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Zeitfresser

Zeitfresser, das klingt nach Verwüstungen, wie sie der weiße Hai vor den Stränden Floridas anrichtete. Doch in der Wirklichkeit handelt es sich um Schwärme von nimmersatten Zeitnagern. In ihrer Fresssucht führen sie, scheinbar ausgestattet mit einer Art Schwarmintelligenz, einen flächigen Angriff auf unser Zeitmanagement. Sind sie erfolgreich, können sie einen ganz normalen Arbeitstag in ein Ödland verwandeln. ­­­­­­­­­­­Für den Erfolg solcher Attacken ist man meist selbst verantwortlich.

Odysseus verstopfte seinen Seeleuten die Ohren mit Wachs, damit sie den betörenden Gesang der Sirenen nicht hören konnten. Sich selbst ließ er, mit offenen Ohren, am Mast festbinden, um den Verlockungen zu widerstehen. Die Mehrzahl der Menschen heute dagegen schaltet willfährig morgens den Computer an und öffnet sogar noch freiwillig das Mailprogramm. Was dann geschieht, weiß jeder selbst am besten:
Die vermeintlich schnelle Kommunikation führt oft zu extremer Verlangsamung, zum Beispiel durch Missverständnisse, die danach in endlosem E-Mail-Pingpong statt im kurzen Telefonat korrigiert werden. Viele kleine Aufgaben werden als Einzelfälle erledigt (noch dazu in der Reihenfolge: Die Letzten dürfen die Ersten sein) und nicht zusammengefasst und als Komplex behandelt. Milliarden Euro sollen der Industrie so verloren gehen, wird geraunt. Mitarbeiter werden durch die ständig eintreffenden E-Mails abgelenkt. Ihr Arbeitstag wird förmlich vom „Ping“ der neuen Nachrichten getrieben. Das verursacht Stress, der sich im schlimmsten Fall bis zum Burnout ausweiten kann.

An zweiter Stelle der Zeitfresser-Hitliste im Büro stehen die Meetings. Ihr Ziel soll sein, möglichst effizient Arbeitsinhalte zu definieren. Nach Ansicht der meisten Meetingprofis misslingt das regelmäßig. „Es ist zwar schon alles gesagt, aber nicht von jedem“, lästern Kollegen übereinander. So fehlt die Zeit zum Arbeiten. Das ist umso schlimmer, da bei vielen Managern die Meetings fast die Hälfte der Arbeitszeit ausmachen. Deren Effizienz könnte man schon allein dadurch steigern, dass die Anwesenden auch ordentlich teilnehmen. Doch weit über die Hälfte lenkt sich unterdessen mit mailen, chatten oder twittern ab – meist bei virtuoser Einhandbedienung des Handys unterhalb der Tischoberfläche.

Sein Potenzial konnte der Zeitfresser erst so richtig mit der Industrialisierung entwickeln. Im Gegensatz zur Landwirtschaft, die dem Rhythmus der Natur folgt, kann man Produktion theoretisch das ganze Jahr über beschleunigen. Ein Bauer kann so schnell melken, wie er will, trotzdem muss die Kuh erst wieder fressen, bevor ihre Euter wieder Milch geben. Das Produkt dagegen hat keinen natürlichen Rhythmus. Produktion besteht aus möglichst schnell und zuverlässig ausgeführten Wiederholungen. Zeit ist Geld und Zeitfresser sind Geldfresser: Wer bei der maschinellen Produktion von Eierlöffeln bei jedem einzelnen dieser Löffel nur eine Sekunde verschenkt, hat nach nur einer Million Eierlöffeln schon fast 280 Stunden verloren. Wertvolle Zeit, in der man weitere Eierlöffel hätte produzieren können.

Zur Entspannung haben wir die Freizeit. Deren größter Zeitfresser sei das Fernsehen, sagen die über Vierzigjährigen – das Internet, behaupten die Jüngeren. In naher Zukunft wird diese Unterscheidung eh hinfällig sein, Internet und Fernsehen wachsen zusammen. Die ARD/ZDF-Langzeitstudie „Massenkommunikation“ beobachtet das Medienverhalten der Bevölkerung seit 1964. Nach deren Ergebnissen sehen die Bundesbürger seit Jahren etwa 220 Minuten täglich fern. Diese drei Stunden und 40 Minuten pro Tag summieren sich über ein Arbeitsleben von 40 Jahren zu etwas mehr als sechs Jahren. In der gleichen Zeitspanne arbeitet man etwa acht Jahre und schläft etwa elfeinhalb Jahre.

Das Internet wird zusätzlich – und zunehmend – genutzt, die Dauer des täglichen Fernsehkonsums nimmt trotzdem nicht ab. Auch die angegebenen Gründe für den Fernsehkonsum ändern sich nicht wesentlich: „Information“ steht mit einer Zustimmung von 84 % an der Spitze. Danach folgen unmittelbar „Spaß“ mit 81 % und „Entspannung“ mit 77 %. „Weil ich mich ablenken möchte“ geben 61 % als Grund für ihren Fernsehkonsum an, und 64 % wollen „Nützliches für den Alltag er­fahren“. „Weil es aus Gewohnheit dazugehört“, trifft für 58 % der Befragten zu.

Doch vor allem kleine elektronische Geräte haben eine wahrhaft unheimliche Professionalität im Umgang mit uns Menschen entwickelt. Am Anfang unserer Initiation durch die Geräte stand das Tamagotchi, das virtuelle Küken, um das man sich vom Zeitpunkt des Schlüpfens an wie um ein echtes Haustier kümmern musste. Es wollte schlafen, essen, spielen, trinken und meldete sich zu unterschiedlichsten Zeitpunkten. Wenn man es vernachlässigte, starb es, konnte aber durch das Drücken des Reset-Schalters wiederbelebt werden.

Mit den Tamagotchis von heute kann man zusätzlich noch telefonieren und E-Mails versenden, sie stellen sich nur dann tot, wenn man ihre PIN vergessen oder ihr Ladegerät nicht rechtzeitig angeschlossen hat. Mit ihnen haben wir unsere ganz persönliche Auswahl an Zeitfressern ständig in der Jacken- oder Handtasche parat. Wir tragen nicht nur unsere Korrespondenz bei uns, unseren Terminkalender, unsere Nachschlagewerke, unser Aktiendepot und unsere Powerpoint-Präsentationen. Wir haben außerdem Spiele zum Überbrücken von Wartezeiten dabei und können durch die Auswahl von Klingeltönen und Hintergrundbildern die Darstellung unserer Persönlichkeit verbessern. Sind wir mal müde, können wir damit auch fernsehen oder Musik hören und uns später wecken lassen, zum Beispiel durch ein zärtliches Vibrieren.

Die Zeitpunkte, zu denen es unsere Aufmerksamkeit will, bestimmt nun unser virtuelles Netzwerk – weit seltener durch Anrufe als durch E-Mails, Short-Messages und Tweets. Das Smartphone ist der wahre Verantwortliche für das Verwischen der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit. Und wehe, es liegt mal irgendwo ohne uns rum, dann steigt das Risiko der Nomophobie. Dieses Kunstwort bezeichnet die „No Mobile Phone – Phobia“, also die Angst, mobil nicht erreichbar zu sein. Das ist ganz schlicht die Angst, etwas zu verpassen.

Im Büro sind die Zeitfresser ein Joint Venture eingegangen mit der Prokrastination (so nennt man die Aufschieberitis, seit sie als akutes wirtschaftliches Problem identifiziert wurde). Diese beiden wollen nur das Eine: Sofortbefriedigung. Gemeint ist Sofortbefriedigung wie in: Facebook lesen, E-Mail Eingang leeren, beim Ego-Shooter gewinnen. Der Erfolg bei solch kleinen überschaubaren Aufgaben ist sofort ersichtlich und das ist eine schnelle, leicht zu ergatternde Belohnung. Langfristige Aufgaben wie etwa: Konzept fertig stellen, Artikel schreiben, Steuererklärung abschließen werden erst sehr viel später belohnt – so viel Geduld will geübt sein.

Die Muße kommt bei all dem zu kurz. Mit Beschaulichkeit, Nichtstun, Stille und Rast haben diese Nachfahren der Zeitdiebe aus Michael Endes Roman „Momo“ aus dem Jahr 1973 gründlich aufgeräumt. Dessen Agenten der Zeitsparkasse errechnen für ein siebzig Jahre währendes Leben ein Vermögen von über zwei Milliarden (genau 2.207.520.000) Sekunden, mit dem es gewissenhaft umzugehen gälte. Freilich dachten diese Agenten nicht an ein ausgewogenes entspanntes Leben ihrer Kunden, sondern wollten die eingesparte Zeit nur für sich selber.

Tempus fugit, da hilft nur: Effizient arbeiten, langfristige Ziele verfolgen, diszipliniert Störungen ausschalten. Aber nicht allen gelingt das immer und ununterbrochen. Für uns andere gibt es Hilfsprogramme wie etwa FocusWriter. Für eine gewählte Dauer (oder bis zum Erreichen einer festgelegten Zeichenzahl) blendet das Programm die Außenwelt auf dem Bildschirm aus und verwehrt den Zugriff auf E-Mail und Internet. Die in dieser Abgeschiedenheit gefundenen Gedanken tippt man auf einen schlichten grauen Hintergrund mit unwiderstehlichem Retro-Charme – ohne Icons, Pop-ups oder Info-Leisten. Will man diese elektronische Denkfessel umgehen, kann man ja immer noch genießerisch die Gedanken schweifen lassen, frei nach dem Motto: So viel Zeit wie möglich selber verprassen, bevor ein Zeitfresser sie erwischt!

Der Artikel ist erschienen im „Zeitsparbuch“, herausgegeben vom Museum für Kommunikation, Frankfurt. Verlag Hermann Schmidt Mainz GmbH & Co. KG

Das Zeitsparbuch Ein immerwährendes Kalenderbuch mit 13 therapeutischen Stressometern und wertvollen Gedanken und Denkanstößen zum Thema Zeit. Gestaltung: Maksimovic & Partner 236 Seiten mit zahlreichen historischen Abbildungen Format 14 x 22 cm fadengehefteter Leinenband mit Prägung, ISBN 978-3-87439-839-8

 

Mit dem Scheitern rechnen

Früher musste man auf den Präsidenten schießen, wenn man berühmt werden wollte. Heute wird man berühmt, wenn man einer Freundin erzählt, dass man mit dem Präsidenten geschlafen hat. Die Veränderung von „Öffentlichkeit“ und die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft analysieren Bernhard Pörksen und Hanne Detel in ihrem neuen Buch mit dem Titel „Der entfesselte Skandal: Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“. Köln 2012. Besprechung / Interview als PDF: scheitern, erschienen in Blickpunkt 2/2012