Kategorie-Archiv: VKSI

Im Gehirn des Kraftwerks. Softwareentwicklung bei Siemens am Standort Karlsruhe

Wer Siemens hört, denkt an Turbinen, Wäschetrockner oder Röntgengeräte, aber nicht an Software, zumindest nicht sofort. Dennoch arbeiten weltweit etwa 18.000 Software-Entwickler bei dem Technologiekonzern. Der Standort in Karlsruhe ist ein Zentrum für Prozessautomatisierung, Fertigungsautomatisierung, Gebäudeautomatisierung und Industrial Services. Im Siemens Industriepark sprechen Steffen Wagner und Klaus Baumgartner mit dem VKSI Magazin über die „Softwareschmiede Siemens“.

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VKSI Magazin #11: Musik & Informatik

Das VKSI Magazin 11 im Januar 2015 widmet sich der Musik-Informatik an der Musikhochschule Karlsruhe. Dazu stellen wir in unserer Serie “Karlsruher Köpfe“ den Gründer des Instituts, Prof. Dr. Thomas A. Troge, vor. Im Interview mit Susann Mathis spricht er über Programmieren, Komponieren und Kreativität. Im „Karlsruher Softwaregespräch“ erläutern zwei Mitglieder der Live Coding Laptop Band „Benoît and the Mandelbrots“, wie sie mit der Sprache SuperCollider auf der Bühne improvisieren.  Außerdem stellt Stefan Hellfeld das „House of Living Labs“ des Forschungszentrums Informatik FZI vor. Christoph Schlenzig und Sabrina Merkel von Seven2one präsentieren mit SmartEnergyHub eine Business Intelligence Lösung für Smart Energy Geschäftsmodelle. Und Professor Walter Tichy beschreibt eine erstaunliche Erfolgsserie: Schon seit Wintersemester 2011/2012 hat das Institut die Pflichtveranstaltung „Praktikum der Softwareentwicklung“ so gestaltet, dass das Praktikumsergebnis zu einem Wettbewerb, dem „Imagine Cup“, eingereicht werden kann und produziert seither à gogo Gewinner. Außerdem lästert Matthias Hornberger, der Vorstandsvorsitzende des Cyberforums, in seiner Kolumne Cybertrends anschaulich über das Wort „Existenzgründer“. Warum? Die Antwort lesen Sie auf Seite 27 im VKSI Magazin 11.

Ich bereue nichts. Ein Projekt über die NSA und Edward Snowden am Badischen Staatstheater

Ich bereue nichts

Ein Stück über Edward Snowden am Badischen Staatstheater
Interview mit dem Dramaturg und Autor Konstantin Küspert

In einer der ersten Szenen kommt der Schauspieler nackt auf die Bühne, vor sich trägt er einen Bildschirm. Vielleicht sei das ja das Bild der totalen Überwachung, spricht er ins Publikum, denn in der Vorbereitung des Stückes habe der Regisseur ihn nicht nur gezwungen, sich selbst auszuziehen, sondern auch, seine Google Daten hacken zulassen. Anschaulich zeigt er, was man aus seinen Daten herauslesen kann. Detailliert erläutert er dem Publikum, was man auf diese Weise über sein Leben erfahren kann. Termine2013-09-17 14.38.16

Susann Mathis: Das Theater erscheint vielen Menschen eine elitäre Ein­richtung, die von der normalen Welt abgeschlossen ist. Das Karlsruher Staatstheater selber scheint sich aber überhaupt nicht abzuschließen.

Konstantin Küspert: Das Staatstheater ist ja kein reiner Kunstbetrieb, sondern wir machen Kultur und haben damit auch einen Bildungsauftrag und einen Repräsentationsauftrag in der Stadt, d.h.: Wir machen für viele verschiedene Leute Theater. Wir wollen eben nicht nur unser Abonnentenpublikum erreichen, sondern auch ganz neue Schichten erschließen. Ob mit der Gründung des Jungen Staats­theaters oder Projekten für Migranten und für Menschen, die nicht aus einem akademisch geprägten Hintergrund kommen: Es gibt ein großes Bestreben von der Leitung des Theaters, diese ansonsten hermetisch wirkende Institution Theater zu öffnen.

SM: Was bringt einen Theatermacher dazu, sich mit den Methoden seiner Welt eines aktuellen Problems anzunehmen?

KK: Ich begreife meinen Auftrag vielleicht als eine Mischung aus Volkshochschule, Zeitung und Kulturbetrieb. Und dabei greifen wir auch, denn auch das ist unsere Aufgabe, Themen auf, die die Gesellschaft bewegen, die einen Einfluss auf die Gesellschaft haben. Wir haben schon einmal, in einer ähnlichen Konstellation wenn gleich auch in einer größeren Gruppe ein aktuelles Thema aufgegriffen, zum Thema »NSU«, und so lag es nahe, wieder mit dem gleichen Regisseur Jan-Christoph Gockel und Thomas Halle, dem Schauspieler, ein aktuelles Thema aufzugreifen und nach theatralen Umsetzungen zu suchen.

Konstantin Küspert_webDer Autor und Dramaturg Konstantin Küspert. Foto: Susann Mathis

SM: Wie sieht eine solche Suche nach theatralen Umsetzungen aus – wenn man also weit darüber hinausgehen will, Gescheh­nisse einfach nur abzubilden oder vielleicht einen Protest zu schüren?

KK: Wir haben sehr lange recherchiert, wir haben uns mit vielen Leuten getroffen, unter anderem mit IT-Spezialisten von der Karlsruher Sicherheitsinitiative und Leuten aus dem Umfeld von Snowden. Wir haben sehr viel gelesen und uns zu Brainstor­mings immer wieder zusammengesetzt. Und dabei sind Fragen entstanden wie zum Beispiel: Kann es nicht sein, dass Snow-den einfach nur gegen Schimären kämpft? Daraus entstand das Bild, den Schauspieler in einer Szene wie Don Quijote gegen Windmühlen kämpfen zu lassen. Ein anderes wichtiges Bild ist die Überwachung. Dieses Gefühl, sich nackig zu machen vor den Überwachungsmechanismen der NSA – da haben wir dann eben den Schauspieler nackig gemacht. Wir haben alle sehr viel geschrieben, auch Thomas Halle, der Schauspieler, daraus haben wir dann destilliert und das Stück in einer sehr knappen Proben-phase – wir hatten eigentlich nur zwei mal eine Woche – zügig zusammengebaut.

Das Stück beginnt mit der Suche nach dem richtigen Bild – Ein einzelner Schauspieler, Thomas Halle, kommt auf die Bühne oder richtiger: er hat seine Garderobe am Rand der Bühne eingerichtet und tritt in die Mitte. Dort beginnt mit der Suche nach dem ersten Bild des Stückes. Mit einem Rubik’s Würfel in der Hand beschreibt er eine fiktive Szene in einem Mos­kauer Tunnel – eine Fahrt zur Person Edward Snowden. Doch er verwirft diesen ersten Versuch: »das wird nicht das erste Bild sein«. Viele weitere erste Bilder wird er noch ent- und verwerfen: Snowdens Begegnung mit den Journalisten Greenwald und Poitras oder die Aufzeichnung der Antwort von James Clapper vor dem US Kongress »No Sir, not wit-tingly«, Elemente aus der Geschichte und Szenen aus Snow-dens Biografie. Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wo die Intention Snowdens herkommt, woraus sich dieser Charakter entwickelt hat, trifft er keine Entscheidung – dem Zuschauer bleibt die Wahl.

SM: Das bedeutet aber auch, dass auch für Autoren beim Thea­ter die Teamarbeit sehr wichtig ist, das stellt man sich norma­lerweise anders vor.

KK: Es gibt dieses klassische Autorending, dass man sich zurück­zieht für mehrere Monate und dann ein Werk entsteht, dass man aus sich heraus geschöpft hat. Jedoch gerade beim Theater ist es eine große Chance, einen Text gemeinsam mit dem Regisseur und den Schauspielern zu entwickeln, und gleichberechtigt daran zu arbeiten. Jeder mit der ihm gegebenen Speziali­sierung und dem im gegebenen Fokus. Das ist wesentlich effektiver, als wenn man sich einem solchen Stoff alleine nähert.

SM: Wie hat die Beschäftigung mit dem Thema Überwachung Sie und Ihre Kollegen verändert?

KK: Thomas Halle hat hier sicher den größten Sprung von uns allen gemacht. Er hatte sich vorher lediglich mit den Grundfunktionen seines Smartphones ausgekannt, seit unserer Recherche verschlüsselt er jede einzelne seiner E-Mails. Und kennt sich jetzt auch wirklich gut aus. Und ist auch in der Lage, beide nach Gesprächen mit den Zuschauern Fragen zu beantworten, die für das Stück inhaltlich relevant sind.

»Müssen wir doch erkennen, dass das iPhone, auf das wir alle so sehnlich warten, nur eine Wanze ist, mit der man zufällig auch telefonieren kann«, sagt der Schauspieler, bevor ein Überseekoffer auf die Bühne rollt und er mit den Zuschauern ein Tutorial beginnt: Der Schauspieler erläu­tert PGP Verschlüsselung – Pretty Good Privacy – für alle. Während er die einzelnen Schritte der Verschlüsselung erläu­tert, wird ihm aus dem Überseekoffer ein Kettenhemd überge­streift, eine Rüstung über das Ketten­hemd gezogen. Bei dem Schritt, dass er nun eine Signatur und ein kleines Schloss in seinem Mailprogramm besitzt, wird die Rüstung um gepanzer­te Arme ergänzt. Am Ende verteilt er Rüstungen im Zuschauerraum, um über­haupt mit ihnen kommu­nizieren zu können. Doch »er fühlt sie nicht«. Entwe­der sicher oder nackt, lautet seine Schlussfolgerung.

SM: Informationstechnologie spielt eine große Rolle in unse­rem Leben heute und mutet dann in diesem Zusammenhang auch sehr bedrohlich an, umso mehr, da nur noch Spezialisten verstehen, was da geschieht. Wie war es, das Thema mit IT-Spezialisten zu behandeln?

KK: Was uns zum Beispiel am Anfang immer fasziniert hat, war die Sprache der Spezialisten. Wenn es darum geht, ob eine Ver­schlüsselung sicher oder weniger sicher ist, dann lautet etwa ein Argument: »das ist sehr starke Mathematik«. Das klingt für Außenstehende natürlich erst mal ein wenig wie »das ist sehr starke Magie«. Es war sehr lehrreich zu sehen, wie die Infor­mationstechnologie in unser alltägliches Leben eingreift. Sie ist grotesk omnipräsent und gleichzeitig ist uns in dieser Phase zum ersten Mal klar geworden, dass es sich im Prinzip nur um komplexe Rechenaufgaben handelt.

SM: Snowden ist ja eine erstaunliche Figur. Er verschließt sich seinen Erkenntnissen nicht, sondern zieht seine Konsequen­zen. Inwieweit ist Snowden ein Held, eine Ausnahmeerschei­nung?

KK: Oberflächlich betrachtet taugt Edward Snowden wirklich nur sehr bedingt zum Helden. Er ist dieser blasse, nerdige Compu-tergeek, der am Anfang auch immer mit dieser geklebten Brille aufgetreten ist. Man weiß von ihm, dass er sich freiwillig für den Kriegseinsatz gemeldet hat, sich aber dann im Trainingslager beide Beine gebrochen hat. Er entspricht dem Klischee eines introvertierten, schmächtigen Nerds und nicht dem Klischee des Superman. Viele Informationen aus seinem Privatleben hält er zurück. Auch das mindert seine mediale Verwertbarkeit. In anderer Hinsicht taugt er dann aber doch zum Helden, nämlich weil er systematisch ein Ziel verfolgt hat. Denn hat sich ja wirk­lich einstellen lassen mit dem Ziel, diese Daten zu stehlen, dann hat er über eine lange Zeit schon den Kontakt zu Greenwald und Poitras aufgenommen – d.h. er hat sich über lange Zeit hinweg in Gefahr begeben. Das war keine Kurzschlusshandlung. Und das erfordert viel Mut. Er hat ein gefestigtes Set an moralischen Regeln und denen ist er gefolgt. Und das war sicherlich nicht leicht für ihn und das ist vielleicht wiederum das, was ihn tat­sächlich zum Helden macht. Für uns ist er in jedem Fall ein Held.

„Ich bereue nichts“. Ein NSA-Projekt von Jan-Christoph Gockel, Thomas Halle & Konstantin Küspert.

 

Vier Fragen an den IT-Sicherheitsexperten Dirk Fox, einer der Partner in der Recherche und Vorbereitung des Theaterstücks:

1 Die Autoren des Stücks »Ich bereue nichts…« wurden von Euch, das heißt von der Karlsruher IT-Sicherheitsinitiative beraten. Wie kam der Kontakt zustanden und was hat Euch als IT-Spezialisten daran interessiert?

Dirk Fox: Die Autoren hatten sich an das CyberForum gewendet, um Kontakt zu Spezialisten im IT-Sicherheitsbereich herzustellen. Für uns ist es eine ganz großartige Geschichte, dass sich Künstler mit dem Thema IT-Sicherheit, Big Data, Verschlüsselung etc. beschäftigen. Wir erreichen schon mit den Anti-Prism-Parties sehr viele Menschen, aber über das Theater wird nun noch mal eine ganz neue Gruppe von Menschen angesprochen.

2 Konstantin Küspert, einer der Autoren sagte, für ihn klinge »starke Mathematik« wie »große Magie«. Wie ist es umgekehrt für Euch gewesen, mit den Künstlern mathema­tische Themen zu bearbeiten?

Dirk Fox: Gerade das Thema Verschlüsselung ist eines unserer Tech­nikthemen, das am weitesten weg ist von der Kunst. Kunst will das Gegenteil von verschlüsseln, Kunst will öffnen. Die beiden Themen sind wie Feuer und Wasser. Verschlüsselung und Daten-schutz behandelt viele technische und darüber hinaus auch noch rechtliche Detailfragen, die sehr trocken sind und von Außenste-henden nur schwer zu fassen. Dennoch haben wir eine Brücke gefunden und zwar die Persönlichkeit von Edward Snowden. Über seine – wahre – Heldengeschichte und die Frage: »Warum hat er sein Leben geopfert?« sind wir das Thema gemeinsam angegangen.

3 Ist denn Kunst oder speziell das Theater überhaupt ein auch für die Zukunft gangbarer Weg, schwierige Tech­nikthemen für eine breite Öffentlichkeit verständlich zu machen?

Dirk Fox: Ich finde es hervorragend, wie sich die Künstler in das Thema hinein gearbeitet haben, denn ganz klar kommt hier auf die Kunst eine große Rolle zu. Wir haben ja auch schon im Vorfeld Anti-Prism-Partys veranstaltet und dabei große Unterstützung vom ZKM und seinem Leiter Peter Weibel bekommen, denn er hat ganz klar gesehen und argumentiert: Das Thema hat mit Freiheit und damit originär auch mit Kunst zu tun.

4 Wie gefällt dir das Ergebnis?

Dirk Fox: Ich bin begeistert. Die Autoren haben großartige Bilder gefunden. Das Stück wirft viele Fragen auf, die es – natürlich – nicht beantworten kann. Das kann das Theater den Zuschauern nicht abnehmen.

Aber das Wichtige ist: Das Stück bietet vielen Menschen einen Zugang zu der Frage, welche Implikationen die Technik auf unsere Gesellschaft hat und damit ist es wegweisend. Was die Kunst natürlich nicht kann, das ist, die Blackbox aufzuboh­ren. Sie kann das Technikding nur umkreisen, sie kann nicht eintauchen, aber das liegt in der Natur der Sache.

Dirk Fox: Vorstand des Cyberforum e.V., Geschäftsführer der Secorvo Security Consulting GmbH und Ini­tiator der Karlsruher IT-Sicherheitsinitiative (KA-IT-Si), ist Diplom-Informatiker und  beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit Fragen der Informationssicherheit und des Datenschutzes in Forschung, Entwicklung und Beratung.

erschienen im VKSI Magazin 12

WIEDERAUFNAHME 11.10.2015 STUDIO, Termine

Preis für Thomas Halle

Der Schauspieler Thomas Halle erhielt für seine Leistung in der Inszenierung den diesjährigen Günther-Rühle-Preis. Die Jury des Günther-Rühle-Preises bezeichnete den Preisträger Thomas Halle in ihrer Begründung als »virtuosen Spieler und als jemanden, der zum Denken anregt«. Halle stelle sich in »Ich bereue nichts« »dem Phänomen Edward Snowden und der durch ihn ausgelösten Überwachungs-Debatte« mit »Dring­lichkeit und Unbedingtheit«, er bringe »sich und seine Person buchstäblich selbst ins Spiel und wird so im besten Sinne Iden-tifikations- und Spiegelungsfigur für uns, die wir dem Thema der totalen Überwachung bislang wohl mehr oder weniger indifferent (bis ignorant) gegenüberstanden«.

 

Unsere Konzerte sind eine Art öffentliches Denken

Beitragsfoto: Daniel Bollinger

Vier Menschen sitzen am Tisch über ihre Laptops gebeugt. Musik erklingt. Es sind Benoît and the Mandelbrots. Ihren Namen haben sie von dem französischen Mathematiker Benoît Mandelbrot geborgt, ihre Musik erschaffen sie selber bei jedem Auftritt neu. Benoît and the Mandelbrots ist eine 2009 in Karlsruhe gegründete Live-Coding-Laptop-Band, die mithilfe von Programmiersprache improvisiert. Zwei der insgesamt vier Musiker, Patrick Borgeat und Juan A. Romero, kommen in mein Karlsruher Büro zum Interview.

Mathis: Was machen Sie eigentlich genau, wenn Sie auf der Bühne sind?

Borgeat: Anders als andere Programmierer, die ein Produkt herstellen, formen wir den Softwareprozess ständig um. Und dieser Prozess formt während des Programmierens ständig Klänge.

Mathis: Welche Sprache verwenden Sie?

Borgeat: Wir benutzen die Sprache SuperCollider, ein Open Source Produkt speziell für Klang und Musikproduktionen. Es gibt aber durchaus auch andere Programmiersprachen, die extra für diese musikalische Aufführungspraxis entstanden sind oder dafür nutzbar gemacht worden sind. Zum Beispiel gibt es Leute, die mit JavaScript arbeiten, es gibt aber auch viele Künstler, die nur für ihre eigene Performance eine komplett eigene Programmiersprache entwerfen.

Mathis: Schränkt das nicht ein?

Borgeat: Man braucht die eine oder andere Einschränkung, um kreativ zu sein.

Romero: Es ist mehr wie ein Instrument, man kann auch nicht mit einem Saxofon Klavier spielen. Wir aber wollten, auch um etwas flexibler sei zu sein, eine allgemeine Programmiersprache verwenden.

Borgeat: Viele Livecoder – vor allem wenn sie mehr aus der Softwaretechnik kommen – schätzen diese Universalität und es gibt auf der anderen Seite Künstler und Komponisten, die nicht daran interessiert sind, dass auch andere ihre Programmiersprache nutzen. Das sind einfach unterschiedliche Herangehensweisen.

Mathis: Und was passiert dann auf der Bühne genau? Ich kann während Ihrer Performance zusehen, wie Sie Zeilen umschreiben, aber was muss genau passieren, damit ich ein Konzert höre?

Romero: Ich glaube, bei unseren ersten Performance hat es drei Minuten gedauert, bis man überhaupt den ersten Ton gehört hat. Erst muss man die Audio Engine starten, dann den Synthesizer kompilieren, danach erst kann man ihn aktivieren. Aber wenn man ihn dann aktiviert, spielt er erst mal einen durchgehenden Ton. Dann muss ein Prozess starten, der eine Melodie ergibt. Und bis dahin sind drei Minuten um. Mittlerweile haben wir aber eine Art Snippets gespeichert, damit wir schneller starten können.

Mathis: Das ist ein wenig wie ein Orchester, das muss ja auch immer erst noch mal die Instrumente stimmen …

Romero: Viele fanden das auch sehr interessant, dass wir diesen Prozess so transparent gemacht haben. Aber natürlich muss man drei Minuten Stille im Publikum erst mal ertragen. Und wenn wir nur 12 Minuten für einen Auftritt haben, können wir nicht die ersten drei Minuten darauf verwenden, die Maschine zu starten.

Mathis: Und wie entwickeln Sie die Performance weiter?

Romero: Algorithmen sind nicht wie Töne. Ich spiele nicht auf der Tastatur. Ich programmiere etwas und das kann ein ganzes Stück sein. So kann es während der Performance geschehen, dass ich an meinem Part für eine Weile gar nichts ändere. Wenn ich zufrieden damit bin, dann höre ich erst mal so lange zu, bis eine Änderung notwendig wird. Das kann man bei Instrumenten nicht. Da ist man immer gleichzeitig am Spielen und am Zuhören.

Mathis: Wie wird man überhaupt Live Coder?

Romero: Bei uns hat es mit dem Studium angefangen. Am Anfang konnte ich aber noch nicht programmieren, dann haben wir erst mal mit anderen Dingen experimentiert, zum Beispiel mit dem wii-controller und irgendwann mal traut man sich, Live zu spielen. Dann geschehen viele Fehler und manchmal entstehen sehr interessante Dinge aus den Fehlern.

Borgeat: Wenn wir genau wüssten, was passiert, wäre es auch nicht so spannend. Das ist doch das Entscheidende daran, dass wir Live spielen. Wir könnten sonst natürlich auch vorne auf der Bühne sitzen, eine Aufnahme abspielen, und währenddessen E-Mails lesen.

Mathis: Wollen alle, die das lernen, vor allem Live spielen?

Romero: Ich lege es meinen Studenten immer ans Herzen. Man muss zusammenspielen. Dann muss man sich an die anderen anpassen. Es ist das Schönste, gemeinsam mit anderen zu musizieren. Als klassischer Gitarrist zum Beispiel ist man sehr oft alleine. Während bei Computer Musik … wir haben kein Repertoire. Wir erarbeiten alles live. Die Regeln machen wir selber. Das ist wie eine ganz andere Welt.

Mathis: Fehlt einem bei der Computer Musik nicht die Sinnlichkeit, die Körperlichkeit, weil man, anders als etwa bei der Gitarre oder dem Cello, das Instrument nicht umarmt?

Borgeat: Doch, das ist eine wichtige Dimension von Musik: das Zupfen, das Reinblasen, das Vibrato, die Intonation. Aber es ist halt nicht die einzige Dimension von Musik und wir finden es spannend, zu erforschen, wie Musik ohne diese Dimension funktioniert.

Romero: Vielen Musikern sieht man dabei zu, wie sie sehr gestisch musizieren. Bei uns liest man, was wir schreiben und man hört, was wir denken. Unsere Konzerte sind eine Art öffentliches Denken. Ich muss meine musikalischen Gedanken als Algorithmus formulieren, die Leute blicken in mein Gehirn rein, statt den Körper zu sehen.

Borgeat: Man kann auch immer noch, wenn man nicht ganz ohne diese Körperlichkeit auskommen möchte, in gemischten Ensembles spielen. So haben wir mal in einem gemischten Ensemble das Audiosignal der mikrophonierten Instrumente übernommen, um die Instrumente zu erweitern, bzw. mit dem Klangmaterial zu improvisieren.

Romero: Das ist eine Art Meta-Instrument. Zum Beispiel bekomme ich das Mikrofon von der Flötistin, setze einen Effekt, z. B. einen Hall, darauf, und wenn sie das hört, wird sie darauf hin anders spielen. Ich beeinflusse also ihr Spiel durch die Effekte, die ich daraufsetze. Das ist eine ganz interessante Möglichkeit, hybrid zu arbeiten.

Mathis: Sie chatten auch manchmal während ihrer Livekonzerte …

Borgeat: Wir haben Blickkontakt, aber wir chatten auch. Manchmal erscheint das auch auf der Projektion. Das ist eine weitere Ebene, die Humor in unsere Performances bringt.

Romero: Oder wenn man keine Lust mehr hat, Bass zu spielen, so fragt man im Chat, wer übernehmen möchte und dann wird der eine Bass etwas leiser, bis der andere lauter wird und übernimmt.

Mathis: Wie viel Spaß macht das Programmieren dabei?

Borgeat: Wir programmieren auch außerhalb der Musik. Wir programmieren gerne und es macht uns auch Spaß. Sonst würden wir wahrscheinlich auch nicht so Musik machen.

Romero: Live ist das natürlich eine spezielle Situation, man ist nervös, es geschehen Fehler. Man muss technisch denken und die Musik technisch konzipieren, aber das macht alles Spaß.

Mathis: Mandelbrot ist in der Live Coding Szene eine sehr bekannte Band …

Borgeat: Für Leute, die sich damit beschäftigen, sind wir sicher ein Begriff. Wir sind mit die Ersten, die auf einer größeren Bühne aufgetreten sind, wie zum Beispiel beim letzten Stadtgeburtstag in Karlsruhe. Da haben wir sehr viel visuell gearbeitet, das Publikum war sehr groß und wir wollten möglichst leichte Zugänge schaffen. Anders als im ZKM, wo das Publikum von vornherein auf experimentelle Musik eingestellt ist. Dort herrscht eine klassische Konzertatmosphäre, das ist sehr angenehm. Anders als auf einem Rockkonzert, da sprechen die Leute weiter und trinken Bier.

Mathis: Wo kann man Mandelbrot das nächste Mal hören?

Romero: Der nächste öffentliche Auftritt wird am 17. Januar bei den Algoraves im Jubez stattfinden.

Mathis: Vielen Dank für das Gespräch

Mehr über Benoît and the Mandelbrots erfährt man hier: the-mandelbrots.de und über Live Coding dort: Toplap.org

und hier der Film „Menschen am Sonntag“ von 1930 mit ihrer Filmmusik

erschienen im VKSI-Magazin #11

Das neue VKSI-Magazin ist erschienen

Das VKSI Magazin 11 im Januar 2015 widmet sich einem besonderen IT-Thema und gleichzeitig einer Karlsruher Besonderheit: Musik-Informatik an der Musikhochschule Karlsruhe. Dazu stellen wir in unserer Serie “Karlsruher Köpfe“ den Gründer des Instituts, Prof. Dr. Thomas A. Troge, vor. Im Interview mit Susann Mathis spricht er über Programmieren, Komponieren und Kreativität. In einem zweiten Interview in der Serie „Karlsruher Softwaregespräch“ erläutern zwei Mitglieder der Live Coding Laptop Band „Benoît and the Mandelbrots“, wie sie mit der Sprache SuperCollider auf der Bühne improvisieren.Das Thema wird live auf dem Entwicklertag im Mai 2015 fortgeführt: Professor Troge wird eine Keynote halten und  Benoît and the Mandelbrots werden ein Konzert geben.

weitere Themen:

  • Außerdem stellt Stefan Hellfeld das „House of Living Labs“ des Forschungszentrums Informatik FZI vor, fzi.de
  • Christoph Schlenzig und Sabrina Merkel von Seven2one präsentieren mit SmartEnergtyHub eine Business Intelligence Lösung für Smart Energy Geschäftsmodelle. seven2one.de
  • Und Professor Walter Tichy beschreibt eine erstaunliche Erfolgsserie. Schon seit Wintersemester 2011/2012 hat das Institut die Pflichtveranstaltung „Praktikum der Softwareentwicklung“ so gestaltet, dass das Praktikumsergebnis zu einem Wettbewerb, dem „Imagine Cup“, eingereicht werden kann und produziert seither Gewinner. http://ps.ipd.kit.edu/
  • Und auch Neuigkeiten zur Nachwuchsförderung gibt es: Das informatikBOGY sucht für die vielen Schülerinnen und Schüler, die sich für Informatik interessieren, weitere Kooperationsunternehmen für die einwöchigen Praktika. http://bogy.zukunft-informatik.de/
  • Dirk Fox beschreibt mit der Karlsruher Technik-Initiative ein Projekt zur Förderung der Technik-Kompetenz an Karlsruher Schulen. http://robotiklab.wordpress.com/
  • Am Schluss lästert Matthias Hornberger, der Vorstandsvorsitzende des Cyberforums in seiner Kolumne Cybertrends anschaulich über das Wort „Existenzgründer“. Warum, das lesen Sie auf Seite 27 im VKSI Magazin 11.

Viel Vergnügen bei der Lektüre, entweder des gedruckten Magazins (liegt aus), der Online-Click-Ausgabe http://issuu.com/vksi/docs/vksimagazin_11_141204-8_web/0 oder des PDFs

 

Wenn Maschinen für Maschinen schreiben

Weil es einfacher ist, Zeitungsmeldungen zu schreiben als Schach zu spielen, haben die ersten Roboterjournalisten den Turing-Test schnell bestanden: Bei einfachen Meldungen kann man nicht herausfinden, ob der Text von einem Menschen oder von einer Maschine geschrieben wurde. Denn eine einfache journalistische Meldung gibt Antwort auf die berühmten sieben journalistischen W-Fragen: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Woher/welche Quelle? Oft kann diese Fragen ein Computer genauso gut beantworten. Und, machen wir uns nichts vor, Menschen verwenden für diese Art von Text auch nur die immer gleichen Textbausteine.

Zentral ist die Geschwindigkeit: Die vom Computer verfassten Texte stehen ratzfatz bereit, da muss kein Journalist geweckt werden, kein Kaffee gekocht, kein Verb gesucht und keine Überschrift von Hand formatiert werden… und wer als Erster meldet, kriegt viele Klicks. In diesem Sinne muss „Verständlichkeit“ neu definiert werden, denn in erster Linie geht es ja darum, dass diese von Computern verfassten Texte von anderen Computern schnell gefunden werden.

Ursprünglich sind Zeitungen aus dem Bedarf nach genau dieser schnellen und nüchternen Information entstanden, nämlich weil die Wirtschaft Nachrichten über Schiffsuntergänge,
politische Krisen oder den Ausbruch von Kriegen brauchte. Im Mittelalter übernahmen von Hand abgeschriebene Kaufmannsbriefe diese Aufgabe. Die ersten gedruckten Zeitungen
erschienen dann zu Beginn des 17. Jahrhunderts, wie es hieß: „Zur befürderung unnd gewinnung der Zeit“, die sonst mit „Abschreiben“ verbracht worden war. Sukzessive kamen
dann zur Nachrichtenproduktion neue Formate wie Leitartikel, Reportagen, Kommentare, Portraits, Glossen und Interviews hinzu.

Mit Hilfe der schreibenden Algorithmen sollen Journalisten genau dafür wieder mehr Zeit gewinnen: vielschichtige Zusammenhänge recherchieren und beschreiben, statt schnöde Nachrichten produzieren. Das wäre schön. Theoretisch. Warum aber befürchte ich, dass ich nur immer noch mehr zugemüllt werde mit austauschbarem „Bliblablo“? Weil sich viele Verleger und Content-Manager über Algorithmen freuen, die weder Gehalt noch Krankenversicherung
brauchen und trotzdem viele irgendwie verständliche Sätze auf die Seiten bringen. Egal, soll mein Computer halt den langweiligen Unfug lesen.

Herzlich,
Ihre Susann Mathis

Regisseure unserer Freizeit

Was haben wir Menschen eigentlich früher mit unserer ganzen Freizeit angestellt? Die ARD/ZDF-Langzeitstudie »Massenkommunikation« beobachtet das Medienverhalten der Bevölkerung seit 1964. Nach deren Ergebnissen sehen wir Bundesbürger immer mehr fern, seit einigen Jahren immer noch leicht ansteigend etwa 220 Minuten täglich. Diese drei Stunden und 40 Minuten pro Tag … nomophobia

Interview mit Uncle Bob

Der US-amerikanische Softwareentwickler Robert C. Martin, auch bekannt als „Uncle Bob“, arbeitet seit den 1970er Jahren in diversen Softwareentwicklungsprojekten, initiierte 2001 die Entwicklung des Agilen Manifests, das Fundament agiler Softwareentwicklung und ist führendes Mitglied der Software Craftsmanship Bewegung. Im Anschluss an ein zweitägiges Seminar in Karlsruhe nahm er sich Zeit für ein Interview mit dem VKSI-Magazin. Interview+mit+Bob+Martin (engl.)