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Medienprofis kommentieren Stuttgarter Redaktionsfusion

Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten werden fusionieren: Zwei Zeitungen in einer Landeshauptstadt teilen sich ab Mai 2016 nur noch eine Redaktion. Kritiker befürchten eine weitere Reduzierung der Pressevielfalt, motiviert durch eine rein betriebswirtschaftliche Entscheidung. Mit der Unterzeichnung eines Eckpunktepapiers endeten am 07. Juli die wochenlangen Verhandlungen zwischen Geschäftsleitung und Betriebsräten. Die Online-Redaktionen von Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung dagegen werden schon jetzt zusammengelegt, die Ankündigung im März erregte viel weniger Aufsehen.
Wie Medienprofis diese Fusion beurteilen, warum Print aufregt und Online unbemerkt fusioniert und welche neuen Anforderungen in einer solchen Mischredaktion entstehen habe ich mit mehreren Medienprofis besprochen:

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Angst essen Seele auf. Der Journalist und Autor Bruno Schirra auf dem baden-württembergischen Journalistentag 2015

Bruno Schirras Name war zum ersten Mal einem breiten Publikum bekannt geworden, als aufgrund eines seiner Artikel 2005, der vertrauliche Akten des Bundeskriminalamts zitierte, die Redaktionsräume des Cicero und sein Privathaus durchsucht worden waren. Gegen Schirra wurde wegen Offenbarung von Dienstgeheimnissen Anklage erhoben. Tatsächlich aber ging es bei dem Verfahren um die Pressefreiheit, nämlich um das Zeugnisverweigerungsrecht zum Informantenschutz. Die Affäre war und ist für Schirra mit negativen Auswirkungen verbunden – Hintergründe und weiterführende Informationen sind online durch unterschiedliche Quellen dokumentiert.

Bei seinem Besuch des baden-württembergischen Journalistentags war die Causa Cicero jedoch kein Thema. Vielmehr gemahnte der Islamkenner Schirra in seinem „Werkstattbericht“ unter dem Titel „Angst essen Seele auf“, wie die Angst die journalistische Seele aufesse. Mit der Aussage „Wenn Sie heute nach Syrien gehen, sind Sie morgen tot“ beschreibt er drastisch die Gefahr für Journalisten vor Ort und hat selbst erlebt: „Dreizehn meiner Freunde sind tot“. Festangestellte dürften vor Ort gar nicht mehr recherchieren und die New York Times beauftrage stattdessen junge Freiberufler, diese seien wahre „Kinder im Krieg“.

Mit den Worten „Pass auf, was Du veröffentlichst“, bedrohten salafistische Mitbürger den Autor des Buches ISIS, sie wüssten wo er wohne, nicht nur die Hausnummer sondern auch das Stockwerk und die Wohnung seiner Familie. Die Angst verändere die Menschen, führe in der Konsequenz zu einer inneren Bedrohung für unsere Pressefreiheit. „Ich bin schockiert, wie schnell die Solidarisierung mit Charlie Hebdo wieder ein Ende gefunden hat und ich bin schockiert, wie heute Kollegen fragen „Mussten sie denn gar so weit gehen?“ und damit den Opfern eine Mittäterschaft unterstellen“.

Die innere Bedrohung führe dazu, dass Themen von Redaktionen abgebügelt werden mit der Begründung, das sei ihnen zu heiß. Wie etwa die Geschichte der Kollegin, die nach der Veröffentlichung der sexuellen Übergriffe gegenüber Jugendlichen durch katholische Priester untersuchen wollte, ob ähnliches im Umfeld der Moscheen geschehe. Dieser Artikel sei nie beauftragt worden, sagt Schirra, aus Angst.

Am Ende des Journalistentags beantwortet Schirra noch ein paar kurze Fragen für den Blickpunkt

Susann Mathis: Wir haben hier heute mit vielen Facetten der Pressefreiheit zu tun, ein fehlendes Redaktionsstatut etwa ist natürlich eine wesentlich kleinere Bedrohung als Terrordrohungen gegen eine Redaktion. Erscheinen Ihnen unsere Probleme in Deutschland nicht banal?

Bruno Schirra: Sie sind mit einer anderen Realität konfrontiert als ich, aber ich behaupte, Ihre ist nicht leichter zu ertrage. Ich möchte nicht mit den Problemen eines Lokalreporters konfrontiert sein. Wenn ich mein Leben lang so dicht bei den Leuten lebe, da habe ich ganz andere Risiken auszuhalten. Von daher ist das nicht eine banale Realität, wenn über Redaktionsstatut und andere Hemmnisse gesprochen wird.

SM: Sie beschreiben, dass oft Angst die Ursache dafür ist, dass eine Geschichte nicht von der Redaktion beauftragt wird oder dass zu wenig Mittel für Recherchen bereitgestellt werden, aber wie oft ist dafür auch die Trägheit unserer Zivilgesellschaft hier in Deutschland verantwortlich, etwa wenn breite Bevölkerungsschichten sich über die Bespitzelung durch die NSA so wenig aufregen, dass sich auch die Politik nicht wirklich bemüßigt fühlt, hier zu intervenieren.

Bruno Schirra: Es ist nicht einfach, hier eine endgültige Position zu formulieren, doch ich habe die Überraschung bis zum heutigen Tag nicht verstanden, weil schon seit 30 Jahren bekannt ist, was die NSA betreibt. Hat irgendwer allen Ernstes geglaubt, die NSA würde daher die Vorteile des Internets nicht wahrnehmen? Dass der BND mit der NSA zusammenarbeitet, und — obwohl er das nicht darf — in Deutschland tätig ist, dass – unbeschadet wie die Farbe der Regierung ist – jede Regierung das weiß, und das auch will, das ist so. Die Leute wollen es nicht wahrhaben. Die Leute regen sich auf, weil sie denken, die NSA kennen ihre intimen Geheimnisse, aber gleichzeitig geben dieselben Leute bei Facebook und bei Twitter diese intimen Daten preis. Das ist eine merkwürdige Gemengelage. Die Leute sollten empört sein, täglich sollten Hunderttausende demonstrieren, doch hier herrscht das Prinzip Trägheit.

SM: Sie sagen, dass in Europa durch heimkehrende ISIS Terroristen eine verstärkte Terrorgefahr besteht, dass der Terror auch nach Deutschland kommt. Wo zwischen Angst und Trägheit stehen wir bei diesem Thema in Deutschland?

Bruno Schirra: Man wusste ja seit dem September 2001, dass es eine Terrorgefahr gibt. Die Aufmerksamkeit ist danach wieder abgeflacht, doch seit vergangenem Sommer, seit dem Aufkommen der ISIS, ist diese Gefahr wieder in das Bewusstsein der Menschen gedrungen. Plötzlich beschäftigen sich viele damit und erkennen, dass es sich um eine konkrete Gefahr handelt, die einen ganz persönlich treffen kann. Da sagen nun die Leute: Wir wollen aufgeklärt werden. Sie werden aber von unserer Profession zu wenig aufgeklärt. Die Leute beklagen sich zurecht, wenn sie sagen: Ihr Journalisten versagt hier auf ganzer Linie, wir wollen kein Alarmismus, wir wollen keine islamophobe Verdammung einer Religion. Aber die Leute erleben ein Defizit der Information, der Aufklärung, und da versagt unsere Branche.

SM: Ist das in anderen europäischen Ländern – Sie leben ja die Hälfte Ihrer Zeit in Frankreich – anders oder besser?

Bruno Schirra: Nein. Die Franzosen gehen gelassener damit um, aber die französische Presse krankt an genau demselben Syndrom wie auch die britische, lediglich die Schweizer Presse ist ein bisschen besser aufgestellt. Vielleicht liegt das daran, dass kein Land in Europa einen so hohen Ausländeranteil hat wie die Schweiz und damit auch mit den Problemen noch dichter konfrontiert ist.

Bruno Schirra stellte außerdem sein neues Buch „ISIS – Der globale Dschihad“ vor.

ISIS – der „Islamische Staat“ – hat binnen weniger Wochen das erreicht, wovon Al-Qaida immer geträumt hat. Die Bewegung verfügt über Land, unbegrenzte Finanzressourcen, willfährige Kämpfer und hat Zugang zu chemischen und biologischen Massenvernichtungswaffen. Der Terror-Anschlag auf die Redaktion der satirischen Wochenzeitung Charlie Hebdo in Paris macht auf erschütternde Weise klar: deutsche, französische oder österreichische Dschihadisten tragen den Terror auch in unsere Städte. Der Nahost-Experte Bruno Schirra ist seit 30 Jahren im Nahen und Mittleren Osten unterwegs und recherchierte vor Ort im Irak. Er benennt das Versagen des Westens, erklärt den Ursprung und die neue Qualität des Terrors und zeigt die Verbindungen zur deutschen Salafisten-Szene auf. (Aus der Verlagsankündigung)

Bruno Schirra: ISIS – Der globale Dschihad. Wie der „Islamische Staat“ den Terror nach Europa trägt, Januar 2015, Econ Verlag, 336 Seiten, € 18,00 (D) ISBN: 978-3-430-20193-39783843711241_cover

 

Im Gehirn des Kraftwerks. Softwareentwicklung bei Siemens am Standort Karlsruhe

Wer Siemens hört, denkt an Turbinen, Wäschetrockner oder Röntgengeräte, aber nicht an Software, zumindest nicht sofort. Dennoch arbeiten weltweit etwa 18.000 Software-Entwickler bei dem Technologiekonzern. Der Standort in Karlsruhe ist ein Zentrum für Prozessautomatisierung, Fertigungsautomatisierung, Gebäudeautomatisierung und Industrial Services. Im Siemens Industriepark sprechen Steffen Wagner und Klaus Baumgartner mit dem VKSI Magazin über die „Softwareschmiede Siemens“.

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Global-regional-digital: Das Radio als Smartphone-Medium

Nach wie vor wird in Deutschland sehr viel Radio gehört, zunehmend auch über das Internet. Die schon gar nicht mehr so neuen Streaming-Angebote existieren nebenher und die Hörer-Bindung zu den lokalen Sendern scheint noch intakt. Das wird nur durch hohen Arbeitseinsatz der Hörfunk-Journa­listinnen und -Journalisten ermöglicht. Wer heute Radio macht, macht auch Internet und twittert und postet. Denn so geht Hörer-Bindung heute.

Die Radionutzung in Deutschland hat sich nach einem leichten Anstieg auf einem hohen Niveau eingependelt. Nach wie vor hört fast jeder in Deutschland werktags Radio – und dabei bleiben die Hörer eines Senders ihm mehr als vier Stunden lang treu (249 Minuten) wie Messungen der agma, Arbeitsgemein­schaft Mediaanalyse e.V. aus Frankfurt, zeigen. Der Mittelwert, also die durch­schnittliche Hördauer aller Bundesbür­ger wächst wieder um eine Minute, auf drei Stunden und 19 Minuten. Somit ist das Radio „das einzige klassische Me­dium, das trotz der zunehmenden me­dialen Konkurrenz auch in jungen Zielgruppen unverändert – oder sogar noch etwas stärker – genutzt wird“, sagte dazu Dieter K. Müller, Vorstand Radio der agma.

Insgesamt gibt es mehr als 390 Radio­sender in Deutschland. Davon sind 230 private und 63 öffentlich-rechtliche Ra­dioprogramme. Laut ma 2014 Radio II sind Radio NRW, Antenne Bayern und SWR 3 bundesweit die reichweiten-stärksten Radioprogramme.

Zu den beliebtesten Musikrichtungen im Radio zählen laut einer WDR-Erhebung Hits der 1990er und 2000er Jahre, die Charts von heute und Techno. Insofern bleibt auch in Baden-Württemberg SWR 3 die klare Nummer eins. Ebenfalls deutlich gewonnen hat der Jugendsender „Das Ding“: Mit einem Zuwachs von 19,9 Prozent verbesserte man sich auf 283.000 Hörer und Platz 9. Nach unten ging es hingegen für die größten Priva­ten: Antenne 1 und Radio Regenbogen.

Dabei ist das Internet ein zunehmend wichtiger Verbreitungsweg für das Radio. Gleichzeitig bekommen die Radiosender durch den Streaming-Markt eine ganz neue Konkurrenz.

Nicht nur Spotify, iTunes oder das Apple Radio, sondern auch Plattenfirmen stel­len ihre Angebote zur Verfügung. Dies veranlasst nun 140 private Radiosender aus Deutschland, ihr eigenes Streaming-Portal unter dem Namen Radioplayer aufzubauen, Vorbild ist der UK Player in Großbritannien. Verschiedene Software­entwicklungen und Apps stellen die Bri­ten dem Non-Profit Projekt zur Verfügung. Ein wichtiger Aspekt dieser Initiative: Bislang werden ihre Inhalte von Anbietern wie Radio.de oder Pho­nostar vermarktet, mit ihrem eigenen Stream in Dienst, der auch Podcasts be­inhalten soll, würden sie die digitale Ver­breitung ihrer Inhalte wieder unter eigener Regie bringen.

Aufstehn und Anschalten

Das alles mag schön und gut sein. Hat aber Radio nicht vor allem etwas damit zu tun, aufzustehen und den Knopf zu drehen oder auch auf dem Weg zur Ar­beit das Autoradio einzuschalten? Unter den aktuellen Wettbewerbsbedingungen wird diese tradierte Form des Radiohö­rens wohl eines Tages verschwinden. Das digitale Radio hat ein Modell, dem ge­genzusteuern. Es will durch „nahtlosen Empfang“ eines Senders die Hörertreue befördern: Der Sender, den man zum Frühstück eingeschaltet hatte, wird auch mit dem Autoradio weitergehört – auch wenn man das Empfangsgebiet verlässt – und steigt man man aus dem Auto aus er­reicht einen der Sender über das Smart-phone. So soll die Zukunft aussehen.

Aktuell wird Radio in Deutschland noch vor allem über die Geräteantenne gehört. Auch bringen diese technischen Voraus­setzungen eine gewisse Trägheit mit sich und sorgen für Hörertreue durch vorein-gestellte Sender und regionale Verfüg­barkeit. „Die meisten Hörer kommen immer noch über die normalen Wege wie die UKW-Frequenz oder das Kabel­netz“, sagt Simon Jägersberger, Modera­tor beim Ortenau-Hit-Radio OHR.

Das Internet sei im Moment für regio­nale oder von der Region abhängige Sen­der kein so großer Wettbewerbsfaktor: Natürlich nutzten viele dieser Hörer dann auch den Online-Stream, zum Bei­spiel an ihrem PC. Sehr viele Internet-Hörer seien aber Menschen, die früher mal in der Region des Senders gewohnt haben und weggezogen sind. Sie nutzen den Online-Stream, um über die alte Heimat auf dem Laufenden zu bleiben.

UKW verliert, wenn auch auf hohem Niveau

Dieser Eindruck wird von den aktuellen Zahlen bestätigt: UKW verliert, wenn auch auf hohem Niveau. War UKW 2013 noch für 78,6 Prozent der domi­nierende Verbreitungsweg, sank die Zahl 2014 auf 75,1 Prozent. Auch hier legten Internetradio (von 6,2 auf 9 Pro­zent) und DAB/DAB+ (von 0,5 auf 1,1 Prozent) zu. Laut den Zahlen von Teltarif. hat UKW vor allem bei jüngeren Nutzern und Hörern mittleren Alters verloren: Während die 14- bis 29­jährigen hier eher auf Internetradio um­gestiegen sind, konnte DAB/DAB+ vor allem bei 30- bis 39-jährigen zulasten der klassischen UKW-Verbreitung zu­legen.

Aus der Digitalisierung erwachsen unge­heuer viele Möglichkeiten für die Radio­sender, doch die schleichende Veränderung der Gewohnheiten birgt auch Risiken: Die Hörerinnen und Hörer haben mit ihrem Smartphone nicht ein­fach ein zusätzliches Empfangsgerät in der Hosentasche, sondern einen Strauß von Möglichkeiten, in dem das her­kömmliche Radio nur ein Angebot unter vielen ist und lernen muss, sich zu be­haupten.

Beliebte Musik-Streaming-Dienste sor­gen für unkomplizierte Hinter­grundmusik im bevorzugten Genre und dazu wird einfach das Smartphone an einen Verstärker angeschlossen. Und so hat sich der Wettbewerb massiv geändert. Radiosender konkurrieren nicht mehr mit dem Sender, der eine 10-Grad-Drehung am Frequenzknopf entfernt ist, sondern mit spezialisierten Pro­grammen. Und alle zusammen kon­kurrieren im Internet. Man kann via Internet Tausende von Radioprogram­men empfangen: Salsa direkt aus Havanna, Jazz direkt aus New Orleans, Blues direkt aus Chicago … Für jeden Wunsch gibt es spezialisierte, kompe­tente Sender.

Doch Radio ist weit mehr als nur Musik­sendungen. Und neue Medien haben schon immer die alten Medien an den Rand gedrängt. In den 1920er Jahren bewirkte das Radio, dass Zeitungen nur noch einmal pro Tag und nicht mehr, wie bis dahin üblich, mit mehre­ren Ausgaben täglich erschienen. Seine Nachrichten konnten direkt „in den Äther“ gesprochen werden und mussten nicht mehr gedruckt und ver­teilt werden.

Kontinuierlicher Informationsstrom und schneller Austausch

Heute hat das Internet die stündlichen, getakteten Nachrichten zu einem flexi­blen und kontinuierlichen Strom von Informationen  verwandelt.   Seine Verfügbarkeit rund um die Uhr hat un­sere Ansprüche erhöht und unsere Ge­duld nicht vergrößert.

Dazu kommt, dass Informationen aus den unterschiedlichsten Kanälen auf uns hereinprasseln. Ob man sich nun für eine stündlich dosierte Nachrichtentaktung aus dem Radio, eine Information-on-de-mand Lösung via Internet, das klassische Modell mit Zeitung morgens, Tagesschau abends entscheidet oder darauf wartet, dass die Social Media einem die relevan­ten Nachrichten auf das Mobiltelefon pushen, eines haben alle gemeinsam: Jede und jeder verlässt sich auf Journa­listen, die das Weltgeschehen und die lo­kalen Nachrichten für das jeweilige Medium aufbereiten, sortieren und ein­ordnen – egal ob sie sonst Hörfunk, Fernsehen oder Zeitung machen.

Zusätzlich werden diese Angebote nicht als Einbahnstraße konzipiert, sondern verlangen auch Reaktionen und Aus­tausch mit den Hörerinnen und Hörern. Für den 34-jährigen Jägersberger vom Ortenau-Hit-Radio spielen die Social Media-Angebote eine zentrale Rolle. Vor allem Facebook sei ein gutes Mittel, um mit den Hörern und ’Fans‘ in Kontakt zu kommen und zu bleiben. „Daraus erge­ben sich häufig Themen und man erfährt auch vieles über seine Hörer, weil eine di­rekte Kommunikation möglich ist. Das nutze ich häufig, um eine engere Bin­dung zum Hörer aufbauen zu können.“

Günther Laubis ist seit den frühen Neun­zigern beim SWR. Er arbeitet in ver­schiedenen Schichten, da er sowohl für SWR Info, für SWR3 und für SWR2 tätig ist. Beim Radio zu arbeiten war schon immer sein Traum, seit er als Jugendli­cher gemeinsam mit seinen Freunden die ersten Piratensender gemacht hat. Doch der Traumjob hat mit seinen wechseln­den Schichten auch eine Kehrseite, seine Freunde sagen: „Du arbeitest doch so­wieso immer.“

Auch für Laubis spielen die sozialen Me­dien eine große Rolle. „Für Twitter haben wir nun eine extra Redaktionsabteilung gegründet, in der sich zwei Kollegen aus­schließlich um relevante Twitter-Mel-dungen kümmern und unsere eigenen Tweets absetzen.“ Denn Redakteure heute hätten nicht mehr nur die täglich etwa 3.000 Agenturmeldungen und die Korrespondentenberichte im Blick, son­dern darüber hinaus auch das Hörer-Feedback und Twitter und Facebook. „Denn wer heute Nachrichtensendungen macht, muss wissen, was zu einem be stimmten Thema in den sozialen Medien diskutiert wird.“ Und so habe sich durch das Internet die tägliche Arbeit der Nach­richtenredakteure stark verändert, erläu­tert Laubis: „Bisher war es ihre Arbeit, Nachrichten für die nächste Sendung zu schreiben. Jetzt aber gibt es Twitter und Facebook und besonders wichtige Mel­dungen werden also nicht erst zur nächs­ten vollen Stunde recherchiert und geschrieben, sondern zusätzlich zeitnah, zielgruppengerecht und entsprechend der dort möglichen Form für Twitter und Facebook geschrieben und darüber aus­gespielt.“

Journalisten schaffen die beliebtesten Informationsquellen

Diese Sorgfalt wird belohnt. Die belieb­testen Informationsquellen im Internet sind laut einer Bitkom-Untersuchung Webseiten von Radio- und TV-Sendern. Die Hälfte der Internetnutzer (49 Pro­zent) greift darauf zurück, darunter am häufigsten Personen im Alter zwischen 14 und 29 Jahren (61 Prozent). Damit rangieren die Seiten von Radio und Fern­sehen noch vor den Webseiten von Ta­geszeitungen und politischen Magazinen, die von 42 Prozent bevorzugt konsultiert werden. Nach Laubis Ansicht bietet die Digitalisierung gewaltige Vorteile für den Hörfunk, das Problem sei nur, „dass wir für die zusätzliche Arbeit – aus meiner Sicht – dringend zusätzliche Fachkräfte brauchen. Was in Zeiten der sehr engen finanziellen Ressourcen sicher ein Pro­blem darstellt.“ Einer der großen Vorteile dagegen seien die Mediatheken. Ein gro­ßer Gewinn sei, dass sich die eigene Ar­beit nicht mehr so versendet. So kann jemand, der einer Sendung vielleicht nur mit halbem Ohr lauschen konnte, später noch mal alles im Detail nachhören und so wird auch die eigene Arbeit besser ge­würdigt. „In vielen Beiträgen steckt sehr viel Herzblut und es ist schade, wenn sie nur einmal laufen“, sagt Laubis und fügt an: „Ich fände es auch gut, wenn man die Nachrichten nicht nur nachhören, son­dern auch nachlesen könnte auf unserem Internetauftritt.“ Und auch Jägersberger schätzt die Podcasts, auch wenn sie sei­ner Ansicht nach im Lokalradio nicht so häufig genutzt würden wie vielleicht die Angebote überregionaler Anbieter. Aber trotzdem: „Häufig sind Podcasts eine Möglichkeit für Interviewpartner und deren Freunde und Bekannte, ihren Auf­tritt im Radio einfach noch mal nachzuhören.“

Im Mannheimer Technikmuseum „TECHNOSEUM“ entsteht eine der be­deutendsten Sammlungen zur Rund­funk- und Mediengeschichte. In Zukunft wird man sich in Mannheim vor den un­zähligen Radioempfängern retten müs­sen. Die Extra-Geräte braucht man nicht mehr, um Radio zu hören. Heute reicht der PC, das Tablet, das Smart-TV oder eben das Smartphone. Schön praktisch, dass man nur noch ein kleines Gerät braucht und damit sowohl Radio hören, fernsehen, Musik streamen, Briefe schrei­ben, Fotos sortieren, sein Aktiendepot verfolgen und Nachrichten twittern und posten kann. Und diese kleinen elektroni chen Geräte haben eine ungeheure Überzeugungskraft: Laut einer Bitkom-Untersuchung nutzt in Deutschland gut jeder Zweite ab 14 Jahren ein Smartphone (55 Prozent). Vor einem Jahr waren es erst 41 Prozent der Bevöl­kerung.

In Zukunft werden all die vielen ver­schiedenen Journalistinnen und Journa­listen von den unterschiedlichsten Medien mit den unterschiedlichsten Kompetenzen auf ein- und demselben handtellergroßen Bildschirm um die Aufmerksamkeit der Rezipienten kon­kurrieren und, wenn möglich, in Dialog mit ihnen treten. Wer wissen will, wie das weitergeht, für den hat der bekannte Me­dientheoretiker Marshall McLuhan einen Hinweis, den er schon lange vor der Ent­wicklung von Smartphones formuliert hat: „Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen die Werkzeuge uns.“ So oder so, wir haben es (im wahrsten Sinne) in der Hand.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bereue nichts. Ein Projekt über die NSA und Edward Snowden am Badischen Staatstheater

Ich bereue nichts

Ein Stück über Edward Snowden am Badischen Staatstheater
Interview mit dem Dramaturg und Autor Konstantin Küspert

In einer der ersten Szenen kommt der Schauspieler nackt auf die Bühne, vor sich trägt er einen Bildschirm. Vielleicht sei das ja das Bild der totalen Überwachung, spricht er ins Publikum, denn in der Vorbereitung des Stückes habe der Regisseur ihn nicht nur gezwungen, sich selbst auszuziehen, sondern auch, seine Google Daten hacken zulassen. Anschaulich zeigt er, was man aus seinen Daten herauslesen kann. Detailliert erläutert er dem Publikum, was man auf diese Weise über sein Leben erfahren kann. Termine2013-09-17 14.38.16

Susann Mathis: Das Theater erscheint vielen Menschen eine elitäre Ein­richtung, die von der normalen Welt abgeschlossen ist. Das Karlsruher Staatstheater selber scheint sich aber überhaupt nicht abzuschließen.

Konstantin Küspert: Das Staatstheater ist ja kein reiner Kunstbetrieb, sondern wir machen Kultur und haben damit auch einen Bildungsauftrag und einen Repräsentationsauftrag in der Stadt, d.h.: Wir machen für viele verschiedene Leute Theater. Wir wollen eben nicht nur unser Abonnentenpublikum erreichen, sondern auch ganz neue Schichten erschließen. Ob mit der Gründung des Jungen Staats­theaters oder Projekten für Migranten und für Menschen, die nicht aus einem akademisch geprägten Hintergrund kommen: Es gibt ein großes Bestreben von der Leitung des Theaters, diese ansonsten hermetisch wirkende Institution Theater zu öffnen.

SM: Was bringt einen Theatermacher dazu, sich mit den Methoden seiner Welt eines aktuellen Problems anzunehmen?

KK: Ich begreife meinen Auftrag vielleicht als eine Mischung aus Volkshochschule, Zeitung und Kulturbetrieb. Und dabei greifen wir auch, denn auch das ist unsere Aufgabe, Themen auf, die die Gesellschaft bewegen, die einen Einfluss auf die Gesellschaft haben. Wir haben schon einmal, in einer ähnlichen Konstellation wenn gleich auch in einer größeren Gruppe ein aktuelles Thema aufgegriffen, zum Thema »NSU«, und so lag es nahe, wieder mit dem gleichen Regisseur Jan-Christoph Gockel und Thomas Halle, dem Schauspieler, ein aktuelles Thema aufzugreifen und nach theatralen Umsetzungen zu suchen.

Konstantin Küspert_webDer Autor und Dramaturg Konstantin Küspert. Foto: Susann Mathis

SM: Wie sieht eine solche Suche nach theatralen Umsetzungen aus – wenn man also weit darüber hinausgehen will, Gescheh­nisse einfach nur abzubilden oder vielleicht einen Protest zu schüren?

KK: Wir haben sehr lange recherchiert, wir haben uns mit vielen Leuten getroffen, unter anderem mit IT-Spezialisten von der Karlsruher Sicherheitsinitiative und Leuten aus dem Umfeld von Snowden. Wir haben sehr viel gelesen und uns zu Brainstor­mings immer wieder zusammengesetzt. Und dabei sind Fragen entstanden wie zum Beispiel: Kann es nicht sein, dass Snow-den einfach nur gegen Schimären kämpft? Daraus entstand das Bild, den Schauspieler in einer Szene wie Don Quijote gegen Windmühlen kämpfen zu lassen. Ein anderes wichtiges Bild ist die Überwachung. Dieses Gefühl, sich nackig zu machen vor den Überwachungsmechanismen der NSA – da haben wir dann eben den Schauspieler nackig gemacht. Wir haben alle sehr viel geschrieben, auch Thomas Halle, der Schauspieler, daraus haben wir dann destilliert und das Stück in einer sehr knappen Proben-phase – wir hatten eigentlich nur zwei mal eine Woche – zügig zusammengebaut.

Das Stück beginnt mit der Suche nach dem richtigen Bild – Ein einzelner Schauspieler, Thomas Halle, kommt auf die Bühne oder richtiger: er hat seine Garderobe am Rand der Bühne eingerichtet und tritt in die Mitte. Dort beginnt mit der Suche nach dem ersten Bild des Stückes. Mit einem Rubik’s Würfel in der Hand beschreibt er eine fiktive Szene in einem Mos­kauer Tunnel – eine Fahrt zur Person Edward Snowden. Doch er verwirft diesen ersten Versuch: »das wird nicht das erste Bild sein«. Viele weitere erste Bilder wird er noch ent- und verwerfen: Snowdens Begegnung mit den Journalisten Greenwald und Poitras oder die Aufzeichnung der Antwort von James Clapper vor dem US Kongress »No Sir, not wit-tingly«, Elemente aus der Geschichte und Szenen aus Snow-dens Biografie. Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wo die Intention Snowdens herkommt, woraus sich dieser Charakter entwickelt hat, trifft er keine Entscheidung – dem Zuschauer bleibt die Wahl.

SM: Das bedeutet aber auch, dass auch für Autoren beim Thea­ter die Teamarbeit sehr wichtig ist, das stellt man sich norma­lerweise anders vor.

KK: Es gibt dieses klassische Autorending, dass man sich zurück­zieht für mehrere Monate und dann ein Werk entsteht, dass man aus sich heraus geschöpft hat. Jedoch gerade beim Theater ist es eine große Chance, einen Text gemeinsam mit dem Regisseur und den Schauspielern zu entwickeln, und gleichberechtigt daran zu arbeiten. Jeder mit der ihm gegebenen Speziali­sierung und dem im gegebenen Fokus. Das ist wesentlich effektiver, als wenn man sich einem solchen Stoff alleine nähert.

SM: Wie hat die Beschäftigung mit dem Thema Überwachung Sie und Ihre Kollegen verändert?

KK: Thomas Halle hat hier sicher den größten Sprung von uns allen gemacht. Er hatte sich vorher lediglich mit den Grundfunktionen seines Smartphones ausgekannt, seit unserer Recherche verschlüsselt er jede einzelne seiner E-Mails. Und kennt sich jetzt auch wirklich gut aus. Und ist auch in der Lage, beide nach Gesprächen mit den Zuschauern Fragen zu beantworten, die für das Stück inhaltlich relevant sind.

»Müssen wir doch erkennen, dass das iPhone, auf das wir alle so sehnlich warten, nur eine Wanze ist, mit der man zufällig auch telefonieren kann«, sagt der Schauspieler, bevor ein Überseekoffer auf die Bühne rollt und er mit den Zuschauern ein Tutorial beginnt: Der Schauspieler erläu­tert PGP Verschlüsselung – Pretty Good Privacy – für alle. Während er die einzelnen Schritte der Verschlüsselung erläu­tert, wird ihm aus dem Überseekoffer ein Kettenhemd überge­streift, eine Rüstung über das Ketten­hemd gezogen. Bei dem Schritt, dass er nun eine Signatur und ein kleines Schloss in seinem Mailprogramm besitzt, wird die Rüstung um gepanzer­te Arme ergänzt. Am Ende verteilt er Rüstungen im Zuschauerraum, um über­haupt mit ihnen kommu­nizieren zu können. Doch »er fühlt sie nicht«. Entwe­der sicher oder nackt, lautet seine Schlussfolgerung.

SM: Informationstechnologie spielt eine große Rolle in unse­rem Leben heute und mutet dann in diesem Zusammenhang auch sehr bedrohlich an, umso mehr, da nur noch Spezialisten verstehen, was da geschieht. Wie war es, das Thema mit IT-Spezialisten zu behandeln?

KK: Was uns zum Beispiel am Anfang immer fasziniert hat, war die Sprache der Spezialisten. Wenn es darum geht, ob eine Ver­schlüsselung sicher oder weniger sicher ist, dann lautet etwa ein Argument: »das ist sehr starke Mathematik«. Das klingt für Außenstehende natürlich erst mal ein wenig wie »das ist sehr starke Magie«. Es war sehr lehrreich zu sehen, wie die Infor­mationstechnologie in unser alltägliches Leben eingreift. Sie ist grotesk omnipräsent und gleichzeitig ist uns in dieser Phase zum ersten Mal klar geworden, dass es sich im Prinzip nur um komplexe Rechenaufgaben handelt.

SM: Snowden ist ja eine erstaunliche Figur. Er verschließt sich seinen Erkenntnissen nicht, sondern zieht seine Konsequen­zen. Inwieweit ist Snowden ein Held, eine Ausnahmeerschei­nung?

KK: Oberflächlich betrachtet taugt Edward Snowden wirklich nur sehr bedingt zum Helden. Er ist dieser blasse, nerdige Compu-tergeek, der am Anfang auch immer mit dieser geklebten Brille aufgetreten ist. Man weiß von ihm, dass er sich freiwillig für den Kriegseinsatz gemeldet hat, sich aber dann im Trainingslager beide Beine gebrochen hat. Er entspricht dem Klischee eines introvertierten, schmächtigen Nerds und nicht dem Klischee des Superman. Viele Informationen aus seinem Privatleben hält er zurück. Auch das mindert seine mediale Verwertbarkeit. In anderer Hinsicht taugt er dann aber doch zum Helden, nämlich weil er systematisch ein Ziel verfolgt hat. Denn hat sich ja wirk­lich einstellen lassen mit dem Ziel, diese Daten zu stehlen, dann hat er über eine lange Zeit schon den Kontakt zu Greenwald und Poitras aufgenommen – d.h. er hat sich über lange Zeit hinweg in Gefahr begeben. Das war keine Kurzschlusshandlung. Und das erfordert viel Mut. Er hat ein gefestigtes Set an moralischen Regeln und denen ist er gefolgt. Und das war sicherlich nicht leicht für ihn und das ist vielleicht wiederum das, was ihn tat­sächlich zum Helden macht. Für uns ist er in jedem Fall ein Held.

„Ich bereue nichts“. Ein NSA-Projekt von Jan-Christoph Gockel, Thomas Halle & Konstantin Küspert.

 

Vier Fragen an den IT-Sicherheitsexperten Dirk Fox, einer der Partner in der Recherche und Vorbereitung des Theaterstücks:

1 Die Autoren des Stücks »Ich bereue nichts…« wurden von Euch, das heißt von der Karlsruher IT-Sicherheitsinitiative beraten. Wie kam der Kontakt zustanden und was hat Euch als IT-Spezialisten daran interessiert?

Dirk Fox: Die Autoren hatten sich an das CyberForum gewendet, um Kontakt zu Spezialisten im IT-Sicherheitsbereich herzustellen. Für uns ist es eine ganz großartige Geschichte, dass sich Künstler mit dem Thema IT-Sicherheit, Big Data, Verschlüsselung etc. beschäftigen. Wir erreichen schon mit den Anti-Prism-Parties sehr viele Menschen, aber über das Theater wird nun noch mal eine ganz neue Gruppe von Menschen angesprochen.

2 Konstantin Küspert, einer der Autoren sagte, für ihn klinge »starke Mathematik« wie »große Magie«. Wie ist es umgekehrt für Euch gewesen, mit den Künstlern mathema­tische Themen zu bearbeiten?

Dirk Fox: Gerade das Thema Verschlüsselung ist eines unserer Tech­nikthemen, das am weitesten weg ist von der Kunst. Kunst will das Gegenteil von verschlüsseln, Kunst will öffnen. Die beiden Themen sind wie Feuer und Wasser. Verschlüsselung und Daten-schutz behandelt viele technische und darüber hinaus auch noch rechtliche Detailfragen, die sehr trocken sind und von Außenste-henden nur schwer zu fassen. Dennoch haben wir eine Brücke gefunden und zwar die Persönlichkeit von Edward Snowden. Über seine – wahre – Heldengeschichte und die Frage: »Warum hat er sein Leben geopfert?« sind wir das Thema gemeinsam angegangen.

3 Ist denn Kunst oder speziell das Theater überhaupt ein auch für die Zukunft gangbarer Weg, schwierige Tech­nikthemen für eine breite Öffentlichkeit verständlich zu machen?

Dirk Fox: Ich finde es hervorragend, wie sich die Künstler in das Thema hinein gearbeitet haben, denn ganz klar kommt hier auf die Kunst eine große Rolle zu. Wir haben ja auch schon im Vorfeld Anti-Prism-Partys veranstaltet und dabei große Unterstützung vom ZKM und seinem Leiter Peter Weibel bekommen, denn er hat ganz klar gesehen und argumentiert: Das Thema hat mit Freiheit und damit originär auch mit Kunst zu tun.

4 Wie gefällt dir das Ergebnis?

Dirk Fox: Ich bin begeistert. Die Autoren haben großartige Bilder gefunden. Das Stück wirft viele Fragen auf, die es – natürlich – nicht beantworten kann. Das kann das Theater den Zuschauern nicht abnehmen.

Aber das Wichtige ist: Das Stück bietet vielen Menschen einen Zugang zu der Frage, welche Implikationen die Technik auf unsere Gesellschaft hat und damit ist es wegweisend. Was die Kunst natürlich nicht kann, das ist, die Blackbox aufzuboh­ren. Sie kann das Technikding nur umkreisen, sie kann nicht eintauchen, aber das liegt in der Natur der Sache.

Dirk Fox: Vorstand des Cyberforum e.V., Geschäftsführer der Secorvo Security Consulting GmbH und Ini­tiator der Karlsruher IT-Sicherheitsinitiative (KA-IT-Si), ist Diplom-Informatiker und  beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit Fragen der Informationssicherheit und des Datenschutzes in Forschung, Entwicklung und Beratung.

erschienen im VKSI Magazin 12

WIEDERAUFNAHME 11.10.2015 STUDIO, Termine

Preis für Thomas Halle

Der Schauspieler Thomas Halle erhielt für seine Leistung in der Inszenierung den diesjährigen Günther-Rühle-Preis. Die Jury des Günther-Rühle-Preises bezeichnete den Preisträger Thomas Halle in ihrer Begründung als »virtuosen Spieler und als jemanden, der zum Denken anregt«. Halle stelle sich in »Ich bereue nichts« »dem Phänomen Edward Snowden und der durch ihn ausgelösten Überwachungs-Debatte« mit »Dring­lichkeit und Unbedingtheit«, er bringe »sich und seine Person buchstäblich selbst ins Spiel und wird so im besten Sinne Iden-tifikations- und Spiegelungsfigur für uns, die wir dem Thema der totalen Überwachung bislang wohl mehr oder weniger indifferent (bis ignorant) gegenüberstanden«.

 

Unsere Konzerte sind eine Art öffentliches Denken

Beitragsfoto: Daniel Bollinger

Vier Menschen sitzen am Tisch über ihre Laptops gebeugt. Musik erklingt. Es sind Benoît and the Mandelbrots. Ihren Namen haben sie von dem französischen Mathematiker Benoît Mandelbrot geborgt, ihre Musik erschaffen sie selber bei jedem Auftritt neu. Benoît and the Mandelbrots ist eine 2009 in Karlsruhe gegründete Live-Coding-Laptop-Band, die mithilfe von Programmiersprache improvisiert. Zwei der insgesamt vier Musiker, Patrick Borgeat und Juan A. Romero, kommen in mein Karlsruher Büro zum Interview.

Mathis: Was machen Sie eigentlich genau, wenn Sie auf der Bühne sind?

Borgeat: Anders als andere Programmierer, die ein Produkt herstellen, formen wir den Softwareprozess ständig um. Und dieser Prozess formt während des Programmierens ständig Klänge.

Mathis: Welche Sprache verwenden Sie?

Borgeat: Wir benutzen die Sprache SuperCollider, ein Open Source Produkt speziell für Klang und Musikproduktionen. Es gibt aber durchaus auch andere Programmiersprachen, die extra für diese musikalische Aufführungspraxis entstanden sind oder dafür nutzbar gemacht worden sind. Zum Beispiel gibt es Leute, die mit JavaScript arbeiten, es gibt aber auch viele Künstler, die nur für ihre eigene Performance eine komplett eigene Programmiersprache entwerfen.

Mathis: Schränkt das nicht ein?

Borgeat: Man braucht die eine oder andere Einschränkung, um kreativ zu sein.

Romero: Es ist mehr wie ein Instrument, man kann auch nicht mit einem Saxofon Klavier spielen. Wir aber wollten, auch um etwas flexibler sei zu sein, eine allgemeine Programmiersprache verwenden.

Borgeat: Viele Livecoder – vor allem wenn sie mehr aus der Softwaretechnik kommen – schätzen diese Universalität und es gibt auf der anderen Seite Künstler und Komponisten, die nicht daran interessiert sind, dass auch andere ihre Programmiersprache nutzen. Das sind einfach unterschiedliche Herangehensweisen.

Mathis: Und was passiert dann auf der Bühne genau? Ich kann während Ihrer Performance zusehen, wie Sie Zeilen umschreiben, aber was muss genau passieren, damit ich ein Konzert höre?

Romero: Ich glaube, bei unseren ersten Performance hat es drei Minuten gedauert, bis man überhaupt den ersten Ton gehört hat. Erst muss man die Audio Engine starten, dann den Synthesizer kompilieren, danach erst kann man ihn aktivieren. Aber wenn man ihn dann aktiviert, spielt er erst mal einen durchgehenden Ton. Dann muss ein Prozess starten, der eine Melodie ergibt. Und bis dahin sind drei Minuten um. Mittlerweile haben wir aber eine Art Snippets gespeichert, damit wir schneller starten können.

Mathis: Das ist ein wenig wie ein Orchester, das muss ja auch immer erst noch mal die Instrumente stimmen …

Romero: Viele fanden das auch sehr interessant, dass wir diesen Prozess so transparent gemacht haben. Aber natürlich muss man drei Minuten Stille im Publikum erst mal ertragen. Und wenn wir nur 12 Minuten für einen Auftritt haben, können wir nicht die ersten drei Minuten darauf verwenden, die Maschine zu starten.

Mathis: Und wie entwickeln Sie die Performance weiter?

Romero: Algorithmen sind nicht wie Töne. Ich spiele nicht auf der Tastatur. Ich programmiere etwas und das kann ein ganzes Stück sein. So kann es während der Performance geschehen, dass ich an meinem Part für eine Weile gar nichts ändere. Wenn ich zufrieden damit bin, dann höre ich erst mal so lange zu, bis eine Änderung notwendig wird. Das kann man bei Instrumenten nicht. Da ist man immer gleichzeitig am Spielen und am Zuhören.

Mathis: Wie wird man überhaupt Live Coder?

Romero: Bei uns hat es mit dem Studium angefangen. Am Anfang konnte ich aber noch nicht programmieren, dann haben wir erst mal mit anderen Dingen experimentiert, zum Beispiel mit dem wii-controller und irgendwann mal traut man sich, Live zu spielen. Dann geschehen viele Fehler und manchmal entstehen sehr interessante Dinge aus den Fehlern.

Borgeat: Wenn wir genau wüssten, was passiert, wäre es auch nicht so spannend. Das ist doch das Entscheidende daran, dass wir Live spielen. Wir könnten sonst natürlich auch vorne auf der Bühne sitzen, eine Aufnahme abspielen, und währenddessen E-Mails lesen.

Mathis: Wollen alle, die das lernen, vor allem Live spielen?

Romero: Ich lege es meinen Studenten immer ans Herzen. Man muss zusammenspielen. Dann muss man sich an die anderen anpassen. Es ist das Schönste, gemeinsam mit anderen zu musizieren. Als klassischer Gitarrist zum Beispiel ist man sehr oft alleine. Während bei Computer Musik … wir haben kein Repertoire. Wir erarbeiten alles live. Die Regeln machen wir selber. Das ist wie eine ganz andere Welt.

Mathis: Fehlt einem bei der Computer Musik nicht die Sinnlichkeit, die Körperlichkeit, weil man, anders als etwa bei der Gitarre oder dem Cello, das Instrument nicht umarmt?

Borgeat: Doch, das ist eine wichtige Dimension von Musik: das Zupfen, das Reinblasen, das Vibrato, die Intonation. Aber es ist halt nicht die einzige Dimension von Musik und wir finden es spannend, zu erforschen, wie Musik ohne diese Dimension funktioniert.

Romero: Vielen Musikern sieht man dabei zu, wie sie sehr gestisch musizieren. Bei uns liest man, was wir schreiben und man hört, was wir denken. Unsere Konzerte sind eine Art öffentliches Denken. Ich muss meine musikalischen Gedanken als Algorithmus formulieren, die Leute blicken in mein Gehirn rein, statt den Körper zu sehen.

Borgeat: Man kann auch immer noch, wenn man nicht ganz ohne diese Körperlichkeit auskommen möchte, in gemischten Ensembles spielen. So haben wir mal in einem gemischten Ensemble das Audiosignal der mikrophonierten Instrumente übernommen, um die Instrumente zu erweitern, bzw. mit dem Klangmaterial zu improvisieren.

Romero: Das ist eine Art Meta-Instrument. Zum Beispiel bekomme ich das Mikrofon von der Flötistin, setze einen Effekt, z. B. einen Hall, darauf, und wenn sie das hört, wird sie darauf hin anders spielen. Ich beeinflusse also ihr Spiel durch die Effekte, die ich daraufsetze. Das ist eine ganz interessante Möglichkeit, hybrid zu arbeiten.

Mathis: Sie chatten auch manchmal während ihrer Livekonzerte …

Borgeat: Wir haben Blickkontakt, aber wir chatten auch. Manchmal erscheint das auch auf der Projektion. Das ist eine weitere Ebene, die Humor in unsere Performances bringt.

Romero: Oder wenn man keine Lust mehr hat, Bass zu spielen, so fragt man im Chat, wer übernehmen möchte und dann wird der eine Bass etwas leiser, bis der andere lauter wird und übernimmt.

Mathis: Wie viel Spaß macht das Programmieren dabei?

Borgeat: Wir programmieren auch außerhalb der Musik. Wir programmieren gerne und es macht uns auch Spaß. Sonst würden wir wahrscheinlich auch nicht so Musik machen.

Romero: Live ist das natürlich eine spezielle Situation, man ist nervös, es geschehen Fehler. Man muss technisch denken und die Musik technisch konzipieren, aber das macht alles Spaß.

Mathis: Mandelbrot ist in der Live Coding Szene eine sehr bekannte Band …

Borgeat: Für Leute, die sich damit beschäftigen, sind wir sicher ein Begriff. Wir sind mit die Ersten, die auf einer größeren Bühne aufgetreten sind, wie zum Beispiel beim letzten Stadtgeburtstag in Karlsruhe. Da haben wir sehr viel visuell gearbeitet, das Publikum war sehr groß und wir wollten möglichst leichte Zugänge schaffen. Anders als im ZKM, wo das Publikum von vornherein auf experimentelle Musik eingestellt ist. Dort herrscht eine klassische Konzertatmosphäre, das ist sehr angenehm. Anders als auf einem Rockkonzert, da sprechen die Leute weiter und trinken Bier.

Mathis: Wo kann man Mandelbrot das nächste Mal hören?

Romero: Der nächste öffentliche Auftritt wird am 17. Januar bei den Algoraves im Jubez stattfinden.

Mathis: Vielen Dank für das Gespräch

Mehr über Benoît and the Mandelbrots erfährt man hier: the-mandelbrots.de und über Live Coding dort: Toplap.org

und hier der Film „Menschen am Sonntag“ von 1930 mit ihrer Filmmusik

erschienen im VKSI-Magazin #11

Jedes Gehirn ist kreativ – sofern es einen Körper hat

Wenn heute davon die Rede ist, dass Informatik alle Bereiche des Lebens durchzieht, dann folgen Beispiele wie: Software und Datenbanken sind zum zentralen Wirtschaftsgut der meisten Firmen geworden. Der Computer auf vier Rädern ist ein Automobil. Der Computer auf meinem Schreibtisch ist Teil eines gigantischen Geheimdienstapparats. Aber bislang nur selten stellt man sich die Frage, ob ein Orchester etwa ein musizierender Computer sein kann.

In Karlsruhe kann man dieser Frage auf den Grund gehen: An der Hochschule für Musik existiert ein weltweit einzigartiges Institut für Musikinformatik. Ein Institut, in dem nicht einfach erforscht und gelehrt wird, wie man mit soft-und Hardware Musikerinnen und Musiker unterstützt, sondern ein Institut, in dem die Auffassung vertreten wird, dass das Programmieren eine dem Komponieren gleichwertige kreative Tätigkeit ist. Gründer des Instituts ist Professor Dr. Thomas A. Troge. Er studierte, parallel zu seinem Musikstudium, an der Universität Karlsruhe Ingenieurwissenschaften. Nach seiner Promotion baute Troge sein eigenes Forschungsbüro auf. In seinem weißen Büro im schwarzen Neubau der Musikhochschule treffe ich ihn zum Interview.

Mathis: Herr Professor Troge, wie wurde aus Ihrem Forschungsbüro ein Institut der Musikhochschule?

Troge: Bei der Gründung des ZKM wurde ich von der Stadt Karlsruhe als Berater angeworben. In diesem Zusammenhang entstand an der Musikhochschule das Bedürfnis, eine Kooperation mit dem ZKM aufzubauen. Ich selber bin Pianist, habe aber auch schon erstmals ab 1972 versucht, am Computer Musik zu machen. Das ab 1989 an der HfM von mir aufgebaute Fach „Musikinformatik“ – seit 2004 als Institut für Musikwissenschaft und Musikinformatik IMWI – wurde so benannt, um den Unterschied zu verwandten Angeboten wie etwa „Computermusik“ oder „Music Technology“ zu verdeutlichen.

Mathis: An anderen Orten wird das Fach eher technisch orientiert gelehrt. Was ist das Besondere an der Musikinformatik in Karlsruhe?

Troge: An anderen Universitäten sind vergleichbare Angebote in der Regel an den technischen Fakultäten angesiedelt. Dort wird das Fach im Prinzip als Informatik unterrichtet und man belegt ein paar zusätzliche Musikfächer, meistens sogar dann an einer anderen Hochschule. In Karlsruhe dagegen studiert man an der Staatlichen Hochschule für Musik, also einer Kunsthochschule. Hier ist die Musik das Dominierende, unsere Studierenden studieren in ständigem Kontakt zu Musikern aller Fächer. Wir versuchen, auch schon im Bachelorstudium, sehr breite Grundlagen zu legen und trotzdem schon gewisse Vertiefungsrichtungen anzubieten wie z. B.: Sonic Arts/Composition, Software for Creativity und den großen Bereich Audio-/Mediengestaltung, letzteres wollen wir umbenennen in „Künstlerische Medienproduktion“. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass wir ein exzellent ausgestattetes Computerstudio und außerdem seit knapp zwei Jahren einen hervorragenden Multimediasaal in der Hochschule haben.

Mathis: Und wie unterscheiden Sie sich im internationalen Vergleich?

Troge: Zum einen durch eben diese Konzeption unserer Studiengänge. Wir kommen vom Künstlerischen her und machen uns die Informatik zum Werkzeug; zum anderen fragen wir umgekehrt auch, inwieweit sich die Musik informationstheoretisch betrachten lässt. Weltweit einzigartig ist auch, dass unser Studiengang wirklich alle Bereiche der Musikinformatik beinhaltet, von der ‚banalen’ digitalen Audiotechnik bis zur Frage, ob ein Computersystem eines Tages auch zu etwas Ähnlichem wie „künstlerischer Kreativität“ fähig sein kann oder nicht. Die anderen Studiengänge, etwa in den USA oder in Frankreich, heißen etwa „Computer Music“ oder „Music Technology“ oder drücken auf andere Art und Weise aus, dass es sich bei der Musik um eine Ergänzung handelt. Oder man kann das Fach Computermusik belegen, dieses beinhaltet dann allerdings nur den rein kompositorischen Aspekt.

Mathis: auf Ihrer Website steht, dass Sie sich unter anderem auch mit Kognitionswissenschaften bis hin zu Fragestellungen aus der Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz beschäftigen…

Troge: Ja, wir betrachten die Musik auch von der Informationstheorie aus, das bedeutet, sich zu überlegen, was wird mit der Musik eigentlich transportiert. Musik ist eine Art von Information, aber es ist keine semantische, verbalisierbare Information, d.h. wir haben starke Anteile von Kognitionswissenschaft, psychologischer Akustik, Epistomologie, Emotionsforschung usw.. Wir beschäftigen uns mit der Frage: Was nehmen wir überhaupt wahr, aber auch umgekehrt mit der Frage: Wo kann die Informatik von der Musikinformatik profitieren, wie laufen eigentlich kreative Prozesse ab? Das ist aktuell das Hauptthema unseres Doktoranden-und Forschungskollegs. Das Ziel ist es, Simulationsmodelle zu entwerfen, mit denen man kreative Prozesse abbilden und dadurch besser verstehen kann, was bei Menschen passiert, wenn er komponiert, interpretiert oder Musik einfach nur hört.

Mathis: Wie definieren Sie Kreativität?

Troge: Inzwischen zeichnet sich ein gewisser Erkenntnisgewinn ab, sodass man inzwischen sagen kann, dass Kreativität einerseits ein völlig überbewerteter und in Mitteleuropa sogar mystifizierter Begriff ist. Was sich allmählich herauskristallisiert, auch durch die vielen Ergebnisse der neurophysiologischen Forschung in den letzten zwei Jahrzehnten, ist, dass Kreativität eine Grundeigenschaft jedes Säugetiergehirns ist. D.h. wir würden nicht überleben, wenn unser Gehirn nicht ständig die nächste Zukunft extrapolieren würde. Das wird anschaulich, wenn man überlegt, was ein Skifahrer macht, der auf eine Piste kommt und der in Sekunden­bruchteilen weiß, wie er fahren muss, um den Hang hinunter zu kommen, ohne mit einem der anderen Skifahrer, einem Baum oder einer Pistenbegrenzung zu kollidieren und der genau weiß, welche Bewegungen er machen muss, um in der richtigen Haltung über einen Buckel auf der Piste zu fahren. Das Gehirn macht also in Sekundenbruchteilen vieles, was man allmählich heute mit den Rechnern simulieren kann: Es simuliert die Topographie des Geländes mit allen dynamischen Schwierigkeiten und extrapoliert eine oder mehrere mögliche Routen.

Bei kreativ tätigen Menschen laufen ähnliche Dinge ab. Der Komponist sagt: Das Schwierigste an einer Komposition ist die erste Note. Bevor ich diese erste Note geschrieben habe, habe ich ein Universum von Möglichkeiten. In dem Moment, wo ich die erste Note geschrieben – ‚gesetzt’ –habe, wird dieser Möglichkeitsraum kleiner und verengt sich mit jeder weiteren Note, die ich dazu setze. Bis sich dann, wenn die Komposition gut läuft, die letzten Noten sich fast von selbst ergeben.

Mathis: Das heißt, jedes Gehirn ist kreativ?

Troge: nicht allein das Gehirn, sondern die Gehirn-Körper-Einheit. Ein wichtiger Schritt in der Forschung war, dass man den Körper wieder einbezogen hat. Ich würde heute den Begriff der kreativen Begabung so verwenden, dass eigentlich jeder Mensch, der ein normales Gehirn und einen normalen Körper hat, auch kreativ sein kann. Und ob er das nun wird oder nicht, das hängt dann im Wesentlichen von seiner individuellen Geschichte ab und von dem Umfeld, in dem er aufwächst. Natürlich klingt das hier nun etwas einfacher, als es dann im konkreten Einzelfall wirklich ist.

Mathis: viele Mathematiker (und auch viele Informatiker) machen selber Musik. Treten diese Begabungen häufig zusammen auf oder sind das einfach zwei Seiten derselben Medaille?

Troge: Darauf kann ich keine definitive Antwort geben. Aber es ist sicherlich richtig, dass sowohl die Mathematik wie auch die Musik Sonderwelten sind. Die Mathematik ist eine Welt, wo die Philosophen sich schon immer fragen, ist es die Welt, nach der unsere Welt konstruiert ist, oder ist es nur etwas, das Menschen sich ausgedacht haben, und das zufällig dafür taugt, einiges unserer Welt zu beschreiben. Es ist auf jeden Fall eine Welt, die ihre eigenen Gesetze hat, die zum Teil übereinstimmen mit dem, was wir als unsere Welt wahrnehmen. Gleichzeitig gibt es aber auch Phänomene in der Mathematik, die nicht zu unserer Welt passen. Und die Musik ist etwas Ähnliches. Sie ist auch eine Welt für sich, die ihre eigene Nomenklatur hat, aber sie hat – im Gegensatz zur Mathematik – eben auch einen ‚weichen’ Bereich. Beiden gemeinsam aber ist, dass sie eigene Welten sind, in die man sich hinein begeben kann und für die man sich begeistern kann.

Mathis: Wer studiert Musikinformatik?

Troge: Das sind oft junge Leute, die sich schwertun mit der Entscheidung, ob sie nun auf eine Musikhochschule oder eine Technische Hochschule gehen sollen. Am Institut für Musikinformatik können sie beides verbinden. Sowohl ihr Interesse für Hard- und Software, also etwa den Instrumentenbau, als auch ein Interesse an künstlerischer Tätigkeit. Wir haben auch Studierende vom KIT, die bei uns Musikwissenschaft oder Musikinformatik als Ergänzungsfach belegen. Wir haben auch regelmäßig KIT-Informatiker, so zwischen einem halben und einem ganzen Dutzend, die hier das Ergänzungsfach belegen.

Mathis: Und was machen Musikinformatiker nach dem Studium?

Troge: Auf dem freien Markt von der Musikinformatik zu leben ist, gerade in Europa, sehr schwierig. Wir unterscheiden den künstlerischen, wissenschaftlichen und industriellen Bereich. Manche schaffen es in eine akademische Laufbahn, das kann natürlich aber nur ein kleiner Teil sein. Kompetenzen werden aber auch zum Beispiel beim Sounddesign in der Industrie gebraucht, bekanntes Beispiel sind etwa Tür- oder Motorengeräusche in der Automobilindustrie. Ein stark wachsender Bereich ist die funktionale künstlerische Musik, etwa in Games, Environments, Filmen, gerade die Filme- und Gamesindustrie hat hier viel Potenzial. Darüber hinaus arbeiten unsere Absolventen in der Arbeit mit Behinderten, zum Beispiel der Führung von Blinden durch akustische Signale, in der Reparatur von (digitalen) Musikinstrumenten und beim Eventmanagement oder der Eventtechnik. Unser Bachelorstudiengang ist durch verschiedene Schwerpunkte gut ausbalanciert und gewährleistet die Flexibilität unserer Absolventen auf dem Markt.

Mathis: Herr Professor Troge, vielen Dank für das Gespräch.

erschienen im VKSI-Magazin #11

Das Radio als Smartphone-Medium

Nach wie vor wird in Deutschland sehr viel Radio gehört, zunehmend auch über das Internet. Die schon gar nicht mehr so neuen Streaming-Angebote existieren nebenher und die Hörer-Bindung zu den lokalen Sendern scheint noch intakt. Das wird nur durch hohen Arbeitseinsatz der Hörfunk-Journalistinnen und -Journalisten ermöglicht. Wer heute Radio macht, macht auch Internet und twittert und postet. Denn so geht Hörer-Bindung heute.

erschienen in Blickpunkt 3/2014

Die Radionutzung in Deutschland hat sich nach einem leichten Anstieg auf einem hohen Niveau eingependelt. Nach wie vor hört fast jeder in Deutschland werktags Radio – und dabei bleiben die Hörer eines Senders ihm mehr als vier Stunden lang treu (249 Minuten) wie Messungen der agma, Arbeitsgemeinschaft Mediaanalyse e.V. aus Frankfurt, zeigen. Der Mittelwert, also die durchschnittliche Hördauer aller Bundesbürger wächst wieder um eine Minute, auf drei Stunden und 19 Minuten. Somit ist das Radio „das einzige klassische Medium, das trotz der zunehmenden medialen Konkurrenz auch in jungen Zielgruppen unverändert – oder sogar noch etwas stärker – genutzt wird“, sagte dazu Dieter K. Müller, Vorstand Radio der agma.

Insgesamt gibt es mehr als 390 Radiosender in Deutschland. Davon sind 230 private und 63 öffentlich-rechtliche Radioprogramme. Laut ma 2014 Radio II sind Radio NRW, Antenne Bayern und SWR 3 bundesweit die reichweitenstärksten Radioprogramme. Zu den beliebtesten Musikrichtungen im Radio zählen laut einer WDR-Erhebung Hits der 1990er und 2000er Jahre, die Charts von heute und Techno. Insofern bleibt auch in Baden-Württemberg SWR 3 die klare Nummer eins. Ebenfalls deutlich gewonnen hat der Jugendsender „Das Ding“: Mit einem Zuwachs von 19,9 % verbesserte man sich auf 283.000 Hörer und Platz 9. Nach unten ging es hingegen für die größten Privaten: Antenne 1 und Radio Regenbogen.

Dabei ist das Internet ein zunehmend wichtiger Verbreitungsweg für Radio. Gleichzeitig bekommen die Radiosender durch den Streaming-Markt eine ganz neue Konkurrenz. Nicht nur Spotify, iTunes oder das Apple Radio, sondern auch Plattenfirmen stellen ihre Angebote zur Verfügung. Dies veranlasst nun 140 private Radiosender aus Deutschland, ihr eigenes Streaming-Portal unter dem Namen Radioplayer aufzubauen, Vorbild ist der UK Player in Großbritannien. Verschiedene Softwareentwicklungen und Apps stellen die Briten dem Non-Profit Projekt zur Verfügung. Ein wichtiger Aspekt dieser Initiative: Bislang werden ihre Inhalte von Anbietern wie Radio.de oder Phonostar vermarktet, mit ihrem eigenen Stream in Dienst, der auch Podcasts beinhalten soll, würden sie die digitale Verbreitung ihrer Inhalte wieder unter eigener Regie bringen.

Aufstehn und Anschalten

Das alles mag schön und gut sein. Hat aber Radio nicht vor allem etwas damit zu tun, aufzustehen und den Knopf zu drehen oder auch auf dem Weg zur Arbeit das Autoradio einzuschalten? Unter den aktuellen Wettbewerbsbedingungen wird diese tradierte Form des Radiohörens wohl eines Tages verschwinden. Das digitale Radio hat ein Modell, dem gegenzusteuern. Es will durch „nahtlosen Empfang“ eines Senders die Hörertreue befördern: Der Sender, den man zum Frühstück eingeschaltet hatte, wird auch mit dem Autoradio weitergehört – auch wenn man das Empfangsgebiet verlässt –und steigt man man aus dem Auto aus erreicht einen der Sender über das Smartphone. So soll die Zukunft aussehen.

Aktuell wird Radio in Deutschland noch vor allem über die Geräteantenne gehört. Auch bringen diese technischen Voraussetzungen eine gewisse Trägheit mit sich und sorgen für Hörertreue durch voreingestellte Sender und regionale Verfügbarkeit. „Die meisten Hörer kommen immer noch über die normalen Wege wie die UKW-Frequenz oder das Kabelnetz“, sagt Simon Jägersberger, Moderator beim Ortenau-Hit-Radio OHR. Das Internet sei im Moment für regionale oder von der Region abhängige Sender kein so großer Wettbewerbsfaktor: Natürlich nutzten viele dieser Hörer dann auch den Online-Stream, zum Beispiel an ihrem PC. Sehr viele Internet-Hörer seien aber Menschen, die früher mal in der Region des Senders gewohnt haben und weggezogen sind. Sie nutzen den Online-Stream, um über die alte Heimat auf dem Laufenden zu bleiben.

UKW verliert, wenn auch auf hohem Niveau

Dieser Eindruck wird von den aktuellen Zahlen bestätigt: UKW verliert, wenn auch auf hohem Niveau. War UKW 2013 noch für 78,6 Prozent der dominierende Verbreitungsweg, sank die Zahl 2014 auf 75,1 Prozent. Auch hier legten Internetradio (von 6,2 auf 9 Prozent) und DAB/DAB+ (von 0,5 auf 1,1 Prozent) zu. Laut den Zahlen von Teltarif.de hat UKW vor allem bei jüngeren Nutzern und Hörern mittleren Alters verloren: Während die 14- bis 29-jährigen hier eher auf Internetradio umgestiegen sind, konnte DAB/DAB+ vor allem bei 30- bis 39-jährigen zulasten der klassischen UKW-Verbreitung zulegen.

Aus der Digitalisierung erwachsen ungeheuer viele Möglichkeiten für die Radiosender, doch die schleichende Veränderung der Gewohnheiten birgt auch Risiken: Die Hörerinnen und Hörer haben mit ihrem Smartphone nicht einfach ein zusätzliches Empfangsgerät in der Hosentasche, sondern einen Strauß von Möglichkeiten, in dem das herkömmliche Radio nur ein Angebot unter vielen ist und lernen muss, sich zu behaupten.

Beliebte Musik Streaming-Dienste sorgen für unkomplizierte Hintergrundmusik im bevorzugten Genre und dazu wird einfach das Smartphone an einen Verstärker angeschlossen. Und so hat sich der Wettbewerb massiv geändert. Radiosender konkurrieren nicht mehr mit dem Sender, der eine 10-Grad-Drehung am Frequenzknopf entfernt ist, sondern mit spezialisierten Programmen. Und alle zusammen konkurrieren im Internet. Man kann via Internet Tausende von Radioprogrammen empfangen: Salsa direkt aus Havanna, Jazz direkt aus New Orleans, Blues direkt aus Chicago … Für jeden Wunsch gibt es spezialisierte, kompetente Sender.

Doch Radio ist weit mehr als nur Musiksendungen. Und neue Medien haben schon immer die alten Medien an den Rand gedrängt. In den 1920er Jahren bewirkte das Radio, dass Zeitungen nur noch einmal pro Tag und nicht mehr, wie bis dahin üblich, mit mehreren Ausgaben täglich erschienen. Seine Nachrichten konnten direkt „in den Äther“ gesprochen werden und mussten nicht mehr gedruckt und verteilt werden.

Kontinuierlicher Informationsstrom und schneller Austausch

Heute hat das Internet die stündlichen, getakteten Nachrichten zu einem flexiblen und kontinuierlichen Strom von Informationen verwandelt. Seine Verfügbarkeit rund um die Uhr hat unsere Ansprüche erhöht und unsere Geduld nicht vergrößert.

Dazu kommt, dass Informationen aus den unterschiedlichsten Kanälen auf uns hereinprasseln. Ob man sich nun für eine stündlich dosierte Nachrichtentaktung aus dem Radio, eine Information-on-demand Lösung via Internet, das klassische Modell mit Zeitung morgens, Tagesschau abends entscheidet oder darauf wartet, dass die Social Media einem die relevanten Nachrichten auf das Mobiltelefon pushen, eines haben alle gemeinsam: Jede und jeder verlässt sich auf Journalisten, die das Weltgeschehen und die lokalen Nachrichten für das jeweilige Medium aufbereiten, sortieren und einordnen — egal ob sie sonst Hörfunk, Fernsehen oder Zeitung machen.

Zusätzlich werden diese Angebote nicht als Einbahnstraße konzipiert, sondern verlangen auch Reaktionen und Austausch mit den Hörerinnen und Hörern. Für den 34-jährigen Jägersberger vom Ortenau-Hit-Radio spielen die Social Media Angebote eine zentrale Rolle. Vor allem Facebook sei ein gutes Mittel, um mit den Hörern und ’Fans‘ in Kontakt zu kommen und zu bleiben. „Daraus ergeben sich häufig Themen und man erfährt auch vieles über seine Hörer, weil eine direkte Kommunikation möglich ist. Das nutze ich häufig, um eine engere Bindung zum Hörer aufbauen zu können.“

Gunter Laubis ist seit den frühen Neunzigern beim SWR. Er arbeitet in verschiedenen Schichten, da er sowohl für SWR Info, für SWR 3 und für SWR 2 tätig ist. Beim Radio zu arbeiten war schon immer sein Traum, seit er als Jugendlicher gemeinsam mit seinen Freunden die ersten Piratensender gemacht hat. Doch der Traumjob hat mit seinen wechselnden Schichten auch eine Kehrseite, seine Freunde sagen: „Du arbeitest doch sowieso immer.“

Auch für Laubis spielen die sozialen Medien eine große Rolle. „Für Twitter haben wir nun eine extra Redaktionsabteilung gegründet, in der sich zwei Kollegen ausschließlich um relevante Twitter-Meldungen kümmern und unsere eigenen Tweets absetzen.“ Denn Redakteure heute hätten nicht mehr nur die täglich etwa 3000 Agenturmeldungen und die Korrespondentenberichte im Blick, sondern darüber hinaus auch das Hörer-Feedback und Twitter und Facebook. „Denn wer heute Nachrichtensendungen macht, muss wissen, was zu einem bestimmten Thema in den sozialen Medien diskutiert wird.“ Und so habe sich durch das Internet die tägliche Arbeit der Nachrichtenredakteure stark verändert, erläutert Laubis: „Bisher war es ihre Arbeit, Nachrichten für die nächste Sendung zu schreiben. Jetzt aber gibt es Twitter und Facebook und besonders wichtige Meldungen werden also nicht erst zur nächsten vollen Stunde recherchiert und geschrieben, sondern zusätzlich zeitnah, zielgruppengerecht und entsprechend der dort möglichen Form für Twitter und Facebook geschrieben und darüber ausgespielt.“

Journalisten schaffen die beliebtesten Informationsquellen

Diese Sorgfalt wird belohnt. Die beliebtesten Informationsquellen im Internet sind laut einer Bitkom-Untersuchung Webseiten von Radio- und TV-Sendern. Die Hälfte der Internetnutzer (49 Prozent) greift darauf zurück, darunter am häufigsten Personen im Alter zwischen 14 und 29 Jahren (61 Prozent). Damit rangieren die Seiten von Radio und Fernsehen noch vor den Webseiten von Tageszeitungen und politischen Magazinen, die von 42 Prozent bevorzugt konsultiert werden.

Nach Laubis Ansicht bietet die Digitalisierung gewaltige Vorteile für den Hörfunk, das Problem sei nur, „dass wir für die zusätzliche Arbeit – aus meiner Sicht – dringend zusätzliche Fachkräfte brauchen. Was in Zeiten der sehr engen finanziellen Ressourcen sicher ein Problem darstellt.“

Einer der großen Vorteile dagegen seien die Mediatheken. Ein großer Gewinn sei, dass sich die eigene Arbeit nicht mehr so versendet. So kann jemand, der einer Sendung vielleicht nur mit halbem Ohr lauschen konnte, später noch mal alles im Detail nachhören und so wird auch die eigene Arbeit wird so besser gewürdigt. „In vielen Beiträgen steckt sehr viel Herzblut und es ist schade, wenn sie nur einmal laufen“, sagt Laubis und fügt an: „Ich fände es auch gut, wenn man die Nachrichten nicht nur nachhören, sondern auch nachlesen könnte auf unserem Internetauftritt.“ Und auch Jägersberger schätzt die Podcasts, auch wenn sie seiner Ansicht nach im Lokalradio nicht so häufig genutzt würden wie vielleicht die Angebote überregionaler Anbieter. Aber trotzdem: „Häufig sind Podcasts eine Möglichkeit für Interviewpartner und deren Freunde und Bekannte, ihren Auftritt im Radio einfach noch mal nachzuhören.“

Im Mannheimer Technikmuseum „TECHNOSEUM“ entsteht eine der bedeutendsten Sammlungen zur Rundfunk- und Mediengeschichte. In Zukunft wird man sich in Mannheim vor den unzähligen Radioempfängern retten müssen. Die Extra-Geräte braucht man nicht mehr, um Radio zu hören. Heute reicht der PC, das Tablet, das Smart-TV oder eben das Smartphone. Schön praktisch, dass man nur noch ein kleines Gerät braucht und damit sowohl Radio hören, fernsehen, Musik streamen, Briefe schreiben, Fotos sortieren, sein Aktiendepot verfolgen und Nachrichten twittern und posten kann. Und diese kleinen elektronischen Geräte haben eine ungeheure Überzeugungskraft: Laut einer Bitkom-Untersuchung nutzt in Deutschland gut jeder Zweite ab 14 Jahren ein Smartphone (55 Prozent). Vor einem Jahr waren es erst 41 Prozent der Bevölkerung.

In Zukunft werden all die vielen verschiedene Journalistinnen und Journalisten von den unterschiedlichsten Medien mit den unterschiedlichsten Kompetenzen auf ein- und demselben handtellergroßen Bildschirm um die Aufmerksamkeit der Rezipienten konkurrieren und, wenn möglich, in Dialog mit ihnen treten. Wer wissen will, wie das weitergeht, für den hat der bekannte Medientheoretiker Marshall McLuhan einen Hinweis, den er schon lange vor der Entwicklung von Smartphones formuliert hat: „Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen die Werkzeuge uns.“ So oder so, wir haben es (im wahrsten Sinne) in der Hand.

 

Was Journalisten motiviert

Und täglich grüßt die neue Chance
5 Ansichten dazu, was Journalisten motiviert

Das viele Geld kann es nicht sein. Auch Macht oder Ruhm scheiden in den meisten Fällen als Lockmittel aus. Aber trotzdem scheinen viele ihren Beruf zu lieben. Was also ist es, was jeden Tag aufs Neue Journalistinnen und Journalisten zu ihrer Arbeit motiviert?

Dass in unserer Branche viel gejammert wird, ist schon legendär. Und es gibt auch Unterstützung von prominenter Seite. Der US-amerikanische Professor für Psychologie und Erziehungswissenschaft Howard Gardner hat untersucht, welche Berufe am glücklichsten machen und dazu 1.200 Menschen aus neun verschiedenen Berufen interviewt. In seinem Buch „Good Work“ hebt er zwei Berufe als die beiden entgegengesetzten Pole seiner Untersuchung hervor: Die Genforscher sind enthusiastisch – die Journalisten sind mutlos. Eine zentrale Ursache dafür sei, Weiterlesen

Lagerfeuer, Volksvermögen und das richtige Maß

Lagom ist ein häufig verwendetes schwedisches Wort. Es bedeutet so viel wie gerade oder genau richtig. Die Skandinavistin Beatrice Kindler begründet, wie sich Sprachforscher die Herkunft des Begriffs erklären: »Man glaubt, dass der Ursprung dieses Allerweltsworts am Lagerfeuer der Wikinger zu finden ist, dort tranken alle aus einem einzigen Becher, der die Runde machte. Damit es nicht zum Streit kam, durfte jeder nur so viel trinken, dass es für die ganze Runde, also laget om, reicht. Daraus entstand das Wort lagom.« Das Wort kann sowohl auf das Essen, die Geschwindigkeit, die Temperatur, den Zeitpunkt und sowieso auf alles andere angewendet werden – und damit auch auf den »gerade richtigen« Arbeitseinsatz, um weder als Streber noch als Faulpelz dazustehen. Pareto dagegen beschreibt ein häufiges Verhältnis oder auch Missverhältnis: Der Namensgeber Vilfredo Pareto fand Ende des 19. Jahrhunderts heraus, dass etwa 20% der Familien in Italien etwa 80% des Volksvermögens besaßen. Aus dieser Beobachtung folgerte er, dass Banken sich in erster Linie um eben diese 20% der Familien kümmern sollten. Später wurde daraus die 80-zu-20-Regel, die besagt, dass ein Unternehmen etwa 80% seines Umsatzes mit etwa 20% seiner Kunden generiert oder auch dass 80% der Ergebnisse in 20% der Gesamtzeit eines Projekts erreicht werden… und die verbleibenden 20% wiederum 80% der Gesamtzeit benötigen. Das Geheimnis eines professionellen Zeitmanagements besteht also darin, zu entscheiden, bei welchen Tätigkeiten sich Perfektionismus lohnt. Doch weit häufiger entscheidet – scheinbar ganz ohne unsere Beteiligung – der Zeitmangel über das Maß unseres Perfektionismus. Da ist dann ein funktionierender Code nicht unbedingt ein sauberer Code. Oder ein langer Text nicht unbedingt ein präziser Text. »Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen einen langen Brief schreibe, für einen kurzen habe ich keine Zeit.« Dieses Zitat wird, unter anderen, Goethe zugeschrieben. Die wahrscheinlich früheste Entschuldigung in dieser Form schrieb aber Blaise Pascal schon im Jahr 1656. Auch beim Fertigstellen eines VKSI Magazins bleiben 100% das hehre Ziel. Aber im Unterschied zu den Konsequenzen eines Software-Fehlers hindert ein kleiner Feler niemanden am Weiterlesen. Was jedoch den Inhalt anbelangt: Wenn wir mit 20% unserer Artikel 80% unserer Leserinnen und Leser interessieren und die restlichen 20% der Leserinnen und Leser sich auf die anderen 80% unserer Artikel konzentrieren, so sollten wir auch entsprechend unseren Einsatz bemessen. Die Fragestellung ist nicht neu, indes ist nicht immer klar, für welche 20% sich die 80% nun am meisten interessieren. Sagen Sie es uns. Gerne auch in einer Mail mit zu 80% korrekter Orthografie. Das reicht dann schon zum Verstehen.

Dieser Beitrag wurde unter ma-this, Text abgelegt am 5. August 2012. Bearbeiten