Kategorie-Archiv: Text

Lassen Sie nur, das kann doch die Maschine schreiben

Als in den vergangenen Wochen unter dem Label „Roboterjournalismus“ die Meldung durch die Medien ging, dass sich die einfachen Texte nun von selber schreiben, war die Aufregung groß. „Mein Chef ist ein Computer“, titelte etwa das Handelsblatt und berichtete, dass noch diesen Sommer die Stuttgarter Kommunikationsagentur Aexea ein Sportportal starten will, das ganz ohne Journalisten auskommt: Statt Menschen lieferten hier automatische Computerprogramme die Texte. Wer sich daraufhin aber über die Arbeitsplatzvernichtung echauffierte, war bei Saim Rolf Alkan, dem Geschäftsführer der Aexea GmbH an der falschen Adresse. „Wir haben bislang noch keinen Textautomaten an eine Zeitung geliefert“, für die Schieflage von Zeitungen seien immer noch verlegerische Fehlleistungen verantwortlich.

Mai 2014

Der gebürtige Remstäler Saim Rolf Alkan, 45, war früher selber Journalist bei der Motorpresse Stuttgart, dann machte er sich mit einem Redaktionsbüro selbstständig und erlebte den Preisverfall journalistischer Leistungen nach der Jahrtausendwende am eigenen Leib: Als die gedruckten Medien ihren letzten Aufschwung erlebten, sei ein Text mit 400 Wörtern noch mit 400 DM honoriert worden. Dann kam der Absturz mit Dienstleistern wie content.de oder textbroker.de. Rapide seien die Preise gefallen, heute könne man einen solchen Text schon für vier bis acht Euro haben. Als die Billigtexte den Markt überfluteten, wusste Alkan nicht mehr, wie er unter diesen Umständen weiter die Gehälter seiner Angestellten zahlen sollte. Im Lehrbuch des Kapitalismus fand er den Ausweg „Automatisierung“. Die Idee zur automatischen Textgenerierung in Deutschland war geboren. Was in den USA das Unternehmen „Narrative Science“, gegründet von drei Professoren für Informatik und Journalismus, Stuart Frankel, Kris Hammond und Larry Birnbaum, anbot, sollte nun auch in Deutschland verfügbar sein. Was aber ist dran an diesem Medien-Science-Fiction? Zunächst mal: schon ganz schön viel Realität und Wissenschaft, zur Fiktion kommen wir später. Narrative Science liefert dem US-amerikanischen Wirtschaftsmagazin „Forbes“ Texte zu Unternehmensentwicklungen, die dieses in einem eigenen Blog publiziert.

Die deutsche Grammatik stellt hohe Anforderungen an die Textautomaten. Ausgerechnet in der Hauptstadt des Bundeslandes, das für sich reklamiert, alles außer Hochdeutsch zu können, sitzt mit der Firma Aexea einer der aktuell erfolgreichsten Player auf diesem Gebiet in Deutschland. Zum einen können sie Texte in sieben verschiedenen Sprachen generieren, zum anderen haben sie ein eigenes regelbasiertes System entwickelt, mit dem sie auch ungewöhnliche Daten zu einer Meldung verarbeiten können. Andere Anbieter, so Alkans Aussage, könnten Daten und Fakten nur innerhalb eines bekannten Systems einordnen, die Software von Aexea dagegen wüsste auch mit der Tatsache etwas anzufangen, wenn in Stuttgart zur größten allgemeinen Verwunderung im Sommer 45°C herrschten. „In Baden-Württembergs Landeshauptstadt außergewöhnlich große Hitze. Ist der Klimawandel schuld?“ könnte dann ihre Maschine schreiben. Erfahrungen hat Aexea bislang vor allem mit Produkttexten im Bereich E-Commerce gesammelt. „Roboterjournalismus“, so möchte Alkan sein Angebot gar nicht nennen, er bevorzugt den Begriff „semantische Technologie“.

Auch das Unternehmen text-on bietet an, abstrakte Daten zu verständlichen Texten zu verarbeiten und einfach lesbare Zusammenfassungen zu liefern. „Heute sind zu fast jeder gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung umfangreiche Datensammlungen verfügbar, aber nur mit erheblichen zeitlichen und personellen Ressourcen lassen sich daraus schnell nachvollziehbare, gewichtete Zusammenfassungen und Entscheidungshilfen machen“, schreiben die Macher auf ihrer website. Deren Geschäftsführer und Gesellschafter Cord Dreyer startete seine berufliche Karriere bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa), und leitete nach einigen weiteren Stationen die dapd Nachrichtenagentur GmbH in Berlin, bis er sich schließlich 2012 als Berater selbstständig machte.

Reportagen, Features, Portraits und Interviews werden sicher nicht in absehbarer Zeit von Algorithmen erstellt werden. Johannes Sommer, Geschäftsführer des Berliner Technologiedienstleisters Retresco erläutert in einem Interview, dass die natürlichen Grenzen in Stilmitteln wie Sarkasmus, Ironie oder Sprachspielen lägen, diese besonderen Feinheiten und Brüche in der Sprache könne die Maschine weder erkennen noch produzieren. Dass ein Verlag in naher Zukunft fünf Redakteure durch eine Software ersetzen könnte, hält er für Unfug. Doch er fordert: „Journalisten müssen sich mit den neuen Technologien auseinandersetzen, um sie zu verstehen. Erst dann können sie Grenzen ziehen, sich positionieren und sie gezielt zu ihrem Vorteil einsetzen“. Das versteht man besser, wenn man weiß, dass Retresco schon heute die Grenzen mit Hilfe semantischer Lösungen verwischt. Einige davon nutzt der Online-Auftritt swp.de der Südwestpresse, etwa das Geotagging (Leser erhalten gezielt Nachrichten aus ihrem Ort) oder die mit Hilfe semantischer Technologien automatisch erstellten Dossierseiten.

Spezialität: Der individualisierte Text

Was die Computer also jetzt schon können, ist das Übernehmen von Routinen. Auf diese Idee sind natürlich die Informatiker gekommen. Es ist ihr Job, Lösungen für wiederkehrende Probleme zu schaffen. Und da sie nun auch öfter in den Redaktionen anzutreffen sind, entwickeln sie auch Lösungen, wie man jeden Tag einen neuen Wetterbericht bekommt. Statt täglich einen Wetterbericht selber zu schreiben, programmiert der Softwareentwickler einen Algorithmus, der jeden Tag diesen Wetterbericht für ihn schreibt. Die Daten werden sowieso schon vom Computer ausgewertet, da ist es nur ein kleiner Schritt, sie auch von einem Computer zusammenfassen zu lassen. Und wenn wir schon mal beim Wetterbericht sind, können wir da noch einen Schritt weiter gehen und die Vorhersage auf individuelle Bedürfnisse zuspitzen.

Alkan erläutert: „Ein Leser einer Zeitung oder eines Onlineportals kann mit seinem Profil seinen Wohnort hinterlegen, vielleicht auch ein paar Eckdaten: er hat ein Auto, einen Hund, zwei Kinder und lebt im Gebirge. Aufgrund dieser Informationen können wir ihm einen hyperlokalen Wetterbericht zusammenstellen, in dem wir ihn darauf hinweisen, wenn es ratsam wäre, die Winterreifen aufzuziehen.“

Also Texte für die individuelle Lebenssituation des Lesers und hyperlokale Nachrichten. Die Unternehmen sehen aber auch große Chancen darin, mit ihren Angeboten so genannte Nachrichtenlücken zu schließen, etwa mit Sportergebnissen der Kreisliga wie dem Spielergebnis SV Bonlanden gegen den 1. FC Frickenhausen. Ein weiteres Anwendungsgebiet wäre die Finanzkommunikation über Außenseiter-Papiere – so bekommt ein Anleger einer südafrikanischen Silbermine einen lesbaren Text in ganzen Sätzen über seine Werte. Bislang stehen für solche Leser-Bedürfnisse keine journalistischen Kapazitäten zur Verfügung. Die Journalisten brauche man dennoch weiterhin, wird beteuert. Denn sie besuchen die Bürgerversammlung, nehmen politische Bewertungen vor, beschreiben, was sie gesehen haben. Die Maschine ist zu einem subjektiven Eindruck nicht in der Lage. Tatsächlich sei sie eine Ergänzung in der Redaktion, aber kein Ersatz für einen Redakteur.

Eine Ergänzung, die aber einen ganzen Strauß von Phantasien beflügelt. Der Aexea Geschäftsführer Saim Alkan schwärmt von der Verknüpfung großer Mengen individueller Daten zu einer kollektiven Emotion. Etwa wenn die Smartphones der Zukunft sowieso Daten über den Gesundheitszustand an den Arzt senden, so könnte diese Information zu Blutdruck oder Herzfrequenz noch ganz anders genutzt werden. Gekoppelt an die Aufzeichnung eines Fußballspiels würde der Herzschlag vieler Fans signalisieren, wenn die Spannung steigt. Der Reporterautomat wäre gewarnt. Ein trainierter Algorithmus für die Radioberichterstattung würde sofort seine Sätze verkürzen, seine Stimmlage erhöhen und Atemlosigkeit simulieren, bis zum Toooooooor! Toooooooor! Toooooooor!.

Wie das funktioniert

Es handelt sich noch nicht mal um einen niedlichen kleinen Roboter mit großen Augen, geschickten Fingern und einem anrührenden Wackelgang. In Wirklichkeit sind es nur Algorithmen, die aus Daten in Sekundenschnelle Artikel generieren. Das ist heute schon Realität, bei einfachen Meldungen kann man nicht herausfinden, ob der Text von einem Menschen oder von einer Maschine geschrieben wurde (s. unten). Schließlich geht es hier nicht um Literatur aus einer Edelfeder, sondern um austauschbare Allerweltstexte. Machen wir uns nichts vor, auch Journalisten verwenden für diese Art von Text oft die immer gleichen Textbausteine.

Zentral ist die Geschwindigkeit: Die vom Computer verfassten Texte stehen ruckzuck im Netz, da muss kein Journalist geweckt werden, kein Kaffee gekocht, kein Verb gesucht und keine Überschrift von Hand formatiert werden. Und wer als Erster meldet, kriegt viele Klicks. In diesem Sinne muss „Verständlichkeit“ neu definiert werden, denn in erster Linie geht es ja darum, dass diese von Computern verfassten Texte von anderen Computern schnell gefunden werden.

Die Grundlage für jede Textmaschine sind strukturierte Daten. Wenn keine Daten vorliegen ist es unmöglich, etwas zu automatisieren. Wenn es sich um eine semantische Automatisierung handelt, dann ist die Maschine hier auch in der Lage, diese Daten zu bewerten. Algorithmen sind beispielsweise bereits in der Lage, selbständig zu erkennen, ob eine Firma im vergangenen Jahr Gewinn gemacht hat, ob dies dem Trend der letzten Jahre entspricht und wie sich das Unternehmen im Vergleich zur Konkurrenz entwickelt hat. Einen Computer muss man allerdings auch auf einfache Texte thematisch vorbereiten. Die Fachbegriffe lauten hier „Semantik“ und „Ontologie“. Wissen kann nur mithilfe von Semantik vermittelt werden. Semantik nennt man die Bedeutung einer Informationsfolge – der Computer muss also „gelernt“ haben, dass die Buchstabenfolge K-I-E-F-E-R den einzigen beweglichen Knochen am Kopf bezeichnet – und einen Nadelbaum benennt. Welcher von beiden Bereichen zutrifft – Skelett oder Nadelbaum – definiert die gewählte Ontologie, sie gibt die Bedeutungen und den passenden Wortschatz vor. Ein großer Teil der Arbeit besteht also darin, Wissen explizit für die Maschinen verständlich zu machen. Daraus kann dann der Computer blitzschnell Texte in großen Mengen herstellen. Seine Server, sagt Alkan, könnten theoretisch über 3,5 Millionen Texte pro Tag verfassen. Aexea und eine Konkurrenzfirma seien derzeit daran, ihre Algorithmen so zu verfeinern, dass – wie sie hoffen – auch deutschsprachige Nachrichtenportale ihre Dienste in Anspruch nehmen wollen.

Die Maschine trainieren

„Die größte Schwierigkeit bestand tatsächlich darin, die grammatischen Regeln zu hinterlegen“, beschreibt Alkan. „Denn wir machen ja keine Synonymmaschine, wo wir Adjektiv gegen Adjektiv oder Verb gegen Verb ersetzen, sondern wir fügen Daten über eine Grammatikmaschine so aneinander, dass sich ein tatsächlicher Text entwickelt, der einen Mehrwert beinhaltet, und den ein Leser auch tatsächlich nicht von von einem von Menschen geschriebenen Text unterscheiden kann.“

Ein Satz sagt mehr als eine Grafik

Cord Dreyer, der ehemalige Chef von dapd, und Gründer des Startup-Unternehmens „Text-On“ will „Texte anbieten, die den Menschen helfen, die Welt besser zu verstehen“. Dabei geht es seiner Ansicht nach darum, dass man Datenmaterial, welches ja sehr häufig die Basis für Erkenntnisse ist, mit einem Computerprogramm auswertet und in einem zweiten Schritt das versprachlicht, also vertextet. Sein erklärtes Ziel lautet, den Menschen mehr an die Hand zu geben, als diese Datenwüsten wie sie von Excel oder ähnlichen Programmen bereitgestellt werden, ermöglichen. Ganze Sätze erläutern komplexe Sachverhalte besser als eine Grafik.

Ursprünglich sind Zeitungen aus dem Bedarf nach genau dieser schnellen und nüchternen Information entstanden, nämlich weil die Wirtschaft Nachrichten über Schiffsuntergänge, politische Krisen oder den Ausbruch von Kriegen brauchte. Im Mittelalter übernahmen von Hand abgeschriebene Kaufmannsbriefe diese Aufgabe. Die ersten gedruckten Zeitungen erschienen dann zu Beginn des 17. Jahrhunderts, wie es hieß: „Zur befürderung unnd gewinnung der Zeit“, die sonst mit „Abschreiben“ verbracht worden war. Sukzessive kamen dann zur Nachrichtenproduktion neue Formate wie Leitartikel, Reportagen, Kommentare, Portraits, Glossen und Interviews hinzu.

Mit Hilfe der schreibenden Algorithmen sollen Journalisten genau dafür wieder mehr Zeit gewinnen: vielschichtige Zusammenhänge recherchieren und beschreiben, statt schnöde Nachrichten produzieren. Das wäre schön. Theoretisch. Wahrscheinlich kriegen wir aber in Zukunft noch mehr austauschbare Nullachtfünfzehntexte serviert, weil sie in Sekundenbruchteilen produziert werden können und viele Verleger und Content-Manager diese Algorithmen nutzen, die weder Gehalt noch Krankenversicherung brauchen und trotzdem viele irgendwie verständliche Sätze auf die Seiten bringen.

Beispiel für einen personalisierten Wetterbericht von Axea

Das Wetter in Stuttgart am 21.5.2014

Personalisiert für alleinstehenden Berufstätigen, der gerne Sport macht, Freunde trifft, sein Auto liebt und einen Garten hat.

T-Shirt und Sonnenbrille

Der Mittwoch ist ein guter Tag für alle Stuttgarter und Stuttgart-Besucher. Die Sonne hat sich angekündigt und wird ohne Ausnahmen von morgens bis abends ein wärmender Begleiter sein. Die Temperaturen klettern erstmals in diesem Jahr auf über 25 Grad Celsius.
Schon am Morgen dürfte bei rund 20 Grad die Kleiderwahl leichtfallen: T-Shirt, kurze Hosen, Kleid, Sonnenbrille. Der Wind spielt heute keine Rolle, umso wärmer fühlt sich dieser Mittwoch an. Auch Wolken werden Sie keine am Himmel finden. Das heißt für alle, die sich heute viel im Freien aufhalten: Sonnencreme nicht vergessen!
Nur mäßiger Pollenflug Allergiker können das schöne Wetter ebenfalls genießen. Allenfalls Gräserpollen fliegen in diesen Tagen durch Stuttgart. Der nahezu nicht vorhandene Wind hilft jedoch, so bleibt die Belastung für Betroffene auf leichtem Niveau.

Perfekte Bedingungen für aktive Stuttgarter

Die Temperaturen kühlen auch nach 18 Uhr nicht schlagartig ab. Gute Voraussetzungen also für einen Besuch im Biergarten zum Feierabend. Erst ab 22 Uhr fällt das Thermometer unter 15 Grad Celsius. Wer lange aushält, darf den Pullover also nicht vergessen.

Wer es gerne sportlicher möchte, der kann sich in den Abendstunden auf perfekte Bedingungen freuen: Fußball, Tennis, Laufen, Radfahren Schwitzen im Freien hat unter klimatischen Gesichtspunkten heute keinerlei negative Nebenwirkungen. Die Ozonbelastung bleibt unter den gefährlichen Grenzwerten. Auf künstliche Beleuchtung können Sie inzwischen bis 20.30 Uhr verzichten. Die Sonne verabschiedet sich heute erst um 21.26 Uhr.

Denken Sie an Ihre Pflanzen

Auch in den kommenden Tagen wird sich die Sonne gegen Wolken, Wind und Regen durchsetzen. Denken Sie aus diesem Grund an Ihre Pflanzen, die im Gegensatz zu uns nicht immer auf Niederschlag verzichten können. Auch Ihr Auto freut sich über Pflege. Da die kommenden Tage trocken bleiben, können sie sich am Ergebnis auch länger erfreuen.

 

 

Wenn Maschinen für Maschinen schreiben

Weil es einfacher ist, Zeitungsmeldungen zu schreiben als Schach zu spielen, haben die ersten Roboterjournalisten den Turing-Test schnell bestanden: Bei einfachen Meldungen kann man nicht herausfinden, ob der Text von einem Menschen oder von einer Maschine geschrieben wurde. Denn eine einfache journalistische Meldung gibt Antwort auf die berühmten sieben journalistischen W-Fragen: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Woher/welche Quelle? Oft kann diese Fragen ein Computer genauso gut beantworten. Und, machen wir uns nichts vor, Menschen verwenden für diese Art von Text auch nur die immer gleichen Textbausteine.

Zentral ist die Geschwindigkeit: Die vom Computer verfassten Texte stehen ratzfatz bereit, da muss kein Journalist geweckt werden, kein Kaffee gekocht, kein Verb gesucht und keine Überschrift von Hand formatiert werden… und wer als Erster meldet, kriegt viele Klicks. In diesem Sinne muss „Verständlichkeit“ neu definiert werden, denn in erster Linie geht es ja darum, dass diese von Computern verfassten Texte von anderen Computern schnell gefunden werden.

Ursprünglich sind Zeitungen aus dem Bedarf nach genau dieser schnellen und nüchternen Information entstanden, nämlich weil die Wirtschaft Nachrichten über Schiffsuntergänge,
politische Krisen oder den Ausbruch von Kriegen brauchte. Im Mittelalter übernahmen von Hand abgeschriebene Kaufmannsbriefe diese Aufgabe. Die ersten gedruckten Zeitungen
erschienen dann zu Beginn des 17. Jahrhunderts, wie es hieß: „Zur befürderung unnd gewinnung der Zeit“, die sonst mit „Abschreiben“ verbracht worden war. Sukzessive kamen
dann zur Nachrichtenproduktion neue Formate wie Leitartikel, Reportagen, Kommentare, Portraits, Glossen und Interviews hinzu.

Mit Hilfe der schreibenden Algorithmen sollen Journalisten genau dafür wieder mehr Zeit gewinnen: vielschichtige Zusammenhänge recherchieren und beschreiben, statt schnöde Nachrichten produzieren. Das wäre schön. Theoretisch. Warum aber befürchte ich, dass ich nur immer noch mehr zugemüllt werde mit austauschbarem „Bliblablo“? Weil sich viele Verleger und Content-Manager über Algorithmen freuen, die weder Gehalt noch Krankenversicherung
brauchen und trotzdem viele irgendwie verständliche Sätze auf die Seiten bringen. Egal, soll mein Computer halt den langweiligen Unfug lesen.

Herzlich,
Ihre Susann Mathis

Zeitungen: Wo geht die Reise hin?

Der Zeitungsmarkt verändert sich, mehr und mehr Informationen gehen online. Auch im Lokalen müssen sich die alteingesessenen Verlage mit neuen Mitspielern aus dem Internet auseinandersetzen. Wo die Reise hingeht und ob sie überhaupt ein Ziel hat, vermag im Augenblick niemand zu sagen. Eine Momentaufnahme aus Baden-Württemberg. wettbewerb um Aufmerksamkeit

Regisseure unserer Freizeit

Was haben wir Menschen eigentlich früher mit unserer ganzen Freizeit angestellt? Die ARD/ZDF-Langzeitstudie »Massenkommunikation« beobachtet das Medienverhalten der Bevölkerung seit 1964. Nach deren Ergebnissen sehen wir Bundesbürger immer mehr fern, seit einigen Jahren immer noch leicht ansteigend etwa 220 Minuten täglich. Diese drei Stunden und 40 Minuten pro Tag … nomophobia

Zeitfresser

Zeitfresser, das klingt nach Verwüstungen, wie sie der weiße Hai vor den Stränden Floridas anrichtete. Doch in der Wirklichkeit handelt es sich um Schwärme von nimmersatten Zeitnagern. In ihrer Fresssucht führen sie, scheinbar ausgestattet mit einer Art Schwarmintelligenz, einen flächigen Angriff auf unser Zeitmanagement. Sind sie erfolgreich, können sie einen ganz normalen Arbeitstag in ein Ödland verwandeln. ­­­­­­­­­­­Für den Erfolg solcher Attacken ist man meist selbst verantwortlich.

Odysseus verstopfte seinen Seeleuten die Ohren mit Wachs, damit sie den betörenden Gesang der Sirenen nicht hören konnten. Sich selbst ließ er, mit offenen Ohren, am Mast festbinden, um den Verlockungen zu widerstehen. Die Mehrzahl der Menschen heute dagegen schaltet willfährig morgens den Computer an und öffnet sogar noch freiwillig das Mailprogramm. Was dann geschieht, weiß jeder selbst am besten:
Die vermeintlich schnelle Kommunikation führt oft zu extremer Verlangsamung, zum Beispiel durch Missverständnisse, die danach in endlosem E-Mail-Pingpong statt im kurzen Telefonat korrigiert werden. Viele kleine Aufgaben werden als Einzelfälle erledigt (noch dazu in der Reihenfolge: Die Letzten dürfen die Ersten sein) und nicht zusammengefasst und als Komplex behandelt. Milliarden Euro sollen der Industrie so verloren gehen, wird geraunt. Mitarbeiter werden durch die ständig eintreffenden E-Mails abgelenkt. Ihr Arbeitstag wird förmlich vom „Ping“ der neuen Nachrichten getrieben. Das verursacht Stress, der sich im schlimmsten Fall bis zum Burnout ausweiten kann.

An zweiter Stelle der Zeitfresser-Hitliste im Büro stehen die Meetings. Ihr Ziel soll sein, möglichst effizient Arbeitsinhalte zu definieren. Nach Ansicht der meisten Meetingprofis misslingt das regelmäßig. „Es ist zwar schon alles gesagt, aber nicht von jedem“, lästern Kollegen übereinander. So fehlt die Zeit zum Arbeiten. Das ist umso schlimmer, da bei vielen Managern die Meetings fast die Hälfte der Arbeitszeit ausmachen. Deren Effizienz könnte man schon allein dadurch steigern, dass die Anwesenden auch ordentlich teilnehmen. Doch weit über die Hälfte lenkt sich unterdessen mit mailen, chatten oder twittern ab – meist bei virtuoser Einhandbedienung des Handys unterhalb der Tischoberfläche.

Sein Potenzial konnte der Zeitfresser erst so richtig mit der Industrialisierung entwickeln. Im Gegensatz zur Landwirtschaft, die dem Rhythmus der Natur folgt, kann man Produktion theoretisch das ganze Jahr über beschleunigen. Ein Bauer kann so schnell melken, wie er will, trotzdem muss die Kuh erst wieder fressen, bevor ihre Euter wieder Milch geben. Das Produkt dagegen hat keinen natürlichen Rhythmus. Produktion besteht aus möglichst schnell und zuverlässig ausgeführten Wiederholungen. Zeit ist Geld und Zeitfresser sind Geldfresser: Wer bei der maschinellen Produktion von Eierlöffeln bei jedem einzelnen dieser Löffel nur eine Sekunde verschenkt, hat nach nur einer Million Eierlöffeln schon fast 280 Stunden verloren. Wertvolle Zeit, in der man weitere Eierlöffel hätte produzieren können.

Zur Entspannung haben wir die Freizeit. Deren größter Zeitfresser sei das Fernsehen, sagen die über Vierzigjährigen – das Internet, behaupten die Jüngeren. In naher Zukunft wird diese Unterscheidung eh hinfällig sein, Internet und Fernsehen wachsen zusammen. Die ARD/ZDF-Langzeitstudie „Massenkommunikation“ beobachtet das Medienverhalten der Bevölkerung seit 1964. Nach deren Ergebnissen sehen die Bundesbürger seit Jahren etwa 220 Minuten täglich fern. Diese drei Stunden und 40 Minuten pro Tag summieren sich über ein Arbeitsleben von 40 Jahren zu etwas mehr als sechs Jahren. In der gleichen Zeitspanne arbeitet man etwa acht Jahre und schläft etwa elfeinhalb Jahre.

Das Internet wird zusätzlich – und zunehmend – genutzt, die Dauer des täglichen Fernsehkonsums nimmt trotzdem nicht ab. Auch die angegebenen Gründe für den Fernsehkonsum ändern sich nicht wesentlich: „Information“ steht mit einer Zustimmung von 84 % an der Spitze. Danach folgen unmittelbar „Spaß“ mit 81 % und „Entspannung“ mit 77 %. „Weil ich mich ablenken möchte“ geben 61 % als Grund für ihren Fernsehkonsum an, und 64 % wollen „Nützliches für den Alltag er­fahren“. „Weil es aus Gewohnheit dazugehört“, trifft für 58 % der Befragten zu.

Doch vor allem kleine elektronische Geräte haben eine wahrhaft unheimliche Professionalität im Umgang mit uns Menschen entwickelt. Am Anfang unserer Initiation durch die Geräte stand das Tamagotchi, das virtuelle Küken, um das man sich vom Zeitpunkt des Schlüpfens an wie um ein echtes Haustier kümmern musste. Es wollte schlafen, essen, spielen, trinken und meldete sich zu unterschiedlichsten Zeitpunkten. Wenn man es vernachlässigte, starb es, konnte aber durch das Drücken des Reset-Schalters wiederbelebt werden.

Mit den Tamagotchis von heute kann man zusätzlich noch telefonieren und E-Mails versenden, sie stellen sich nur dann tot, wenn man ihre PIN vergessen oder ihr Ladegerät nicht rechtzeitig angeschlossen hat. Mit ihnen haben wir unsere ganz persönliche Auswahl an Zeitfressern ständig in der Jacken- oder Handtasche parat. Wir tragen nicht nur unsere Korrespondenz bei uns, unseren Terminkalender, unsere Nachschlagewerke, unser Aktiendepot und unsere Powerpoint-Präsentationen. Wir haben außerdem Spiele zum Überbrücken von Wartezeiten dabei und können durch die Auswahl von Klingeltönen und Hintergrundbildern die Darstellung unserer Persönlichkeit verbessern. Sind wir mal müde, können wir damit auch fernsehen oder Musik hören und uns später wecken lassen, zum Beispiel durch ein zärtliches Vibrieren.

Die Zeitpunkte, zu denen es unsere Aufmerksamkeit will, bestimmt nun unser virtuelles Netzwerk – weit seltener durch Anrufe als durch E-Mails, Short-Messages und Tweets. Das Smartphone ist der wahre Verantwortliche für das Verwischen der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit. Und wehe, es liegt mal irgendwo ohne uns rum, dann steigt das Risiko der Nomophobie. Dieses Kunstwort bezeichnet die „No Mobile Phone – Phobia“, also die Angst, mobil nicht erreichbar zu sein. Das ist ganz schlicht die Angst, etwas zu verpassen.

Im Büro sind die Zeitfresser ein Joint Venture eingegangen mit der Prokrastination (so nennt man die Aufschieberitis, seit sie als akutes wirtschaftliches Problem identifiziert wurde). Diese beiden wollen nur das Eine: Sofortbefriedigung. Gemeint ist Sofortbefriedigung wie in: Facebook lesen, E-Mail Eingang leeren, beim Ego-Shooter gewinnen. Der Erfolg bei solch kleinen überschaubaren Aufgaben ist sofort ersichtlich und das ist eine schnelle, leicht zu ergatternde Belohnung. Langfristige Aufgaben wie etwa: Konzept fertig stellen, Artikel schreiben, Steuererklärung abschließen werden erst sehr viel später belohnt – so viel Geduld will geübt sein.

Die Muße kommt bei all dem zu kurz. Mit Beschaulichkeit, Nichtstun, Stille und Rast haben diese Nachfahren der Zeitdiebe aus Michael Endes Roman „Momo“ aus dem Jahr 1973 gründlich aufgeräumt. Dessen Agenten der Zeitsparkasse errechnen für ein siebzig Jahre währendes Leben ein Vermögen von über zwei Milliarden (genau 2.207.520.000) Sekunden, mit dem es gewissenhaft umzugehen gälte. Freilich dachten diese Agenten nicht an ein ausgewogenes entspanntes Leben ihrer Kunden, sondern wollten die eingesparte Zeit nur für sich selber.

Tempus fugit, da hilft nur: Effizient arbeiten, langfristige Ziele verfolgen, diszipliniert Störungen ausschalten. Aber nicht allen gelingt das immer und ununterbrochen. Für uns andere gibt es Hilfsprogramme wie etwa FocusWriter. Für eine gewählte Dauer (oder bis zum Erreichen einer festgelegten Zeichenzahl) blendet das Programm die Außenwelt auf dem Bildschirm aus und verwehrt den Zugriff auf E-Mail und Internet. Die in dieser Abgeschiedenheit gefundenen Gedanken tippt man auf einen schlichten grauen Hintergrund mit unwiderstehlichem Retro-Charme – ohne Icons, Pop-ups oder Info-Leisten. Will man diese elektronische Denkfessel umgehen, kann man ja immer noch genießerisch die Gedanken schweifen lassen, frei nach dem Motto: So viel Zeit wie möglich selber verprassen, bevor ein Zeitfresser sie erwischt!

Der Artikel ist erschienen im „Zeitsparbuch“, herausgegeben vom Museum für Kommunikation, Frankfurt. Verlag Hermann Schmidt Mainz GmbH & Co. KG

Das Zeitsparbuch Ein immerwährendes Kalenderbuch mit 13 therapeutischen Stressometern und wertvollen Gedanken und Denkanstößen zum Thema Zeit. Gestaltung: Maksimovic & Partner 236 Seiten mit zahlreichen historischen Abbildungen Format 14 x 22 cm fadengehefteter Leinenband mit Prägung, ISBN 978-3-87439-839-8

 

Neues aus dem Goldfischglas

Seit es die Cloud gibt, schließe ich mein Büro nicht mehr ab. Wozu auch, die Hardware altert sowieso schneller, als man sie aus dem Fenster werfen kann. Bleiben noch meine Dateien. Aber wer ist heute noch so verrückt, Informationen auf Datenträgern abzulegen, die andere Leute einfach in die Tasche stecken könnten? Die Cloud steckt niemand ein.

Darin steckt für mich persönlich eine große Sicherheit: Kein Problem, wenn Festplatten kaputt gehen, ich muss nicht sorgenvoll den CD Roms beim Altern zuschauen und mich fragen, wie lange es wohl dazu noch Lesegeräte gibt. Wasser- und Einbrüche stellen keine große Bedrohung dar, heissa, das sorglose Leben beginnt.

Darauf habe ich mich gefreut, seit ich vor über zehn Jahren von Jeremy Rifkin das Buch „The Age of Access“ gelesen habe. Eigentum ist so was von altmodisch! Freilich, in Rifkins Betrachtung steckte eine große Portion Kulturpessimismus, aber was ist das schon gegen die ganzen Apps, die mir mein Leben erleichtern: Bücher und Musik aus der großen weltweiten Bibliothek anzapfen,  statt sie ins Regal zu stellen und zu besitzen? Perfekt! Vor allem für Menschen, die gerne und oft umziehen.

Hypercapitalism nennt das Rifkin: Eine Gesellschaft, in der sich alles ständig „auf dem Markt“ befindet und man kein kleines  Stückchen mehr für sich selber auf die Seite räumen kann. Und da auch immer mehr persönliche Bedürfnisse als Ware  vermarktet werden, beschreibt er  zerstörerische Konsequenzen: Aus Menschen werden Konsumenten, die sich sogar ihren Zugang zu Kultur und Austausch erkaufen müssen.

Mehrfach bezieht sich Rifkin auf den 1980 verstorbenen, in letzter Zeit oft gescholtenen und fast entzauberten Altmeister Marshall McLuhan. Er soll ein elitärer, misogyner Reaktionär gewesen sein,  schreibt Frank Schäfer in der Zeit. Sei‘s drum. In McLuhans 1989 postum erschienen Buch „The Global Village“ liest man mit ehrfürchtigem Staunen die Prophezeiung: „In der Zukunft erwartet uns der vergesellschaftete Mensch, der das Goldfischglas als seine natürliche Heimat angenommen hat – nachdem er eingesehen hat, dass die elektronische Spionage bereits zu einer Kunstform geworden ist.“ Chapeau!

Apropos, jetzt bräuchte ich mal Hilfe von so einem Künstler. Ich habe das Passwort für meine Dropbox vergessen.

Mister FZI: Professor Peter Lockemann

1972 wurde in Karlsruhe die Fakultät für Informatik gegründet, im ­gleichen Jahr trat auch Peter Lockemann seine Professur in Karlsruhe an. Das Leben des 1935 geborenen Lockemanns ist durchgängig eng mit der Entwicklung der Disziplin Informatik verbunden – auch wenn diese am Anfang noch gar nicht so hieß. Er hat – unter anderem – das FZI mitgegründet, über ­hundert wissenschaftliche Artikel und vier Lehrbücher geschrieben, er hat regelmäßig Gastprofessuren im Ausland und Berateraufgaben für Ministerien wahrgenommen und zehn seiner Studenten sind heute selber Professoren. 2005 wurde Lockemann das Verdienstkreuz am Bande verliehen, die Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität verlieh ihm 2003 für seine Verdienste in der Forschung und als Förderer des Wissenstransfers in die Unternehmenspraxis die Ehrendoktorwürde. Ich treffe ihn in seinem Büro im Forschungszentrum Informatik, wo er dem VKSI-Magazin für die Reihe KARLSRUHER KÖPFE einige Fragen beantwortet.

Herr Professor Lockemann, wann und wie sind Sie während Ihres Studiums der Nachrichtentechnik zur Rechnertechnologie gekommen?

Prof. Lockemann: Als Robert Piloty frisch habilitierter Privatdozent in München war, hörte ich 1956, während meines Studiums der Nachrichtentechnik, seine Vorlesung über die Grundzüge der Rechnertechnik von. Als Deutschland 1954 erlaubt wurde, Forschungsprogramme im Bereich Rechnertechnologie einzurichten, entwickelte sein Vater Hans Piloty zusammen mit dem Mathematiker Robert Sauer an der TH München die PERM (Programmgesteuerter Elektronischer Rechenautomat München). Die PERM wurde lange Jahre im Rechenzentrum der TH München und bei der Ausbildung von Entwicklungsingenieuren für die deutsche Computerindustrie benutzt. Heute steht sie im Deutschen Museum in München. Ich habe als Werkstudent dort erst mal Schaltkreise verlötet und Magnetköpfe für den Trommelspeicher zusammengebaut , meine Diplomarbeit zum Magnetkernspeicher gemacht, promoviert habe ich dann in Transistortechnik.

1963 sind Sie nach der Kalifornien ausgewandert, um dort am Caltech zu arbeiten. Das California Institute of Technology, gehört laut diversen Rankings zu den zehn besten Universitäten der Welt. Womit haben Sie sich dort beschäftigt?

Prof. Lockemann: Das waren prägende Jahre. Zum einen bin ich erst dort mit der Softwaretechnik – naja, das war eigentlich noch Programmierung – in Berührung gekommen. Zum zweiten gab es dort gar keine Computer Science, sondern ein »Information Science«-Programm, das anwendungsgetrieben war. Zunächst habe ich in einer Gruppe gearbeitet, die Biosignale ausgewertet hat: Wir haben Experimente mit Sonden in Fliegen­augen durchgeführt und schon damals große Datenmengen produziert und ausgewertet. Später wechselte ich in eine sozialwissenschaftliche Gruppe, die Sprachwissenschaft in Verbindung mit der Auswertung anthropologischer Daten betrieb. So bin ich mehr oder weniger zufällig in die Datenbanktechnik geraten. Wir haben viel experimentiert und waren eine der ersten, die Recovery-Techniken und einen softwarebasierten virtuellen Speicher entwickelten. Unser Datenbanksystem war graphbasiert – damals nicht unüblich, aber erst heute wieder aktuell. Doch unsere Ansätze haben zu wenig Leistung gebracht. Rückblickend wäre das die Zeit gewesen, zu IBM zu wechseln.

Nach sieben Jahren sind Sie 1970 dann doch wieder zurück nach Deutschland gegangen.

Prof. Lockemann: Meiner Frau und mir hatte es in Kalifornien sehr gut gefallen, doch die Kinder waren klein und wir wollten eine klare Entscheidung für ihre Schulzeit treffen. In Deutschland habe ich dann in Bonn bei der GMD (damals: Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung mbH) gearbeitet und war involviert in ein Projekt zur Entwicklung eines juristischen Informationssystems. Dieses Fachinformationssystem stellte die Gesetzeslage und die Urteile für Juristen in einem »Information Retrieval System« zusammen und – darauf bin ich durchaus stolz – existiert heute noch. Von Karlsruhe erhielt ich dann die Aufforderung, mich um den Lehrstuhl Programmiersprachen zu bewerben. Das habe ich allerdings abgelehnt, aber Universitäten waren von jeher flexibel, und wir haben uns auf eine Widmung in Richtung Datenbanken geeinigt.

Sie haben in einer Zeit in der Informatik begonnen, als dieses Fachgebiet noch ganz jung war und Experten noch alle Teildisziplinen überblicken und durchschauen konnten…

Prof. Lockemann: … hier sollte man sich keine Illusionen machen, diese Phase ging sehr schnell vorbei. Schon als ich Anfang der Siebzigerjahre nach Karlsruhe kam, war das Gebiet so breit, dass man nicht mehr überall in die Tiefe gehen konnte.

Sowohl in Deutschland wie auch in den USA hat man sich allerdings schwergetan, diese Disziplin zu akzeptieren. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel war Computer Science, wie dort Informatik hieß und immer noch heißt, viel enger aufgestellt. Mein Bereich, Datenbanktechnik, war lange Zeit nicht einmal Teil der Computer Science sondern bei den Business Schools mitgelaufen.

Ich selber bin durch meine Erfahrungen mit Anwendungen geprägt worden und habe diese auch immer gesucht. Später waren dies vor allem Produktionstechnik, Elektronikentwurf, Verkehrswesen und Gebäudearchitektur. Ich habe deshalb immer stark interdisziplinär gearbeitet. Ich habe mich auch nicht als reinen Technologen gesehen. Neue Anwendungen bedürfen aber natürlich auch neuer Technologien, und ich hatte auch immer Mitarbeiter, die sehr erfolgreich diese Technologien entwickelten. Vielleicht wäre es korrekter zu sagen, dass ich eine Neigung zu top-down Vorgehen habe. Ich habe deshalb den Datenbankbereich immer als Softwaretechnik verstanden und dort als ausgesprochene Systemtechnik. Ähnlich wie bei Betriebssystemen habe ich Architekturfragen als zentral gesehen.

Um welche Probleme zu lösen?

Prof. Lockemann: Nichtfunktionale Kriterien wie Performanz haben über 30 Jahre lang die Datenbankarchitektur dominiert, genauer die Langsamkeit des Hintergrundspeichers im Vergleich zum Hauptspeicher. Auf diesem Missverhältnis bauten die Architekturfragen auf, also: Wie lässt sich die Zugriffslücke überbrücken, so dass sie in der Anwendung nicht in Erscheinung tritt? Und so wie die Bedarfe gewachsen sind, so ist auch das Problem größer geworden. Die Übertragungsrate von der Platte in den Hauptspeicher hat sich von etwa 1 MB/s 1970 auf etwa 250 MB/s 2010 gesteigert. Heute beträgt die Zugriffslücke etwa 106, so stark unterscheiden sich heute die Geschwindigkeiten beim Zugriff auf Hauptspeicher und Hintergrundspeicher (Platte). Nun hat mit der Marktreife der SSD ein ganz neues Kapitel begonnen.

Dazu kamen über die Jahre Gastprofessuren am CalTech und am MIT, und Beraterfunktionen bei Wirtschaft und Ministerien und – für Karlsruhe besonders bedeutend – 1985 gründeten Sie gemeinsam mit mehreren Kollegen das Forschungszentrum Informatik Karlsruhe (FZI), waren dann lange Zeit dessen Vorstand (daher Ihr Spitzname »MisterFZI«). Was war Ihr wichtigstes Motiv dafür?

Prof. Lockemann: Um es mit dem modernen Slogan des KIT zu sagen: Innovation. Innovation ist der Transfer von Forschungsergebnissen in die wirtschaftliche Nutzung. Das Ziel des Forschungszentrums Informatik war und ist der Technologietransfer von der Forschung in der Karlsruher Informatik in die Wirtschaft. Wir waren damals acht Professoren, und hatten rein altruistische Motive, wenn man mal davon absieht, dass wir uns natürlich über zusätzliche Ressourcen für die Forschung gefreut haben. Für jeden persönlich bedeutete das aber viel mehr Arbeit.

Sind Sie mit der Entwicklung des Forschungszentrums Informatik zufrieden?

Prof. Lockemann: Ich bin ja nur noch – wenn auch sehr engagierter – Beobachter. Ich bin begeistert, was die jungen Kollegen in den letzten Jahren daraus gemacht haben. Ich hatte am Ende eine neue und wie es scheint schlagkräftige Organisation umgesetzt. Zunächst war das FZI auf einzelne Professoren zugeschnitten, heute gibt es vier große, kollegial geführte Forschungsbereiche, die sich als eine sehr gutes Basis für Wachstum erwiesen haben.

Inhaltlich hat sich das Bild seit der Jahrtausendwende komplett geändert. Angefangen haben wir mit »Informatik für die industrielle Produktion«. Heute ist das FZI viel breiter aufgestellt – kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Informatik heute in alle Lebensbereiche eindringt. Ich kann das an meiner eigenen Disziplin sehen, wo sich unter dem Stichwort »Big Data« sich vollkommen neue Herausforderungen herausbilden: eine enorme Informationsmenge im Web, relativ unstrukturiert und textorientiert, dazu embedded systems, die Datenströme überall erfassen, und schließlich die globale Verteilung der Daten.

Welche Schwierigkeiten musste das FZI dabei überwinden?

Prof. Lockemann: Natürlich hat das Forschungszentrum Informatik das Auf und Ab der Wirtschaft mitgemacht, übrigens immer etwas zeitverzögert. Anfangs kamen unsere Kunden aus den F. & E. Abteilungen der Großunternehmen. Als diese Anfang der Neunzigerjahre sukzessive abgebaut wurden, hat das Forschungszentrum Informatik sich extrem stark auf den Mittelstand konzentriert. Das hat uns damals zwar politisch großes Lob eingebracht, uns aber auch behindert, da wir sehr viel Zeit für die Akquise aufwenden mussten. 2002 hat uns das in echte Schwierigkeiten gebracht. Die bieten aber eben auch Chancen und die wurden – auch dank des Generationenwechsels – hervorragend genutzt.

Mit seinen klar gesetzten inhaltlichen Schwerpunkten hat sich das Forschungszentrum Informatik deutlich als Zentrum für Innovationen im IT-Bereich positioniert. Somit ergänzt es sich hervorragend mit der Fakultät für Informatik und ist heute weit über die Grenzen von Baden-Württemberg hinaus anerkannt.

Vor 40 Jahren wurde die Fakultät gegründet, vor 40 Jahren haben Sie Ihre Professur angetreten – und Sie sind unverändert präsent in der IT-Szene. Womit beschäftigen Sie sich heute vor allem?

Prof. Lockemann: Mir bleibt viel Zeit für Privates, zum Beispiel beschäftige ich mich mit der Sprachförderung in Brennpunkt-Kindergärten und ich reise mit meiner Frau viel in der Welt herum.

Aber auch wenn ich vielleicht manchmal bedauern mag, dass ich mich zu früh und zu stark auf die Anwendungen der Informatik konzentriert habe, so habe ich doch einige Themen gefunden, die mich weiter faszinieren, aktuell sind das etwa über das Cyberforum die Projekte Smarter City der Stadt Karlsruhe und Smart Business IT des Landes. Um bei einem Projekt wirklich in die Tiefe zu gehen, braucht man ein großes Forschungsteam und das habe ich nicht mehr. Was ich dagegen kann, ist Projektideen entwickeln und mich an der Entwicklung der großen Linie beteiligen, und da bringe ich mich immer noch im FZI ein. Es erstaunt mich vielleicht selbst am meisten, aber es ist wahr: so schnell veralten Erfahrungen dann eben doch nicht.

Professor Lockemann, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Es gibt kein objektives Gut oder Schlecht im Theater

 

Wie sieht Qualitätssicherung eigentlich in anderen Berufen aus? Das VKSI Magazin hat dazu mit dem Schauspieler Florian Hertweck gesprochen, der früher selbst mal Informatik studiert hat. 

Susann Mathis: Florian, du bist Mitglied im Ensemble des Theaters in Hannover und spielst aktuell dort den Chef einer IT-Firma…

Florian Hertweck: Nicht ganz, ich spiele einen arbeitslosen Schauspieler, der den Chef einer IT Firma spielt. In dieser Komödie von Lars von Trier geht es um das Abwälzen von Verantwortung. Um diese auf die Spitze zu treiben hat der Autor eine dem Schauspieler möglichst fremde Berufswelt gewählt. Wir spielen in diesem Stück zwischen Auslegware, Multifunktionstischen und Flip Charts. Für einen Informatiker ist das wahrscheinlich ein normaler Arbeitsplatz, für uns ist das ein exotisches Bühnenbild. Es geht im Grunde auch gar nicht zwingend um IT, die IT-Firma wird als Abstraktionsgipfel der Arbeitswelt verwendet.

Susann Mathis: So ähnlich gehen wir diesmal ja auch heran. Wir machen ein Heft zur Qualitätssicherung in der Softwareentwicklung und nun sollst du, als Schauspieler aus einer uns extrem fremden Welt, über deine Qualitätssicherung sprechen. Ist es wahr, dass du selber mal Informatik studiert hast?

Florian Hertweck: Ich hatte während eines Schuljahres in den USA gelernt, HTML zu programmieren und dann nach dem Abitur den Plan, auf dieser Basis gestalterisch tätig zu sein. Also habe ich nach dem Zivildienst in Berlin zwei Jahre lang internationale Medieninformatik studiert. Doch das Studium hat mich nicht wirklich befriedigt und diese Art der Kreativität war nicht wirklich mein Ding. Also habe ich parallel zum Studium einen Schauspielkurs besucht und, angeregt durch andere Kursteilnehmer, selber auch vorgesprochen. 2002 habe ich dann an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen mein Studium begonnen.

Susann Mathis: Und wie gefällt Dir nun dieser Beruf?

Florian Hertweck: Gut, wobei ich das ganze Ausmaß dessen, was es bedeutet, Schauspieler zu sein, erst allmählich, also nach einigen Jahren im Beruf, in seiner ganzen Dimension begreife. Es ist einerseits luxuriös, dass ich meinen Lebensunterhalt damit finanziere, mich in anderer Leute Gehirne zu versetzen, mich selbst in Extreme zu treiben. Was ich allerdings manchmal vermisse, ist ein greifbares Ergebnis. Würde ich etwas herstellen, oder, wenn man so will, einen Quellcode schreiben, dann hätte ich am Ende meines Arbeitstags etwas in der Hand. Schauspiel dagegen ist ein flüchtiges Produkt, und auch der Applaus lässt sich nicht festhalten. An älteren Schauspielern sehe ich: wer daran nicht kaputt geht, bleibt vital. Viele ältere Kollegen haben ein leicht anarchisches Glitzern in den Augen, was ich persönlich extrem angenehm finde. Frustrierend dagegen kann der Arbeitsrhythmus sein. Ich arbeite, wenn viele meiner Freunde Freizeit haben. Dazu ist der Konkurrenzkampf enorm und außer den Stars in der Branche werden alle schlecht bezahlt, das ist dann weniger luxuriös.

Susann Mathis: Du hast ein festes Engagement in Hannover, spielst nun manchmal in Karlsruhe, daher die Frage: wie beurteilst du das Karlsruher Staatstheater oder allgemeiner, welche Rolle hat ein Theater in seiner Stadt?

Florian Hertweck: Um Antwort auf diese Frage ringen sehr viele. Denn tatsächlich besteht der Anspruch, im Theater allen Bürgerinnen und Bürgern einer Stadt etwas zu bieten. Aber was das nun tatsächlich ist, dieses »Etwas bieten«, das kann man höchst unterschiedlich interpretieren. Die Theatermacher anderer europäischer Länder blicken häufig neidisch auf Deutschland, auf unsere Gesellschaft, die sich sozusagen hauptberufliche Querulanten leistet. Aus Theatersicht könnte man also sagen, unsere Aufgabe ist es, unbequem zu sein. Ich persönlich denke, der Steuerzahler hat das Recht auf diese Herausforderung. Aber trotzdem möchte man ja auch sein Publikum erreichen und sich nicht jedes Mal bei einer anspruchsvollen aber unbequemen Inszenierung zu Beginn der Aufführung fragen: warum sind die Leute jetzt wieder nicht gekommen? Ich glaube dabei nicht, dass sich das Publikum von Stadt zu Stadt unterscheidet. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass diejenigen Schichten, die in den jeweiligen Städten überhaupt ins Theater gehen, sich gar nicht so sehr unterscheiden. Der neue Intendant Peter Spuhler und der Schauspieldirektor Jan Linders machen es sich hier sicherlich nicht einfach. Sie machen kein einfaches, gefälliges Programm für traditionelle, konservative Theaterbesucher, sie versuchen vielmehr, mit ihrer Arbeit sehr unterschiedliche und auch neue Zielgruppen erreichen.

Susann Mathis: Zurück zu Deiner Arbeit: Sieht sich ein Schauspieler während einer Aufführung eigentlich selber beim Arbeiten zu?

Florian Hertweck: Es geht selten gut aus, wenn man auf der Bühne die eigene Rolle reflektiert, auch wenn es sich nicht immer vermeiden lässt. Es kann schon passieren, dass man sich während des Spiels ärgert, dass man neben sich steht und sich sagt »Scheiße, Satz vergessen« oder »Mist, das habe ich jetzt verbockt«, aber während man das denkt, fährt man schon in die nächste Wand rein. Daher rate ich von zu viel Reflexion beim Tun ab. Im Sinne des Interview-Themas Qualitätssicherung ist das eine harte Schule, denn man kann sich nicht wirklich korrigieren – anders als beim Film oder etwa beim Schreiben. Die Zeitlinie schreitet unerbittlich weiter. Was passiert ist, ist passiert. Man kann nicht sagen »Moment bitte, ich mach die Szene einfach nochmal«. Doch oft ist die Bühne auch ein Korrektiv. Wenn ich krank bin oder mit schlechter Laune eine Vorstellung beginne, so geht es mir meistens nach dem Spiel besser. So als wäre es eine Art karthatische Reinigung. Eigentlich schließe ich auch immer mit einem guten Gefühl ab. Und wenn es richtig gut gelaufen ist, ist man regelrecht euphorisiert.

Susann Mathis: Wie lernt man, ein guter Schauspieler zu sein? Und wie stellt ein Schauspieler dann so etwas wie reproduzierbare Qualität auf der Bühne her?

Florian Hertweck: Was ein »guter« Schauspieler ist, will und kann ich gar nicht allgemeingültig beantworten. Ein gewisses Handwerk kann man allerdings erlernen. Es geht darum, Techniken zu entwickeln, unabhängig vom momentanen privaten Zustand gegebenenfalls die komplementären Gefühlszustände darzustellen, sich nicht von Stimmungen abhängig zu machen. Auch wenn ich persönlich inzwischen nicht mehr komplett ignoriere, in welcher Gemütslage sich die Privatperson Florian befindet, wenn sie auf die Bühne tritt. In meiner Ausbildung an der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen wurde uns beigebracht: Der Schauspieler ist ein Arbeiter, ein Techniker. Die Ausbildung war sehr fundiert, weil sie Mechanismen und Handwerk ausgebildet hat, um dann beim Publikum vielleicht etwas in Gang zu setzen. Es ging nicht um ein gefühlsmäßiges Erspüren. Nach der Wende waren viele Theaterleute aus dem Osten wegen dieser präzisen Herangehensweise im Westen sehr begehrt. Die Methode der Potsdamer Hochschule beruht auf der Lehre Konstantin Stanislawskis. Er hat untersucht, warum seine Schauspieler an unterschiedlichen Abenden oft so unterschiedliche Leistung bringen und aus seinen Ergebnissen Methoden entwickelt, um auf der Bühne zuverlässige Qualität herstellen zu können. Ein Element dabei ist zum Beispiel der Subtext, die unausgesprochene Bedeutungsebene unter den Worten. So erarbeitet sich der Schauspieler die Kontrolle über die eigene Rolle.

Susann Mathis: Das Erarbeiten eines Stücks bis zur Premiere ist sicher die Hauptarbeit, danach wird ein Stück, wenn es nicht vollkommen schief läuft, regelmäßig wieder aufgeführt. Gibt es auch so etwas wie einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess, einen KVP, im Schauspiel?

Florian Hertweck: Der Beruf des Regisseurs oder der Regisseurin ist ursprünglich dadurch entstanden, dass einer der Schauspieler sich ins Publikum gesetzt hat und den anderen zurückgespiegelt hat, wie welche Art des Spiels ankommt. Inzwischen hat die Regie eine zentrale Rolle an unseren Theatern (und auch im Film). Die kontinuierliche Aufgabe fällt dann der Regieassistenz zu, das bedeutet, jede einzelne Aufführung anzuschauen und die Schauspieler dann zu informieren, wie was ankommt oder auch darauf aufmerksam machen, wenn Dinge »verrutscht « sind. Manchmal trifft einen Kritik oder auch Lob vollkommen unvorbereitet. Manchmal denkt man nach einer Aufführung: Das war doch prima, und hört dann: Mann, was war denn los, so schlecht hast du das noch nie gespielt. Oder andersrum: Man ist gar nicht zufrieden, die anderen finden aber, man sei besser als je zuvor gewesen. Das heißt, man empfindet Qualität selber durchaus anders, als sie bei den anderen ankommt.

Susann Mathis: Unabhängig davon, wie ein Stück beim Publikum ankommt: Kann man so etwas wie objektiv gute Qualität erreichen?

Florian Hertweck: Das ist einer der klaren Vorteile der Informatik, hier kann ich nach objektiven Kriterien meinen Job verbessern. Bei der Schauspielerei kann es sein, dass ich genau dann Fehler mache, wenn ich mich verbessern will. Etwa wenn ich zu viel will, zu viel in eine Rolle packe, dem Publikum zu viel erklären will und durch diese Überfrachtung genau das Gegenteil erreiche. Wenn ich in einer tragischen Szene dem Publikum etwas vorheule, kann es sein, dass ich damit viel weniger Emotionen transportiere, als wenn das Publikum erlebt, wie ich in meiner Rolle versuche, Haltung zu bewahren und meine Gefühle zu verstecken. Im Theater gibt es kein objektives Gut oder Schlecht. Wenig Publikum heißt nicht unbedingt, dass wir schlecht sind, es kann auch einfach nur heißen, dass der Autor und sein Stück nicht bekannt genug sind. Eine berühmte Klassikerinszenierung, die auf dem Lehrplan der Schulen steht, zieht erst mal viele Zuschauer an, egal wie gut oder wie schlecht die Inszenierung ist.

Susann Mathis: Du bist gebürtiger Karlsruher, zurzeit kehrst du regelmäßig nach Karlsruhe zurück, um Bob Dylan auf der großen Bühne des Staatstheaters zu spielen. Was ist das für ein Stück und warum sollte man dort hingehen?

Florian Hertweck: Das Stück ist eine fantastische Zeitreise mit viel Musik. Nicht nur ist es ein Konzert mit 20 Best-of-Songs von Bob Dylan, sondern es zeigt auch Schlaglichter auf sein Leben. Mit auf der Bühne sind viele Personen des Zeitgeschehens, etwa Martin Luther King, John F. Kennedy, Marylin Monroe, Bill Clinton oder – ein besonderes Highlight dieser Aufführung – Elvis. Der Abend zeigt aber auch, wie aktuell dieser 70 Jahre alte Dylan heute noch immer ist. Für mich ist er auf jeden Fall in den letzten vier Jahren schon eine Art Alter Ego geworden. Und dann auch wieder nicht. It ain’t me, eben.  www.staatstheater-karlsruhe.de

VKSI Magazin Nr. 6 Mai 2012

 

Mit dem Scheitern rechnen

Früher musste man auf den Präsidenten schießen, wenn man berühmt werden wollte. Heute wird man berühmt, wenn man einer Freundin erzählt, dass man mit dem Präsidenten geschlafen hat. Die Veränderung von „Öffentlichkeit“ und die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft analysieren Bernhard Pörksen und Hanne Detel in ihrem neuen Buch mit dem Titel „Der entfesselte Skandal: Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“. Köln 2012. Besprechung / Interview als PDF: scheitern, erschienen in Blickpunkt 2/2012

Lagerfeuer, Volksvermögen und das richtige Maß

Lagom ist ein häufig verwendetes schwedisches Wort. Es bedeutet so viel wie gerade oder genau richtig. Die Skandinavistin Beatrice Kindler begründet, wie sich Sprachforscher die Herkunft des Begriffs erklären: »Man glaubt, dass der Ursprung dieses Allerweltsworts am Lagerfeuer der Wikinger zu finden ist, dort tranken alle aus einem einzigen Becher, der die Runde machte. Damit es nicht zum Streit kam, durfte jeder nur so viel trinken, dass es für die ganze Runde, also laget om, reicht. Daraus entstand das Wort lagom.« Das Wort kann sowohl auf das Essen, die Geschwindigkeit, die Temperatur, den Zeitpunkt und sowieso auf alles andere angewendet werden – und damit auch auf den »gerade richtigen« Arbeitseinsatz, um weder als Streber noch als Faulpelz dazustehen. Pareto dagegen beschreibt ein häufiges Verhältnis oder auch Missverhältnis: Der Namensgeber Vilfredo Pareto fand Ende des 19. Jahrhunderts heraus, dass etwa 20% der Familien in Italien etwa 80% des Volksvermögens besaßen. Aus dieser Beobachtung folgerte er, dass Banken sich in erster Linie um eben diese 20% der Familien kümmern sollten. Später wurde daraus die 80-zu-20-Regel, die besagt, dass ein Unternehmen etwa 80% seines Umsatzes mit etwa 20% seiner Kunden generiert oder auch dass 80% der Ergebnisse in 20% der Gesamtzeit eines Projekts erreicht werden… und die verbleibenden 20% wiederum 80% der Gesamtzeit benötigen. Das Geheimnis eines professionellen Zeitmanagements besteht also darin, zu entscheiden, bei welchen Tätigkeiten sich Perfektionismus lohnt. Doch weit häufiger entscheidet – scheinbar ganz ohne unsere Beteiligung – der Zeitmangel über das Maß unseres Perfektionismus. Da ist dann ein funktionierender Code nicht unbedingt ein sauberer Code. Oder ein langer Text nicht unbedingt ein präziser Text. »Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen einen langen Brief schreibe, für einen kurzen habe ich keine Zeit.« Dieses Zitat wird, unter anderen, Goethe zugeschrieben. Die wahrscheinlich früheste Entschuldigung in dieser Form schrieb aber Blaise Pascal schon im Jahr 1656. Auch beim Fertigstellen eines VKSI Magazins bleiben 100% das hehre Ziel. Aber im Unterschied zu den Konsequenzen eines Software-Fehlers hindert ein kleiner Feler niemanden am Weiterlesen. Was jedoch den Inhalt anbelangt: Wenn wir mit 20% unserer Artikel 80% unserer Leserinnen und Leser interessieren und die restlichen 20% der Leserinnen und Leser sich auf die anderen 80% unserer Artikel konzentrieren, so sollten wir auch entsprechend unseren Einsatz bemessen. Die Fragestellung ist nicht neu, indes ist nicht immer klar, für welche 20% sich die 80% nun am meisten interessieren. Sagen Sie es uns. Gerne auch in einer Mail mit zu 80% korrekter Orthografie. Das reicht dann schon zum Verstehen.