• Susann Mathis

Glaub mir doch

Publikum zwischen Desinformation und Vertrauen

Die einen beschimpfen Zeitungen und Sender, attackieren Journalistinnen und Reporter, bei den anderen wächst das Vertrauen in die Medien. Die radikale Umstellung der Lebensumstände durch COVID-19 steigerte nicht nur das Bedürfnis nach Information, sondern änderte auch das Verhältnis zu Medien und Nachrichten. Neue Studien versuchen herauszufinden, was das Corona-Geschehen mit unserer Mediennutzung gemacht hat. Wir haben einen kleinen Streifzug durch die aktuellen Forschungsergebnisse unternommen.


Die gute Nachricht zuerst: Das Vertrauen der (jungen) Deutschen in Nachrichten wächst.

Auch wenn immer wieder Verschwörungsmythen und Lügenpresse-Vorwürfe laut werden, beliebte Künstler*innen etwa in der Video-Aktion #allesdichtmachen auch einen generellen Vorwurf an „die Medien“ unterbringen – insgesamt ist das Vertrauen gestiegen, so das Ergebnis der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen und auch der anderen Studien. „Wenn es um wirklich wichtige Dinge geht – etwa Umweltprobleme, Gesundheitsgefahren, politische Skandale und Krisen – kann man den Medien vertrauen.“ Dieser Aussage stimmten Ende des vergangenen Jahres 56 Prozent der Befragten zu. In den Vorjahren lag dieser Wert nur zwischen 41 und 44 Prozent, im Jahr 2015 sogar nur bei 28 Prozent.

In der Corona-Krise verzeichneten die Nachrichtenangebote einen großen Zulauf. Medien reagierten auf das gestiegene Interesse mit neuen Formaten wie Sondersendungen, Newslettern und Wissenschaftspodcasts. Der Informations- und Orientierungsbedarf ging offenbar mit wachsendem Vertrauen in die Medien einher. Nur 16 Prozent der Deutschen sagten im Jahr 2020, man könne den Medien „eher nicht“ oder „überhaupt nicht“ vertrauen, 28 Prozent äußerten sich ambivalent („teils, teils“).

Allerdings schränken die Autor*innen in ihrem Vorwort im Frühjahr 2021 ein: „Ob es sich hierbei um ein nachhaltiges Vertrauensplus handelt, muss sich erst noch zeigen.“ Die Unzufriedenheit mit dem politischen Krisenmanagement wächst, das könne sich auch auf das Vertrauen in die Medien niederschlagen.

Wem genau wird vertraut?

Der Digital News Report (DNR) des Leibniz-Instituts für Medienforschung in Hamburg fragt, unter anderem, ebenfalls das Vertrauen ab. Die Ergebnisse für Deutschland werden am selben Institut durch die Befragung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Rahmen des Verbundprojektes #UseTheNews ergänzt – in Zusammenarbeit mit der Deutschen Presse Agentur und vielen weiteren Praxispartnern, darunter auch dem SWR.

Zunächst gibt es einen wichtigen Unterschied festzustellen: Der DNR fragt explizit nach „Nachrichten“ und nicht wie die Mainzer nach „Medien“. Laut seinen Ergebnissen vertrauen 53 Prozent der Befragten im Jahr 2021 den Nachrichten in Deutschland, das sind acht Prozentpunkte mehr als im vergangenen Jahr (2020: 45 %, 2019: 47 %). Und noch eine feine Differenzierung, nämlich zwischen Nachrichten allgemein und den selber ausgewählten Quellen: 62 Prozent vertrauen den Nachrichten, die sie selbst nutzen; das entspricht einem Anstieg um drei Prozentpunkte gegenüber 2020.

Unter den abgefragten Nachrichtenmarken sind auch im Jahr 2021 die Hauptnachrichten der öffentlich-rechtlichen Anstalten die beiden Angebote mit den höchsten Vertrauenswerten unter den Befragten. Auch regionale bzw. lokale Tageszeitungen zählen nach wie vor zu den Top 3. Nachrichten in sozialen Medien vertrauen wie im Vorjahr nur 14 Prozent der Onliner, unentschieden sind 36 % und jeder zweite vertraut ihnen nicht (50 %).



Allerdings Misstrauen bei wohlhabenden Berufstätigen

Edelman, eine weltweit vertretene PR-Agentur, befragte Hochschulabsolvent*innen zwischen 25 und 64 Jahren mit einem Haushaltseinkommen im obersten Quartil für ihr Alter im Edelman Trust Barometer. 59 % unter ihnen empfinden, dass die Medien keinen guten Job machen, wenn es um objektive und überparteiliche Berichterstattung geht. Darüber hinaus sagen 42 % (global: 59 %), dass Nachrichtenorganisationen mehr damit beschäftigt sind, eine Ideologie oder politische Position zu unterstützen als die Öffentlichkeit zu informieren. Bedenklich ist, dass in dieser Gruppe mehr als zwei Fünftel (43 %; global 59 %) der Befragten sagen, dass Journalisten und Reporter die Menschen absichtlich durch falsche und übertriebene Informationen in die Irre führen wollen. Und außerdem ist bedenklich, dass man durch andere Untersuchungen eine Vorstellung erhalten muss, dass auch in dieser relativ gebildeten Schicht nicht unbedingt jede*r genau weiß, wie er Journalist*innen von anderen Publizierenden unterscheiden kann und sich dieses Nichtwissens im schlimmsten Fall gar nicht mal bewusst ist.

The News will find me – eine Illusion

Gezielte Nachrichtennutzung spielt bei jungen Menschen keine große Rolle mehr, so ein Ergebnis der #UseTheNews-Studie. Die Hälfte der jungen Erwachsenen zwischen 14 und 24 Jahren hält es für nicht wichtig, sich über Neuigkeiten und aktuelle Ereignisse zu informieren.

„If the news is important, it will find me“ – Wenn etwas Wichtiges passiert, werde ich dies auch erfahren, so lautet für diese Gruppe das Motto. Diese Aussage hat vor einigen Jahren alarmiert, als social Media noch vorwiegend die private Kommunikation organisiert hat. Heute findet man dort ebenso journalistische Angebote. Inzwischen gehört zu den Aufgaben im Journalismus: hervortreten im Überangebot.

Die News suchen mich, aber bin ich dann auch da?

Um zu untersuchen, ob Jugendliche von den wichtigen Nachrichten tatsächlich so gut erreicht werden, wie sie glauben, wurden bekannte Themen der vergangenen Monate abgefragt. Wie zu erwarten konnten diejenigen Befragten, die in den sozialen Medien auch journalistische Quellen nutzen, ausnahmslos alle gestellten Fragen besser beantworten als diejenigen, die journalistische Angebote kaum oder gar nicht nutzen. Dazu ein Beispiel:

Am Beispiel der BlackLivesMatter-Bewegung destabilisiert das Umfrageergebnis die Zuversicht, dass wichtige Nachrichten ihre Adressat*innen erreichen: Nur ein Teil der Befragten kannte die Bewegung.

Zwar entfielen die im Vergleich meisten richtigen Antworten unter denjenigen, die journalistische Angebote kaum oder gar nicht nutzen, auf die Frage, unter welchem Slogan in den USA Demonstrationen zur Stärkung der Rechte nicht-weißer Menschen stattfinden. Das Thema wurde nicht nur in den Nachrichten-Medien, sondern auch in den sozialen Medien unter dem Hashtag „#BlackLivesMatter“ ausgiebig diskutiert.

Dennoch hatten fast die Hälfte der Gering Informationsorientierten und über ein Drittel der Nicht-Journalistisch Orientierten von diesem Slogan noch nie gehört. Dies ist ein klares Indiz dafür, dass selbst bei Themen, die in sozialen Medien zeitweise eine ausgesprochen hohe Intensität erreichen, die „News will find me“-Perspektive ihre Grenzen hat.

Falschmeldungen erkennen: Die Verunsicherung wächst

Mehr als ein Drittel, etwa 37%, der erwachsenen Onliner haben Bedenken, eventuelle Falschmeldungen nicht von Fakten unterscheiden zu können. Die Bedenken, dass Falschmeldungen verbreitet werden, beziehen sich dabei vor allem auf Facebook. Das ist ein begrüßenswerter Zweifel.

Auffällig sind jedoch die Schwankungen in der jüngsten untersuchten Altersgruppe der 18- bis 24- Jährigen. Aktuell äußert mit 45 Prozent fast die Hälfte unter ihnen Bedenken, den Unterschied erkennen zu können. In der vorhergehenden Befragungswelle 2020, die vor der Corona-Pandemie durchgeführt wurde, betrug ihr Anteil lediglich 28 Prozent und im Jahr 2019 waren es 39 Prozent. Insgesamt zeigten jüngere Altersgruppen bisher tendenziell jedoch stets eine höhere Überzeugung, Fakten von Falschmeldungen unterscheiden zu können als ältere Nutzerinnen und Nutzer; im Jahr 2021 ist die jüngste befragte Altersgruppe hingegen diejenige, in welcher die meisten Sorgen über Falschmeldungen geäußert werden.

Zum Schluss die Hausaufgaben

Auffällig ist die hohe Relevanz von Influencern auf die Meinungsbildung in der Gruppe der Nicht-Journalistisch Informationsorientierten aber auch bei den Umfassend Informationsorientierten. So halten in der Gruppe der 14- bis 17-Jährigen 41 Prozent der Umfassend Informationsorientierten, in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen 35 Prozent Influencer für äußerst und sehr wichtig für die eigene Meinungsbildung.

Ein oft zitiertes Ergebnis der Studie ist die Aussage der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, dass Nachrichten zu wenig mit ihren Lebenswirklichkeit zu tun hätten. Junge Erwachsene fühlen sich in signifikantem Umfang von den etablierten Medien falsch oder nicht verstanden. Nach den Ergebnissen des Digital News Reports empfinden 42 Prozent der 18- bis 24-Jährigen Mediennutzer*innen in Deutschland den Umfang der Berichterstattung über „Menschen meines Alters“ als unzureichend. Darüber hinaus gaben 37 Prozent dieser Altersgruppe an, dass – sollte über Menschen ihres Alters berichtet werden – dies inhaltlich nicht angemessen sei, also zum Beispiel Fehler oder Verzerrungen moniert werden.

Diese Aussage, durch die Studie abgefragt am Ende langer Monate sozialer Isolierung, die besonders den jungen Menschen viel abverlangt und wenig dafür gegeben hat, ist eine ganz spezielle Momentaufnahme. Dennoch kann man die Ausnahmesituation nicht als Vorwand zur Sorglosigkeit nutzen. Kein Weg führt daran vorbei, Nachrichten für das junge Publikum anders journalistisch aufzubereiten. Indes betonte Prof. Dr. Uwe Hasebrink, einer der Autoren des DNR bei der Vorstellung der Studie, dass Journalismus in den Sozialen Medien immer noch als solcher erkennbar sein müsse. Er sollte Strategien der zahlreichen nicht-journalistischen Akteure in den Sozialen Medien nicht vorschnell übernehmen.

Wer Lust auf mehr Details hat, findet die Studien in einer Suchmaschine unter den jeweiligen Stichworten: „Digital News Report 2021“, „#usethenews“, „Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen“ und „Edelman Trust Barometer“.

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