Kategorie-Archiv: VKSI

Im Gehirn des Kraftwerks. Softwareentwicklung bei Siemens am Standort Karlsruhe

Wer Siemens hört, denkt an Turbinen, Wäschetrockner oder Röntgengeräte, aber nicht an Software, zumindest nicht sofort. Dennoch arbeiten weltweit etwa 18.000 Software-Entwickler bei dem Technologiekonzern. Der Standort in Karlsruhe ist ein Zentrum für Prozessautomatisierung, Fertigungsautomatisierung, Gebäudeautomatisierung und Industrial Services. Im Siemens Industriepark sprechen Steffen Wagner und Klaus Baumgartner mit dem VKSI Magazin über die „Softwareschmiede Siemens“.

Weiterlesen

VKSI Magazin #11: Musik & Informatik

Das VKSI Magazin 11 im Januar 2015 widmet sich der Musik-Informatik an der Musikhochschule Karlsruhe. Dazu stellen wir in unserer Serie “Karlsruher Köpfe“ den Gründer des Instituts, Prof. Dr. Thomas A. Troge, vor. Im Interview mit Susann Mathis spricht er über Programmieren, Komponieren und Kreativität. Im „Karlsruher Softwaregespräch“ erläutern zwei Mitglieder der Live Coding Laptop Band „Benoît and the Mandelbrots“, wie sie mit der Sprache SuperCollider auf der Bühne improvisieren.  Außerdem stellt Stefan Hellfeld das „House of Living Labs“ des Forschungszentrums Informatik FZI vor. Christoph Schlenzig und Sabrina Merkel von Seven2one präsentieren mit SmartEnergyHub eine Business Intelligence Lösung für Smart Energy Geschäftsmodelle. Und Professor Walter Tichy beschreibt eine erstaunliche Erfolgsserie: Schon seit Wintersemester 2011/2012 hat das Institut die Pflichtveranstaltung „Praktikum der Softwareentwicklung“ so gestaltet, dass das Praktikumsergebnis zu einem Wettbewerb, dem „Imagine Cup“, eingereicht werden kann und produziert seither à gogo Gewinner. Außerdem lästert Matthias Hornberger, der Vorstandsvorsitzende des Cyberforums, in seiner Kolumne Cybertrends anschaulich über das Wort „Existenzgründer“. Warum? Die Antwort lesen Sie auf Seite 27 im VKSI Magazin 11.

Unsere Konzerte sind eine Art öffentliches Denken

Beitragsfoto: Daniel Bollinger

Vier Menschen sitzen am Tisch über ihre Laptops gebeugt. Musik erklingt. Es sind Benoît and the Mandelbrots. Ihren Namen haben sie von dem französischen Mathematiker Benoît Mandelbrot geborgt, ihre Musik erschaffen sie selber bei jedem Auftritt neu. Benoît and the Mandelbrots ist eine 2009 in Karlsruhe gegründete Live-Coding-Laptop-Band, die mithilfe von Programmiersprache improvisiert. Zwei der insgesamt vier Musiker, Patrick Borgeat und Juan A. Romero, kommen in mein Karlsruher Büro zum Interview.

Mathis: Was machen Sie eigentlich genau, wenn Sie auf der Bühne sind?

Borgeat: Anders als andere Programmierer, die ein Produkt herstellen, formen wir den Softwareprozess ständig um. Und dieser Prozess formt während des Programmierens ständig Klänge.

Mathis: Welche Sprache verwenden Sie?

Borgeat: Wir benutzen die Sprache SuperCollider, ein Open Source Produkt speziell für Klang und Musikproduktionen. Es gibt aber durchaus auch andere Programmiersprachen, die extra für diese musikalische Aufführungspraxis entstanden sind oder dafür nutzbar gemacht worden sind. Zum Beispiel gibt es Leute, die mit JavaScript arbeiten, es gibt aber auch viele Künstler, die nur für ihre eigene Performance eine komplett eigene Programmiersprache entwerfen.

Mathis: Schränkt das nicht ein?

Borgeat: Man braucht die eine oder andere Einschränkung, um kreativ zu sein.

Romero: Es ist mehr wie ein Instrument, man kann auch nicht mit einem Saxofon Klavier spielen. Wir aber wollten, auch um etwas flexibler sei zu sein, eine allgemeine Programmiersprache verwenden.

Borgeat: Viele Livecoder – vor allem wenn sie mehr aus der Softwaretechnik kommen – schätzen diese Universalität und es gibt auf der anderen Seite Künstler und Komponisten, die nicht daran interessiert sind, dass auch andere ihre Programmiersprache nutzen. Das sind einfach unterschiedliche Herangehensweisen.

Mathis: Und was passiert dann auf der Bühne genau? Ich kann während Ihrer Performance zusehen, wie Sie Zeilen umschreiben, aber was muss genau passieren, damit ich ein Konzert höre?

Romero: Ich glaube, bei unseren ersten Performance hat es drei Minuten gedauert, bis man überhaupt den ersten Ton gehört hat. Erst muss man die Audio Engine starten, dann den Synthesizer kompilieren, danach erst kann man ihn aktivieren. Aber wenn man ihn dann aktiviert, spielt er erst mal einen durchgehenden Ton. Dann muss ein Prozess starten, der eine Melodie ergibt. Und bis dahin sind drei Minuten um. Mittlerweile haben wir aber eine Art Snippets gespeichert, damit wir schneller starten können.

Mathis: Das ist ein wenig wie ein Orchester, das muss ja auch immer erst noch mal die Instrumente stimmen …

Romero: Viele fanden das auch sehr interessant, dass wir diesen Prozess so transparent gemacht haben. Aber natürlich muss man drei Minuten Stille im Publikum erst mal ertragen. Und wenn wir nur 12 Minuten für einen Auftritt haben, können wir nicht die ersten drei Minuten darauf verwenden, die Maschine zu starten.

Mathis: Und wie entwickeln Sie die Performance weiter?

Romero: Algorithmen sind nicht wie Töne. Ich spiele nicht auf der Tastatur. Ich programmiere etwas und das kann ein ganzes Stück sein. So kann es während der Performance geschehen, dass ich an meinem Part für eine Weile gar nichts ändere. Wenn ich zufrieden damit bin, dann höre ich erst mal so lange zu, bis eine Änderung notwendig wird. Das kann man bei Instrumenten nicht. Da ist man immer gleichzeitig am Spielen und am Zuhören.

Mathis: Wie wird man überhaupt Live Coder?

Romero: Bei uns hat es mit dem Studium angefangen. Am Anfang konnte ich aber noch nicht programmieren, dann haben wir erst mal mit anderen Dingen experimentiert, zum Beispiel mit dem wii-controller und irgendwann mal traut man sich, Live zu spielen. Dann geschehen viele Fehler und manchmal entstehen sehr interessante Dinge aus den Fehlern.

Borgeat: Wenn wir genau wüssten, was passiert, wäre es auch nicht so spannend. Das ist doch das Entscheidende daran, dass wir Live spielen. Wir könnten sonst natürlich auch vorne auf der Bühne sitzen, eine Aufnahme abspielen, und währenddessen E-Mails lesen.

Mathis: Wollen alle, die das lernen, vor allem Live spielen?

Romero: Ich lege es meinen Studenten immer ans Herzen. Man muss zusammenspielen. Dann muss man sich an die anderen anpassen. Es ist das Schönste, gemeinsam mit anderen zu musizieren. Als klassischer Gitarrist zum Beispiel ist man sehr oft alleine. Während bei Computer Musik … wir haben kein Repertoire. Wir erarbeiten alles live. Die Regeln machen wir selber. Das ist wie eine ganz andere Welt.

Mathis: Fehlt einem bei der Computer Musik nicht die Sinnlichkeit, die Körperlichkeit, weil man, anders als etwa bei der Gitarre oder dem Cello, das Instrument nicht umarmt?

Borgeat: Doch, das ist eine wichtige Dimension von Musik: das Zupfen, das Reinblasen, das Vibrato, die Intonation. Aber es ist halt nicht die einzige Dimension von Musik und wir finden es spannend, zu erforschen, wie Musik ohne diese Dimension funktioniert.

Romero: Vielen Musikern sieht man dabei zu, wie sie sehr gestisch musizieren. Bei uns liest man, was wir schreiben und man hört, was wir denken. Unsere Konzerte sind eine Art öffentliches Denken. Ich muss meine musikalischen Gedanken als Algorithmus formulieren, die Leute blicken in mein Gehirn rein, statt den Körper zu sehen.

Borgeat: Man kann auch immer noch, wenn man nicht ganz ohne diese Körperlichkeit auskommen möchte, in gemischten Ensembles spielen. So haben wir mal in einem gemischten Ensemble das Audiosignal der mikrophonierten Instrumente übernommen, um die Instrumente zu erweitern, bzw. mit dem Klangmaterial zu improvisieren.

Romero: Das ist eine Art Meta-Instrument. Zum Beispiel bekomme ich das Mikrofon von der Flötistin, setze einen Effekt, z. B. einen Hall, darauf, und wenn sie das hört, wird sie darauf hin anders spielen. Ich beeinflusse also ihr Spiel durch die Effekte, die ich daraufsetze. Das ist eine ganz interessante Möglichkeit, hybrid zu arbeiten.

Mathis: Sie chatten auch manchmal während ihrer Livekonzerte …

Borgeat: Wir haben Blickkontakt, aber wir chatten auch. Manchmal erscheint das auch auf der Projektion. Das ist eine weitere Ebene, die Humor in unsere Performances bringt.

Romero: Oder wenn man keine Lust mehr hat, Bass zu spielen, so fragt man im Chat, wer übernehmen möchte und dann wird der eine Bass etwas leiser, bis der andere lauter wird und übernimmt.

Mathis: Wie viel Spaß macht das Programmieren dabei?

Borgeat: Wir programmieren auch außerhalb der Musik. Wir programmieren gerne und es macht uns auch Spaß. Sonst würden wir wahrscheinlich auch nicht so Musik machen.

Romero: Live ist das natürlich eine spezielle Situation, man ist nervös, es geschehen Fehler. Man muss technisch denken und die Musik technisch konzipieren, aber das macht alles Spaß.

Mathis: Mandelbrot ist in der Live Coding Szene eine sehr bekannte Band …

Borgeat: Für Leute, die sich damit beschäftigen, sind wir sicher ein Begriff. Wir sind mit die Ersten, die auf einer größeren Bühne aufgetreten sind, wie zum Beispiel beim letzten Stadtgeburtstag in Karlsruhe. Da haben wir sehr viel visuell gearbeitet, das Publikum war sehr groß und wir wollten möglichst leichte Zugänge schaffen. Anders als im ZKM, wo das Publikum von vornherein auf experimentelle Musik eingestellt ist. Dort herrscht eine klassische Konzertatmosphäre, das ist sehr angenehm. Anders als auf einem Rockkonzert, da sprechen die Leute weiter und trinken Bier.

Mathis: Wo kann man Mandelbrot das nächste Mal hören?

Romero: Der nächste öffentliche Auftritt wird am 17. Januar bei den Algoraves im Jubez stattfinden.

Mathis: Vielen Dank für das Gespräch

Mehr über Benoît and the Mandelbrots erfährt man hier: the-mandelbrots.de und über Live Coding dort: Toplap.org

und hier der Film „Menschen am Sonntag“ von 1930 mit ihrer Filmmusik

erschienen im VKSI-Magazin #11

Das neue VKSI-Magazin ist erschienen

Das VKSI Magazin 11 im Januar 2015 widmet sich einem besonderen IT-Thema und gleichzeitig einer Karlsruher Besonderheit: Musik-Informatik an der Musikhochschule Karlsruhe. Dazu stellen wir in unserer Serie “Karlsruher Köpfe“ den Gründer des Instituts, Prof. Dr. Thomas A. Troge, vor. Im Interview mit Susann Mathis spricht er über Programmieren, Komponieren und Kreativität. In einem zweiten Interview in der Serie „Karlsruher Softwaregespräch“ erläutern zwei Mitglieder der Live Coding Laptop Band „Benoît and the Mandelbrots“, wie sie mit der Sprache SuperCollider auf der Bühne improvisieren.Das Thema wird live auf dem Entwicklertag im Mai 2015 fortgeführt: Professor Troge wird eine Keynote halten und  Benoît and the Mandelbrots werden ein Konzert geben.

weitere Themen:

  • Außerdem stellt Stefan Hellfeld das „House of Living Labs“ des Forschungszentrums Informatik FZI vor, fzi.de
  • Christoph Schlenzig und Sabrina Merkel von Seven2one präsentieren mit SmartEnergtyHub eine Business Intelligence Lösung für Smart Energy Geschäftsmodelle. seven2one.de
  • Und Professor Walter Tichy beschreibt eine erstaunliche Erfolgsserie. Schon seit Wintersemester 2011/2012 hat das Institut die Pflichtveranstaltung „Praktikum der Softwareentwicklung“ so gestaltet, dass das Praktikumsergebnis zu einem Wettbewerb, dem „Imagine Cup“, eingereicht werden kann und produziert seither Gewinner. http://ps.ipd.kit.edu/
  • Und auch Neuigkeiten zur Nachwuchsförderung gibt es: Das informatikBOGY sucht für die vielen Schülerinnen und Schüler, die sich für Informatik interessieren, weitere Kooperationsunternehmen für die einwöchigen Praktika. http://bogy.zukunft-informatik.de/
  • Dirk Fox beschreibt mit der Karlsruher Technik-Initiative ein Projekt zur Förderung der Technik-Kompetenz an Karlsruher Schulen. http://robotiklab.wordpress.com/
  • Am Schluss lästert Matthias Hornberger, der Vorstandsvorsitzende des Cyberforums in seiner Kolumne Cybertrends anschaulich über das Wort „Existenzgründer“. Warum, das lesen Sie auf Seite 27 im VKSI Magazin 11.

Viel Vergnügen bei der Lektüre, entweder des gedruckten Magazins (liegt aus), der Online-Click-Ausgabe http://issuu.com/vksi/docs/vksimagazin_11_141204-8_web/0 oder des PDFs

 

Wenn Maschinen für Maschinen schreiben

Weil es einfacher ist, Zeitungsmeldungen zu schreiben als Schach zu spielen, haben die ersten Roboterjournalisten den Turing-Test schnell bestanden: Bei einfachen Meldungen kann man nicht herausfinden, ob der Text von einem Menschen oder von einer Maschine geschrieben wurde. Denn eine einfache journalistische Meldung gibt Antwort auf die berühmten sieben journalistischen W-Fragen: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Woher/welche Quelle? Oft kann diese Fragen ein Computer genauso gut beantworten. Und, machen wir uns nichts vor, Menschen verwenden für diese Art von Text auch nur die immer gleichen Textbausteine.

Zentral ist die Geschwindigkeit: Die vom Computer verfassten Texte stehen ratzfatz bereit, da muss kein Journalist geweckt werden, kein Kaffee gekocht, kein Verb gesucht und keine Überschrift von Hand formatiert werden… und wer als Erster meldet, kriegt viele Klicks. In diesem Sinne muss „Verständlichkeit“ neu definiert werden, denn in erster Linie geht es ja darum, dass diese von Computern verfassten Texte von anderen Computern schnell gefunden werden.

Ursprünglich sind Zeitungen aus dem Bedarf nach genau dieser schnellen und nüchternen Information entstanden, nämlich weil die Wirtschaft Nachrichten über Schiffsuntergänge,
politische Krisen oder den Ausbruch von Kriegen brauchte. Im Mittelalter übernahmen von Hand abgeschriebene Kaufmannsbriefe diese Aufgabe. Die ersten gedruckten Zeitungen
erschienen dann zu Beginn des 17. Jahrhunderts, wie es hieß: „Zur befürderung unnd gewinnung der Zeit“, die sonst mit „Abschreiben“ verbracht worden war. Sukzessive kamen
dann zur Nachrichtenproduktion neue Formate wie Leitartikel, Reportagen, Kommentare, Portraits, Glossen und Interviews hinzu.

Mit Hilfe der schreibenden Algorithmen sollen Journalisten genau dafür wieder mehr Zeit gewinnen: vielschichtige Zusammenhänge recherchieren und beschreiben, statt schnöde Nachrichten produzieren. Das wäre schön. Theoretisch. Warum aber befürchte ich, dass ich nur immer noch mehr zugemüllt werde mit austauschbarem „Bliblablo“? Weil sich viele Verleger und Content-Manager über Algorithmen freuen, die weder Gehalt noch Krankenversicherung
brauchen und trotzdem viele irgendwie verständliche Sätze auf die Seiten bringen. Egal, soll mein Computer halt den langweiligen Unfug lesen.

Herzlich,
Ihre Susann Mathis

Regisseure unserer Freizeit

Was haben wir Menschen eigentlich früher mit unserer ganzen Freizeit angestellt? Die ARD/ZDF-Langzeitstudie »Massenkommunikation« beobachtet das Medienverhalten der Bevölkerung seit 1964. Nach deren Ergebnissen sehen wir Bundesbürger immer mehr fern, seit einigen Jahren immer noch leicht ansteigend etwa 220 Minuten täglich. Diese drei Stunden und 40 Minuten pro Tag … nomophobia

Interview mit Uncle Bob

Der US-amerikanische Softwareentwickler Robert C. Martin, auch bekannt als „Uncle Bob“, arbeitet seit den 1970er Jahren in diversen Softwareentwicklungsprojekten, initiierte 2001 die Entwicklung des Agilen Manifests, das Fundament agiler Softwareentwicklung und ist führendes Mitglied der Software Craftsmanship Bewegung. Im Anschluss an ein zweitägiges Seminar in Karlsruhe nahm er sich Zeit für ein Interview mit dem VKSI-Magazin. Interview+mit+Bob+Martin (engl.)

Neues aus dem Goldfischglas

Seit es die Cloud gibt, schließe ich mein Büro nicht mehr ab. Wozu auch, die Hardware altert sowieso schneller, als man sie aus dem Fenster werfen kann. Bleiben noch meine Dateien. Aber wer ist heute noch so verrückt, Informationen auf Datenträgern abzulegen, die andere Leute einfach in die Tasche stecken könnten? Die Cloud steckt niemand ein.

Darin steckt für mich persönlich eine große Sicherheit: Kein Problem, wenn Festplatten kaputt gehen, ich muss nicht sorgenvoll den CD Roms beim Altern zuschauen und mich fragen, wie lange es wohl dazu noch Lesegeräte gibt. Wasser- und Einbrüche stellen keine große Bedrohung dar, heissa, das sorglose Leben beginnt.

Darauf habe ich mich gefreut, seit ich vor über zehn Jahren von Jeremy Rifkin das Buch „The Age of Access“ gelesen habe. Eigentum ist so was von altmodisch! Freilich, in Rifkins Betrachtung steckte eine große Portion Kulturpessimismus, aber was ist das schon gegen die ganzen Apps, die mir mein Leben erleichtern: Bücher und Musik aus der großen weltweiten Bibliothek anzapfen,  statt sie ins Regal zu stellen und zu besitzen? Perfekt! Vor allem für Menschen, die gerne und oft umziehen.

Hypercapitalism nennt das Rifkin: Eine Gesellschaft, in der sich alles ständig „auf dem Markt“ befindet und man kein kleines  Stückchen mehr für sich selber auf die Seite räumen kann. Und da auch immer mehr persönliche Bedürfnisse als Ware  vermarktet werden, beschreibt er  zerstörerische Konsequenzen: Aus Menschen werden Konsumenten, die sich sogar ihren Zugang zu Kultur und Austausch erkaufen müssen.

Mehrfach bezieht sich Rifkin auf den 1980 verstorbenen, in letzter Zeit oft gescholtenen und fast entzauberten Altmeister Marshall McLuhan. Er soll ein elitärer, misogyner Reaktionär gewesen sein,  schreibt Frank Schäfer in der Zeit. Sei‘s drum. In McLuhans 1989 postum erschienen Buch „The Global Village“ liest man mit ehrfürchtigem Staunen die Prophezeiung: „In der Zukunft erwartet uns der vergesellschaftete Mensch, der das Goldfischglas als seine natürliche Heimat angenommen hat – nachdem er eingesehen hat, dass die elektronische Spionage bereits zu einer Kunstform geworden ist.“ Chapeau!

Apropos, jetzt bräuchte ich mal Hilfe von so einem Künstler. Ich habe das Passwort für meine Dropbox vergessen.