Südwestdeutschen Medien Holding (SWMH) gehörende Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH bei der Bietigheimer Zeitung eingestiegen.  Nach eigenen Angaben übernimmt sie diejenigen Anteile, die bislang der Neuen Pressegesellschaft mbH & Co KG (NPG) in Ulm gehört haben. 

Wie hoch diese Anteile sind, teilte das Unternehmen nicht mit, das eine Meldung in der Zeitung zu der Übernahme veröffentlicht hat. Das Bundeskartellamtmuss der Übertragung noch zustimmen. Die Gesellschafterstellung der Eigentümerfamilien Gläser bleibe durch die Beteiligung unberührt, hieß es in der Zeitungsmeldung. Man wolle „zukünftig gemeinsam Marktchancen noch besser nutzen“, teilte der Geschäftsführer und BZ-Gesellschafter des DV-Medienhauses in Bietigheim-Bissingen, Stefan Gläser, mit. „Mit dem Zusammenschluss verfolgen wir insbesondere das Ziel, den vielen Facetten der digitalen Transformation zu begegnen und zusätzliche Synergien aus der Zusammenarbeit der beiden Häuser zu heben“, so Gläser weiter. Der Geschäftsführer der Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH, Herbert Dachs, betonte, dass es sich auch im Blick auf die digitalen Angebote um eine „in die Zukunft gerichtete Partnerschaft“ handele. 

Denn hier bringt die SWMH einen starken Partner mit. Schon 2016 hat sie die digitalen Kompetenzen von „Stuttgarter Zeitung“, „Stuttgarter Nachrichten“, Schwarzwälder Bote“ sowie „Frankenpost“ (Hof), „Freies Wort“ (Suhl) und „Neue Presse“ (Coburg) in eine gemeinsame Firma gebündelt. SMWH-Chef Herbert Dachs und sein Digital-Verantwortlicher Alexander Kratzer wollen damit die Digitalausgaben der Regionaltitel durch die Zusammenarbeit „effizient und zukunftssicher“ aufstellen. Das ist, da die Verlage ihre Zukunft im Digitalen sehen, keine Kleinigkeit. Was den Technologiepart anbelangt, ist dagegen ja auch nichts einzuwenden. Es wäre mehr als verwunderlich, wenn jede Medienmarke ihren eigenen Online-Vertrieb, Kundenmanagement, Zugangskontrolle etc. aufbauen und pflegen würde. Fatal wäre es, wenn davon auch die Redaktionen betroffen würden. 

Eßlinger Zeitung

Seit Oktober 2016 hält die SWMH mit der Übernahme der Anteile von Verlegerin und Geschäftsführerin Christine Bechtle-Kobarg 87% an der Esslinger Zeitung, die übrigen 13% verblieben beim Gesellschafter GO Druck Media Verlag aus Kirchheim/Teck. DJV-Landesvorsitzende Dagmar Lange warnte: „Auch dieser Kauf gehört zu einer größeren Strategie der SWMH, mit der die Medien- und Meinungsvielfalt zu Grabe getragen wird.“ Vorher war die Stuttgarter Zeitung Verlagsgesellschaft mbH mit 24% Minderheitsgesellschafter, Verlegerin Christine Bechtle-Kobarg hielt 63%. Die Eigenständigkeit der Esslinger Zeitung und die Marktstellung ihrer Druckaktivitäten sollte gewahrt werden. STZ-Geschäftsführer Herbert Dachs spricht von Erhalt und Ausbau von Know-how sowie der „Ausschöpfung von Synergiepotenzialen im Zentrum der gemeinsamen Aktivitäten“. 

Das nutzt schon mal der Mit-Gesellschafter GO Druck Media Verlag: Seit Januar 2018 wird sein „Der Teckbote“ aus Kirchheim unter Teck mit einer Auflage von 14.000 Exemplaren bei Bechtle Verlag & Druck in Esslingen gedruckt und hat damit den Druck seiner Zeitung unter das SWMH-Dach gepackt. In Kirchheim hat die Fremdvergabe des Druckauftrages zu Personalabbau geführt.

Kreiszeitung Böblinger Bote

Auch die „Kreiszeitung Böblinger Bote“ wurde eine Mehrheitsbeteiligung der Medienholding Süd. Die zur SWMH gehörende Stuttgarter Zeitung hat eine Mehrheitsbeteiligung an der Lokalzeitung von der Verlegerfamilie Schlecht erworben. Damit übernimmt die SWMH vollends die Regie über die seit 1826 erscheinende Lokalzeitung „Böblinger Bote“, nachdem der Konzern bereits vor Jahren 24,9% der Anteile eingekauft hatte. Schon seit 2001 übernimmt die Kreiszeitung Böblinger Bote einen überregionalen Mantel von den Stuttgarter Nachrichten. 

Last but not least Mannheim

Dort erleben wir gerade einen Fall von so genannter „Diagonaler Konzentration“: Im Juli 2018 hatte das Rhein-Neckar FernsehenInsolvenz angemeldet, da der Lokalsender 2017 das Regionalfenster bei RTL verloren hatte und damit seine größte Einnahmequelle von 1,4 Mio Euro im Jahr. Seit dem 1. Januar gehört das Rhein-Neckar Fernsehen (RNF) nun zur Mannheimer Mediengruppe Dr. Haas. In der Diskussion über die Medienkonzentration ist das ein klassischer Fall von „Cross-Media-Ownership“. 

Damit erhält der Mannheimer Morgen die Möglichkeit, über eine zusätzliche Mediengattung Einfluss auf die Meinungsbildung zu nehmen – und damit auf eine Zielgruppe, die durch ihre bisherigen Publikationen nicht erreicht wurde. Das stärkt ihren publizistischen Einfluss und gefährdet damit die Meinungsvielfalt durch Homogenisierung von Medieninhalten. RNF Geschäftsführer Ralf Kühnl schränkt ein: „Ein Zusammenlegen der Redaktionen ginge auch gar nicht so einfach. Zum einen sind wir medien- und lizenzrechtlich zur Unabhängigkeit verpflichtet. Zum anderen ist Fernsehen zu machen etwas völlig anderes, als für eine Zeitung zu schreiben.“ 

Die Hoffnungen der Dr. Haas Mediengruppe formuliert Björn Jansen, noch Geschäftsführer der Haas-Mediengruppe, gleichwohl entgegengesetzt: „Wir brauchen für unsere digitalen Angebote verstärkt professionell gemachte Bewegtbilder. Die Nachrichtensendung „RNF LIVE“ lässt sich dafür – verteilt in die einzelnen Sequenzen – hervorragend in das Morgenweb oder die digitale Zeitung integrieren. In den neuen Kanälen können wir unsere Stärken also zusammen ausspielen.“ 

„Da nur noch die Redaktion beim Mannheimer Morgen in der Tarifbindung ist, hängt das Thema wie ein Damoklesschwert über den betroffenen Kolleg*innen“, fürchtet die DJV-Landesvorsitzende Dagmar Lange. Seitens der Geschäftsführung gibt es Überlegungen, durch einen Ausstieg aus der Tarifbindung Millionen Euro einsparen zu können. Das Thema wird auch ab Sommer unter dem neuen Geschäftsführer Florian Kranefuß virulent bleiben. Der bis dahin geschäftsführende Gesellschafter des MaMo, Björn Jansen, verweist auf Anzeigen- und Auflagenrückgänge, auf den Druck durch Pensionsrückstellungen und die Kosten für die Zusteller. Damit begründet er ein anstehendes striktes Kostenmanagement. „Jansen vergisst bei der Aufzählung, dass mit mannheim24, einer Kooperation mit Ippen Digital, satte Gewinne eingefahren werden, nicht zuletzt, weil die Werbeeinnahmen dafür sprunghaft angestiegen sind“, so Lange. Mit einem Artikel würde laut Ippen Digital auch schon mal mehr als 50.000 Euro verdient, die Millionen-Grenze bei den Klicks häufig überschritten. Nicht umsonst nennen sich die Chefredakteure von Ippen Digital selbst „Klick-Kapitäne“. 

Untote Zeitungen

Aber solange die Zeitungsständer an den Bahnhofskiosken überquellen, kann es doch um die Medienbranche hierzulande so schlecht nicht stehen wie anderswo? Unter dem schönen Titel „Wir kamen, sahen – und checken es nicht“schreibt die Redaktion von meta, dem Magazin der Wissenschafts-Pressekonferenz e.V., dass in Deutschland bevorzugt eine besonders unsichtbare Form des Mediensterbens praktiziert werde, nämlich die Zombifizierung, wie sie es nennen. Kurz zusammengefasst meinen sie damit: Die Medienhäuser entlassen Mitarbeiter, kürzen Budgets von Freien, und bauen Zentralredaktionen, die den gleichen Inhalt in immer mehr Mediengefäße füllen. Oder anders ausgedrückt: Sieht aus wie eine Zeitung, aber es fließt kein journalistisches Blut mehr drin. Der Abbau von Arbeitsplätzen in der Redaktion und stetig wachsende Anforderungen durch Funktionskopplungen und crossmediales Arbeiten hätten zu vielfach beklagten Arbeitsbedingungen geführt und die Einstellung von Journalisten zum eigenen Produkt verändert, klingt Röpers Analyse dazu so sachlich wie melancholisch. 

Abbau und Tarifflucht

Der Abbau von Redakteursstellen hält weiter an und betrifft neben den großen Verlagsgruppen auch kleinere Zeitungsverlage. Hinzu kommt, dass immer mehr Verlage aus der Tarifbindung aussteigen. Zu den genutzten Fluchtwegen gehören das Outsourcen von Redakteuren in eigenständige, nicht tarifgebundene Gesellschaften, der Einsatz von Leiharbeitnehmern in den Redaktionen sowie die so genannte OT-Mitgliedschaft im Verlegerverband. OT steht für „ohne Tarifbindung“. Ebenfalls genutzt wird die Möglichkeit, Volontäre nicht mehr im Verlag, sondern an Journalistenschulen anzustellen und so die Tarifverträge für Volontäre, insbesondere hinsichtlich des Gehalts, zu umgehen.“. Auch werden Redaktionen zu Tochterunternehmen verlagert, die nicht tarifgebunden sind. Auch hier lohnt sich ein Blick auf die aktuelle Situation in Baden-Württemberg, um sich das Ausmaß vor Augen zu führen:

Beim Schwarzwälder Boten arbeiten die Redaktionsmitglieder seit einem 96 Tage dauernden Streik im Jahr 2011 in einer outgesourcten Firma, die wieder tarifgebunden ist. Der Makel: Der Tarif gilt nicht für neue Beschäftigte.

Bei der Schwäbischen Zeitung erfolgen Neueinstellungen deutlich unter den Redakteurstarifen; viele bisherige Beschäftigte haben neue, schlechtere Arbeitsverträge akzeptiert.

Die Heidenheimer Zeitung beschäftigt neue Redakteure untertariflich in einer eigens gegründeten GmbH. Die Pforzheimer Zeitung bezahlt Jungredakteure untertariflich. Oder, wie wir oben schon gesehen haben, die Heilbronner Stimme kauft Geschichten aus dem tariflos arbeitenden RND.

Ohne Tarif, OT, sind in Baden-Württemberg inzwischen folgende Zeitungen: Bietigheimer Zeitung, Die Oberbadische/Oberbadisches Volksblatt, Offenburger Tageblatt, Kornwestheimer Zeitung, Kreiszeitung Böblinger Bote, Leonberger Kreiszeitung, Schwarzwälder Bote, Schwarzwälder Post , Südkurier, Teckbote, Weinheimer Nachrichten.

Die Badischen Neuesten Nachrichten sind zwar wieder in den Schoß des Verlegerverbandes zurückgekehrt, aber weiterhin muss der Gehaltstarifvertrag für Tageszeitungen im Rahmen eines Haustarifvertrags für alle Beschäftigten ausgehandelt werden. Bis zum Redaktionsschluss gab es kein Ergebnis.

Verkauf von e-Papers nimmt zu

Das einzige Wachstum in der Branche sieht man beim Verkauf von e-Papers. Viele Verlage sehen im Verkauf der digitalen Zeitungen inzwischen ihre Zukunft. Der US-amerikanische Journalist Jeff Jarvis hat schon vor einigen Jahren ein treffendes Bild für die Lage der Verlage gezeichnet und es stimmt immer noch: Das Haupthaus (Print) brennt und muss dringend gelöscht werden, weil hier immer noch die meisten Umsätze entstehen, aber gleichzeitig muss der Neubau entwickelt und gebaut werden (Digital), aber dafür hat man nicht genügend Leute und Zeit schon mal gar nicht. 

Für die Finanzierung spart man an den Journalisten. Dazu kommt die zunehmende „Verwirrung der Öffentlichkeit“ durch Plattformunternehmen und das inzwischen ausufernde Angebot an Zerstreuung über Netflix, Amazon, Youtube und viele andere. Das e-Paper konkurriert mit all diesen Angeboten auf unserem omnipräsenten Rezeptionskanal – dem kleinen, glänzenden Bildschirm aus der Hosentasche –  bei einer reduzierten Aufmerksamkeitsspanne. Untersuchungenzeigen, dass man, übrigens unabhängig vom Alter, lange Informationstexte auf Papier besser erfasst als auf dem Bildschirm – insbesondere unter Zeitdruck.

Chancen nutzen

Auf einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in Stuttgart im Februar sagte in seiner Keynote Heribert Prantl, bald ehemaliges Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, dasTrägermedium sei ihm egal. Prantl, im weiteren Verlauf der Veranstaltungen mehrfach vermisst, setzte denn auch gleich guten analogen Journalismus mit gutem digitalem Journalismus gleich. Hier negiert er sowohl das veränderte Rezeptionsverhalten am Bildschirm, aber auch die vielfältigen Möglichkeiten zur „zweiten Meinung“, also der schnellen eigenen Recherchere der Leser*innen. Die TAZ stellt die richtige Frage, denn diese lautet nicht, wann Print unter der Woche aus ökonomischen Gründen stirbt, sondern vielmehr: was bieten wir im Netz?

Der analoge Journalismus hat Leserinnen und Leser informiert, die sich mit ihrem gedruckten Stück Papier zurückgezogen haben, um sich zu informieren oder unterhalten zu lassen. Der digitale Journalismus hat exzellente Möglichkeiten, journalistische Prinzipien zu stärken und Arbeitsprozesse transparent zu machen. Es mangelt nicht an Vorstellungskraft und nicht an Ideen. Einen kleinen Einblick in das kreative Potenzial hat auch das MedienZukunftFestival des DJV Baden-Württemberg gezeigt (das Format wird fortgesetzt). Woran es jedoch fehlt, ist der Stolz der Verleger*innen und der Respekt gegenüber dem Journalismus. Mit austauschbaren Sparkonzepten droht der Zeitung in Zukunft vor allem eins: die Entprofessionalisierung.

Am Ende nur Verlierer

Eine Stadt, eine Zeitung, ein Kaufhaus und ein Autor

In Freiburg fordert ein freier Autor aufgrund der „Arisierung“ eines Kaufhauses im Nationalsozialismus mehr Geschichtsbewusstsein bei der Generation im heutigen Freiburg ein. Sein Artikel dazu erscheint in der Badischen Zeitung, wird aber in der Online-Ausgabe sofort wieder gesperrt. Was ist da passiert?

Anlässlich ihres 80-jährigen Jubiläums lässt im Jahr 2017 das Freiburger Fachgeschäft Betten-Striebel der Badischen Zeitung (BZ) einen Jubiläumskatalog beilegen. Das daraus leicht zu errechnende Gründungsdatum 1937 weckt die Aufmerksamkeit des Journalisten Bernd Serger. Schließlich ist das Jahr 1937 kein beliebiges Datum in Deutschlands Geschichte. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine Firmengründung zwischen 1933 und 1945, also nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und vor dem Ende des 2. Weltkriegs eine so genannte „Arisierung“ war: Dabei wurden jüdische Inhaber von den Nationalsozialisten gezwungen, ihr Unternehmen unter Wert an „Arier“ zu veräußern.

Sergers Recherchen zeigen, dass bis zum Jahr 1937 die jüdischen Familien Marx und Rothschild die Besitzer des Kaufhauses waren und von den Nazis zum Verkauf genötigt wurden. Ausführlich erforscht Serger im Staatsarchiv und in den New Yorker Holocaust-Archiven die Geschichte der Familie Rothschild nach ihrer Auswanderung nach Oakland und die Ermordung von Familienmitgliedern durch die Nazis. Er sieht den Briefwechsel Rothschilds mit Striebel ein und eruiert das tragische Scheitern des Antrags auf Restitution bzw. Entschädigung im Jahr 1947.

Serger bringt die umfangreiche Dokumentation seiner Rechercheergebnisse den aktuellen Inhabern, die das Geschäft in den 1980er Jahren gekauft haben, in ihre Geschäftsräume. Und dann geschieht – nichts. Er erhält, trotz mehrfacher Rückfragen, keine Reaktion. Serger sagt, er hätte die Inhaber zuletzt sehr deutlich darauf hingewiesen, dass ein Ignorieren ihrer eigenen Firmengeschichte sich schädlich auf das Image auswirken könnte. Aber er bekommt noch nicht einmal, trotz seiner Bitte, seine Dokumentation zurück.

Dass die heutigen Inhaber der Firma Striebel nicht reagieren, lässt ihn offensichtlich fassungslos zurück. Er wartet noch ab, doch schließlich schreibt er einen Artikel über das Nicht-Reagieren und über die ursprünglichen Gründer Rothschild / Marx, den die Badische Zeitung veröffentlicht. „Wie zum Trotz sind sie noch bis heute in den Schaufenstern zu sehen – die Werbefolien, die das 80jährige Jubiläum der Firma verkünden: „Bettenhaus Striebel 1937-2017“…“, lauten Sergers erste Zeilen seines Artikels mit dem Titel „Jubiläum aus dem Nichts“. Ausführlich schildert er im ersten Teil, wie er in der Firmengeschichte vergeblich nach einem Hinweis auf die Vorbesitzer Rothschild/Marx sucht und fährt dann fort mit einer ausführlichen Würdigung der jüdischen Gründer.

Der Artikel wird gesperrt

Bernd Serger war früher selbst Redakteur der Badischen Zeitung. Lange Jahre war er „Heimatchef“ und Mitglied der Chefredaktion. 2011 wechselt er in den Ruhestand und widmet sich seither verstärkt seinen Forschungen zur Geschichte der jüdischen Kauf- und Warenhäuser in Freiburg und Umgebung. 

Sein Artikel erscheint an einem Samstag im Magazin der BZ, aber als er am folgenden Montag einen Link dazu versenden will, ist sein Artikel gesperrt. Er selbst als Autor wird darüber nicht informiert. Es ist der 18. Oktober 2018. Außer einem wütenden Telefonanruf von Thomas Fricker, Chefredakteur der BZ, an jenem Tag gibt es danach kein weiteres Gespräch zwischen dem Chefredakteur und dem Autor. Serger sagt: „Fricker wollte nicht über die Sperrung reden, sondern darüber, was ich alles falsch gemacht hätte.“ „Das Angebot eines Gesprächs nahm der Autor nicht an.“, urteilt Thomas Fricker.

Die Chefredaktion der BZ lässt Serger wissen, sein Artikel enthalte journalistische Mängel. Nebenbei bemerkt: Wenn eine Zeitung jeden ihrer Artikel im Netz sperren ließe, der journalistische Mängel enthält, wäre das ein äußerst ungewöhnliches Vorgehen einer Redaktion und soweit sollte man es nicht kommen lassen. Tatsächlich handelt es sich hierbei auch um eine Ausnahme. Serger zitiert aus der Nachricht der BZ an ihn, sein Artikel hätte unter journalistischen Kriterien wie Umfang der Recherche,Relevanz, Wahl des Themenzugangs oder Trennung von Meinung und Nachricht nicht den Anforderungen der BZ entsprochen. Sergers Frage, ob er nun „zu viel oder zu wenig recherchiert“ habe, bleibt unbeantwortet. Mit dem „oder“ vor dem letzten Punktin der Aufzählung der Mängel klingt das sowieso wie ein Ablehnungs-Formbrief, bei dem jemand vergessen hat, den zutreffenden Punkt zu markieren. 

Sergers Fehler

„Mangelnde Recherche“ kann man dem Artikel des studierten Historikers bestimmt nicht vorwerfen, „Relevanz“ entscheidet eine Reaktion auch mit der Platzierung eines Artikels, beschäftigen wir uns also mit den letzten beiden Punkten, „Wahl des Themenzugangs“ und „Trennung von Meinung und Nachricht“. 
Serger hat sich entschieden, seinen Artikel damit zu beginnen, dass die heutigen Inhaber die Vorgeschichte ihres Hauses unkommentiert lassen, dass es keinen Hinweis auf die Besitzer vor 1937 gibt. In der Öffentlichkeitsarbeit des „Bettenhauses“ fehle jeglicher Hinweis darauf, dass Franz Striebel sen. diese Firma überhaupt gründen konnte, indem er – wie Tausende anderer Nutznießer der Judenverfolgung – für billiges Geld ein gut eingeführtes Geschäft übernehmen konnte. Serger hat sich also für einen Themenzugang entschieden, der die Forderung an die Generation von heute beinhaltet, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und nicht für einen Zugang, der — losgelöst von der Gegenwart — ein tragisches Kapitel aus der nationalsozialistischen Vergangenheit Freiburgs behandelt. 

Serger schreibt in seinem Artikel explizit: „Um nicht missverstanden zu werden: Die Familie Hamer hat mit der „Arisierung“ des Kaufhauses Julius Marx nichts zu tun. Das war allein die Angelegenheit der Familie Striebel: von Franz Striebel sen. und seinen Söhnen Franz jun. und Oskar, in deren Namen er 1936/37 tätig wurde.“ Umso merkwürdiger findet er den Umgang der heutigen Inhaber mit dem Thema. Serger: „BZ-Chefredakteur Fricker wirft mir vor, ich hätte das Ansehen unbescholtener Bürger verletzt. Mir geht es um das Ansehen unbescholtener Bürger, die 1937 alles aufgeben und außer Land fliehen mussten, um ihr Leben zu retten. Ich wollte ihnen in Freiburg wieder einen Namen geben.“ Und er entscheidet sich, seinem Anliegen dadurch mehr Kraft zu verleihen, dass er die Geschichte der Rothschilds und Marxens nicht nur als bedrückende Story aus der NS-Zeit behandelt, sondern den Imperativ formuliert, sich mit der eigenen Geschichte offensiv auseinanderzusetzen. 

Dennoch gibt es Menschen, die die heutigen Inhaber als Antisemiten beschimpfen. Der Seniorchef beschreibt: „Es gab zum Teil sehr unschöne Anfeindungen, meine Mitarbeiter und auch meine Familie mussten einiges hinnehmen und waren zum Teil sehr betroffen. Einige Kunden haben uns mitgeteilt, dass sie unser Haus nichtmehr betreten werden. Natürlich gab es auch Anfeindungen im Facebook und per E-Mail.“ 

Ein anderer Artikel

Das hätte man eventuell verhindern können, hätte man das Unbeteiligt-Sein der heutigen Inhaber an den Anfang des Artikels gestellt, denn nicht allen ist es gegeben, einen längeren Artikel zumindest mal bis zum Ende des ersten Drittels zu lesen. Aber dann wäre es ein anderer Artikel gewesen, nicht jener, den Bernd Serger schreiben wollte.

Und was ist mit dem Vorwurf des Vermischens von Meinung und Nachricht? In Sergers Artikel steht: „Man kann auch darüber diskutieren, auf welche Weise man nach 80 Jahren mit dem Thema „Arisierung“ und entsprechenden Firmenjubiläen umgeht. Nur: diese Vorgeschichte völlig verschweigen, aber mit großem Aufwand das Jubiläum feiern, das ist nicht zu akzeptieren. Schon gar nicht in der heutigen Zeit.“ Dieser Vorwurf ist also korrekt; Hier steht unbestreitbar eine Meinung im Artikel. Und unabhängig davon, dass die strikte Trennung von Meinung und Nachricht in vielen journalistischen Erzeugnissen immer öfter aufgeweicht wird, bleibt dieser Vorwurf relevant. Daraus ergibt sich zwangsläufig die Frage, wie mit Fehlern umgegangen wird? In diesem Zusammenhang ist auch unklar, warum sich die BZ nicht dazu entschieden hat, den Beitrag in einer kommentierten Form online zu stellen oder die angesprochenen Mängel zu beseitigen. 

Nicht mehr im Blatt

Das Jubiläum war 2017, der angeschuldigte Artikel erschien 2018 und im Juni 2019 wird die Auseinandersetzung wieder virulent, weil Bernd Serger feststellen muss, dass die BZ überhaupt keine Artikel mehr von ihm nehmen will: Sein Angebot, einen Beitrag zu den Verbindungen des jüdischen Kaufhauskönigs Max Emden mit Freiburg anlässlich eines neuen Dokumentarfilms über Max Emden zu liefern, wird gerne akzeptiert, diese Entscheidung wird allerdings wenige Stunden später wieder zurückgenommen. „Der Chefredakteur wollte mich nicht mehr im Blatt sehen,“ sagt Serger. Das war im April. Am 10. Maiempfiehlt Bernd Serger auf Facebook den Dokumentarfilm über Emden, verlinkt seinen Artikel am Ende seiner Empfehlung und fügt den Satz an: „Über den Film, die Geschichte dahinter und den skandalösen Umgang der deutschen und schweizerischen Behörden in der NS-Zeit wie auch in der Gegenwart mit Max Emden habe ich einen Beitrag verfasst, der eigentlich in der „Badischen Zeitung“ erscheinen sollte.“

Über den online gesperrten Artikel über das Betten-Striebel berichten in der Zwischenzeit unter anderen die TAZ, meedia, die Welt und die Kontextwochenzeitung. Da man einen nicht erschienenen Artikel online auch nicht kommentieren kann, äußern sich die Leserbriefschreiber*innen in Kommentaren zu einem kurzen Artikel, der schon 2016 in der BZ zu Betten-Striebel erschienen ist. Kurz darauf wird auch dieser Artikel für Kommentare gesperrt – nach einer ausführlichen Einlassung des Chefredakteurs Fricke, der unter anderem schreibt, dass Sergers Beitrag „aufgrund der Gedankenlosigkeit eines Redakteurs ins Blatt fand“. In der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung schreibt er in der Rubrik „ Wir über uns“ unter der Überschrift „Kesseltreiben statt Diskussionskultur — Wie die Badische Zeitung wegen einer Geschichte über die Ursprünge eines Freiburger Bettenhauses zur Zielscheibe einer Kampagne wurde / Internet als Pranger“. Dort stellt er seine Sicht der Dinge noch mal ausführlich dar und brüskiert zum wiederholten Male seine Redaktion: „Hätte die Redaktion vorher gründlicher gearbeitet, hätten wir den Beitrag nochmals mit dem Autor besprochen und mutmaßlich einvernehmlich in einigen Passagen anders formuliert.“ 

Verpasste Chancen

Das Unternehmen hat zunächst eine Chance verpasst, die eigene Geschichte selbst zu erzählen. Aus Sicht der Inhaber eines „Bettenhauses“ in einer Zeit, in der Kund*innen auch die Wahl haben, ihre Matratze in einem skandinavischen Möbelhaus oder Bettenlager zu kaufen,  ganz zu schweigen von den niederschwelligen Onlineangeboten inklusive Lieferung ins Haus, ist der Blick auf die eigene Geschichte vielleicht zunächst von untergeordneter Bedeutung. Der Inhaber hat seine Ansicht inzwischen geändert: „Leider haben wir keinerlei Unterlagen von vor 1980, deshalb konnte ich auch nicht zur Sache Stellung nehmen. Um die Angelegenheit zu deeskalieren, werden wir von einem anderen Autor unsere Geschichte recherchieren lassen.“ Und er hat in diesen Tagen einen Termin mit einer Vertreterin der jüdischen Gemeinde in Freiburg.

Der Chefredakteur Thomas Fricker hat eine Chance verpasst, die von ihm eingeforderte Diskussionskultur zu etablieren. Am Telefon möchte er über die Angelegenheit nicht mehr sprechen, er versendet eine Stellungnahme mit seinen (auch schon in seiner eigenen Zeitung veröffentlichten) Argumenten. Er sieht sich als Opfer, er scheibt: „Letztlich führte aber die anhaltende Kampagne des Autors dazu, dass von einem irgendwie gearteten Vertrauensverhältnis zu ihm keine Rede mehr sein konnte. Ohne ein solches ist aber eine weitere freie Mitarbeit undenkbar.“

Bernd Serger hat seine Zeitung als Auftraggeber verloren. Eine Kampagne habe er niemals gestartet, sagt er, im Gegenteil: „Ich habe mich dagegen gewehrt, als mir entsprechende Vorschläge gemacht wurden.“ Sein Ziel ist es nach wie vor, in der Badischen Zeitung zu schreiben und dabei aus seinem Wissen und seinem umfassenden Archiv über die jüdische Geschichte in der Region Südbaden zu schöpfen. 

IBM Watson antwortet als David Ogilvy

IBMs Superhirn Watson hat eine ganze Ausgabe des britischen Marketing-Magazins „The Drum“ gestaltet. Darin − unter anderem − ein Interview mit dem allerberühmtesten Werber, dem 1999 verstorbenen David Ogilvy.

Dafür wurde Watson mit allem Möglichen gefüttert, was Ogilvy in Büchern  oder in Interviews geäußert hat, ob geschriebener Text oder transkribierte Videos, in Summe etwa 58.000 Worte.   Das gelingt, da Watson natürliche Sprache verarbeiten kann. Sodann wurde das Superhirn trainiert, in diesem ganzen Material die beste Antwort auf eine Frage zu finden. Und diese sind wirklich erhellend.

Die neuen Stadtmagazine

Das weite Feld von Journalismus bis Hochglanz-PR

Wer ausgehen will, geht erst mal ins Internet. Welche Veranstaltungen es gibt, erfährt man online, man kauft das Ticket online, speichert die dazu passende U-Bahn- oder Busverbindung. Auf Facebook kann man seine Aktivitäten online ankündigen, mal schauen, ob man dann nicht doch noch jemanden trifft, à propos, welche Bars gibt es in der Nähe und wie komme ich von dort dann ins Hotel? Auch Höhepunkte und Probleme der Regional- , Lokal- und Kulturpolitik werden immer häufiger online diskutiert. Kein Wunder also, dass die meisten der klassischen regionalen Kaufmagazine schon lange eingegangen sind.

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Irrgärten und Matroschka-Puppen

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Medienkonzentration in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg hat im Vergleich zu anderen Bundesländern noch immer eine hohe Zeitungsvielfalt, aber was die Eigentümerstrukturen anbelangt, so fühlt man sich an russische MatroschkaPuppen erinnert: Hat man die äußere Hülle erst mal entfernt, ist man noch lange nicht beim Kern angelangt. Vorher kommen noch Querverbindungen wie etwa Anzeigenoder inhaltliche Kooperationen oder die Übernahme von Mantelteilen, danach komplexe Eigentumsverhältnisse mit unterschiedlich großen Anteilen, Holdings und Zwischenholdings.

Die Daten zu dieser Grafik finden Sie hier. Darin sind die Zeitungstitel in Baden-Württemberg und
ihre jeweiligen Gesamt-Auflagen laut IVW 4-2014  aufgelistet. Da wir unsere Daten aus verschiedenen,
öffentlich zugänglichen Datenbanken zusammengestellt haben, bitten wir
unsere Leserinnen und Leser um Korrektur oder Ergänzung

Eine dieser Matroschka-Puppen in Baden-Württemberg ist die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH). Mit der Hauptgesellschafterin Medien Union zusammengerechnet bildet die SWMH neben der Axel Springer AG und der Funke Mediengruppe eine der drei größten Tageszeitungsgruppen in Deutschland. Federführend bei der Betrachtung der Konzentration der Tagespresse in der Bundesrepublik Deutschland ist der Medienwissenschaftler Horst Röper mit dem Formatt-Institut in Dortmund. Röper unterscheidet in seiner Studie zur Konzentration Verlagsgruppen und differenziert nach folgenden Kriterien:

• Verlage, die an anderen Verlagen mit mindestens 25 Prozent beteiligt sind, bilden mit diesen Verlagen eine Verlagsgruppe.
• Jede Verlagsgruppe hat in ihrem Zentrum einen Verlag, der als so genannter Mutterverlag gilt. Die Bestimmung dieses Mutterverlags ist der erste Schritt bei der Definition einer Verlagsgruppe.
• Beteiligungen des Mutterverlags an anderen Verlagen (abgerundet 25 Prozent) verleihen diesen den Status eines Tochterverlages.
• Sind mehrere Verlage an einem Verlag mit gerundet mindestens 25 Prozent beteiligt, so wird dieser Verlag mehrfach als Tochterverlag ausgewiesen.

Mit diesen Kriterien ist in Baden-Württemberg führend die Verlagsgruppe Stuttgarter Zeitung / Die Rheinpfalz (Ludwigshafen) / Südwest Presse (Ulm), ein Konstrukt aus drei Mutterverlagen mit über 30 Zeitungstiteln, zur Beschreibung der vielfachen Verpflichtungen braucht Röper 28 Fußnoten. Wie viel Einfluss diese Gruppe in Baden-Württemberg schon jetzt hat, zeigt die obenstehende Grafik.
Wenn nun ein neuer Vorstoß geführt wird, das operative Geschäft des Haller Tagblatt auf die Südwest Presse (SWP) zu übertragen, wächst damit wieder der Einfluss der südwestdeutschen Medienholding und damit der oben beschriebenen Verlagsgruppe. Das Haller Tagblatt gehört vollständig der neuen Pressegesellschaft in Ulm und ist heute schon Mitglied im Verband der von der neuen Pressegesellschaft herausgegebenen Südwest Presse. Diese produziert für ihre angeschlossenen Zeitungsverlage Mantelseiten. Schon 2008 sagte Horst Röper anlässlich der Übernahme des Süddeutschen Verlags durch die SWMH: “Der Markt wird stetig monopolisiert, die Besitzverhältnisse haben sich in den letzten 20 Jahren nachhaltig verändert. Tatsächlich sind die Eigentümer im Hintergrund aber immer dieselben. An dieser Entwicklung sind die großen Verlage dieser Gruppe deutlich beteiligt.” Und er verliert auch die vielfältigen anderen Aktivitäten – Hörfunk, Fernsehen, Anzeigenblätter, Internet – nicht aus den Augen: “Diese verknüpft mit den Möglichkeiten des SV – da entsteht ein publizistisches Konglomerat von ungeheurer Macht.”

„Ebenso verwirrend wie die Beteiligungssind auch die Tarifstrukturen innerhalb eines Konzerns“, sagt dazu die baden-württembergische DJV-Landesvorsitzende Dagmar Lange. Als Beispiel nennt sie die Lahrer Zeitung, eine 100-prozentige Tochter des Schwarzwälder Boten, der wiederum zur SWMH gehört und von den Stuttgarter Nachrichten die Mantelseiten erhält. „In keiner der Redaktionen wird unter den gleichen Bedingungen gearbeitet. Während der Schwarzwälder Bote nach 96 Streiktagen 2011 wieder für die bis dahin angestellten Redaktionsmitglieder in die Tarifbindung zurückgekehrt ist, herrscht bei der Lahrer Zeitung untertariflicher Wildwuchs. Generell sei bei allen Verlagen die Tendenz zu Gesellschaftsausgründungen mit dem Ziel der Tarifflucht stark ausgeprägt, stellt Lange fest.

Medienprofis kommentieren Stuttgarter Redaktionsfusion

Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten werden fusionieren: Zwei Zeitungen in einer Landeshauptstadt teilen sich ab Mai 2016 nur noch eine Redaktion. Kritiker befürchten eine weitere Reduzierung der Pressevielfalt, motiviert durch eine rein betriebswirtschaftliche Entscheidung. Mit der Unterzeichnung eines Eckpunktepapiers endeten am 07. Juli die wochenlangen Verhandlungen zwischen Geschäftsleitung und Betriebsräten. Die Online-Redaktionen von Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung dagegen werden schon jetzt zusammengelegt, die Ankündigung im März erregte viel weniger Aufsehen.
Wie Medienprofis diese Fusion beurteilen, warum Print aufregt und Online unbemerkt fusioniert und welche neuen Anforderungen in einer solchen Mischredaktion entstehen habe ich mit mehreren Medienprofis besprochen:

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LVL UP! GAMEFORGE IM TPK

LVL UP! oder – ausgeschrieben – „Level up“ ist ein bekannter Begriff aus Rollenspielen: Der Avatar sammelt Erfahrungen und steigt im Spielverlauf auf. Erreicht er die nächste Stufe (das nächste Level), lautet die Erfolgsmeldung LVL UP! Die Gameforge AG, eines der weltweit erfolgreichsten Unternehmen im Bereich Free-to-play Online-Games, hat sich für eine neue Spielrunde im Technologiepark entschieden und den Mietvertrag mit dem TPK verlängert. „LVL UP“ heißt dabei nun, dass in diesem Level Umbauten in den Büroräumen von Gameforge „freigeschaltet“ sind. PDF

Im Gehirn des Kraftwerks. Softwareentwicklung bei Siemens am Standort Karlsruhe

Wer Siemens hört, denkt an Turbinen, Wäschetrockner oder Röntgengeräte, aber nicht an Software, zumindest nicht sofort. Dennoch arbeiten weltweit etwa 18.000 Software-Entwickler bei dem Technologiekonzern. Der Standort in Karlsruhe ist ein Zentrum für Prozessautomatisierung, Fertigungsautomatisierung, Gebäudeautomatisierung und Industrial Services. Im Siemens Industriepark sprechen Steffen Wagner und Klaus Baumgartner mit dem VKSI Magazin über die „Softwareschmiede Siemens“.

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Alles, was fließt

„Wir bei Bürkert sind fasziniert von allem, was fließt. Egal, ob wir es messen, steuern oder
regeln“, steht in der Unternehmenspräsentation von Bürkert Fluid Control Systems. Das 1946
gegründete Unternehmen mit Hauptsitz in Ingelfingen hat heute weltweit 2.500 Mitarbei-
terinnen und Mitarbeiter, mehr als 1.400 davon arbeiten in Deutschland. Bürkert exportiert
80 % seiner Produkte, die Fertigung ist (mit einer sehr hohen Fertigungstiefe) vor allem in
Deutschland angesiedelt, ein Großteil davon im benachbarten Hohenlohe. PDF

 

scope 2-2015: Vier Profis für den perfekten Park

Vier Profis für den perfekten Park: Eine perfekte Infrastruktur sollte man nicht bemerken, diese Regel gilt auch für ein Büro (-Gebäude). Im Technologiepark heißt das: die Tiefgarage ist gefegt und ausgeleuchtet, das Treppenhaus ist makellos sauber, alle Lampen funktionieren, die Türen schließen, nirgendwo liegen Schmutz oder Unrat herum, die Temperatur ist genau richtig. Als Mieter des Technologieparks hat man sich daran gewöhnt, dass die Waschräume morgens so aussehen,
als hätte sie noch nie jemand besucht und die Konferenzräume eine Herausforderung
für die Abteilung Spurensicherung wären. PDF: Magazin für den Technologiepark Karlsruhe